German poem
Mondlied eines Mädchens
by Franz Werfel (1890–1945)
Ich liege in gläsernem Wachen, Gelöst mein Haar und Gesicht. Am Boden in langsamen Lachen Schwebt Mond, das unselige Licht.
Und wie mir die tödliche Helle Die Stirn und das Auge befühlt, Zerrinn ich und bin eine Welle, Gekräuselt, entführt und gespült.
Die Mutter atmet daneben, Der Vater schläft auf und ab. Ich habe Attest um das Leben Von allen, die ich lieb hab.
Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer Erzengel mit schrecklichem Schwert. Ins Ohr weint mir immer, mir immer Ein Kind, das mir nicht gehört.
Nachtlampe von tausend Betten Des Leidens, der Mond mir scheint. Ich möchte viel Schluchzendes retten, Und bin es doch selbst, die weint.
All Ding im Zimmer verlassen, Der Schuh, und der Tisch, und die Wand. Ich möchte das Ferne anfassen, Nur sein eine streichelnde Hand!
Ich möchte mit Fröstelnden spielen, Und halten die Kalten im Arm! Ich fühle, die Reichen und Vielen Sind Kinder vor mir und so arm!
Für alle muß ich mich sorgen, Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . . Ich horche, wie in den Morgen Der Atem von allen sich hebt.
Im Fenster wehn Bäume zerrissen, Viel Himmel sind windig in Ruh. Ich decke mit meinen Kissen Die frierenden Welten zu.