German poem
Ich habe eine gute Tat getan
by Franz Werfel (1890–1945)
Herz frohlocke! Eine gute Tat habe ich getan. Nun bin ich nicht mehr einsam. Ein Mensch lebt, Es lebt ein Mensch, Dem die Augen sich feuchten, Denkt er an mich. Herz, frohlocke: Es lebt ein Mensch!
Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam, Denn ich habe eine gute Tat getan, Frohlocke, Herz! Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
Tausend gute Taten will ich tun! Ich fühle schon, Wie mich alles liebt, Weil ich alles liebe! Hinström ich voll Erkenntniswonne! Du mein letztes, süßestes, Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl! Wohlwollen! Tausend gute Taten will ich tun.
Schönste Befriedigung Wird mir zu Teil: Dankbarkeit! Dankbarkeit der Welt. Stille Gegenstände Werfen sich mir in die Arme. Stille Gegenstände, Die ich in einer erfüllten Stunde Wie brave Tiere streichelte.
Mein Schreibtisch knarrt, Ich weiß, er will mich umarmen. Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen, Geheimnisvoll und ungeschickt Klingen alle Saiten zusammen. Das Buch, das ich lese Blättert selbst sich auf.
. . . . . . . . . . . . . . Ich habe eine gute Tat getan!
Einst will ich durch die grüne Natur wandern, Da werden mich die Bäume Und Schlingpflanzen verfolgen, Die Kräuter und Blumen Holen mich ein, Tastende Wurzeln umfassen mich schon, Zärtliche Zweige Binden mich fest, Blätter überrieseln mich, Sanft wie ein dünner, Schütterer Wassersturz. Viele Hände greifen nach mir, Viele grüne Hände Ganz umnistet Von Liebe und Lieblichkeit Steh ich gefangen.
Ich habe eine gute Tat getan, Voll Freude und Wohlwollens bin ich Und nicht mehr einsam Nein, nicht mehr einsam. Frohlocke, mein Herz!
Aus »Wir sind« Neue Gedichte 1913
Die Unverlassene (Der Besuch aus dem Elysium)
Es kommt die eine neue Nacht. Du bist von Ferne aufgewacht, Und neben Dir ist Schnarchen schwer. Und ach vom Gitterbettchen her Ein Weinen klein und unbewußt. Da schlägst Du Deine Decke um, Nimmst ohne Glück und stumm Das Kind an Deine Brust.
Wenn mühsam Tag sich näher drängt Und Dich in Erdenlos verfängt, Wird Schoß und Lippe wissensschwer, Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr, Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich, Gedenke und erinnere Dich, Daß jener Bot' aus besserer Welt Dich seltsam in der Seele hält!
Weißt Du, weißt Du den Abendgang, Wo noch Dein Wesen glitt und sprang? Wer fühlte einst im Elternhaus, Wer Dich in Ewigkeit voraus? Wenn Du Dich einsam meinst, Wer kannte schon den Schmerzenston, In wessen Kehle brannte schon Das Weinen, das Du jetzt weinst?!