German poem
Die Jagd
by Friederike Kempner (1828–1904)
Hell der Himmel ist erleuchtet. Sonnenstrahlen hin und her, Frischer Thau den Rasen feuchtet, Silbern glänzt das Jagdgewehr.
Eine Jagd ist's! Blutig jagend Eilt der Jäger durch den Wald, Für das Böse Alles wagend, Mordruf weit und breit erschallt!
Aufgescheucht flieh'n junge Rehe, Von dem blut'gen Schauplatz fort, Doch der Jäger Todes-Nähe Eilet nach von Ort zu Ort.
Mit der Hast, dem wilden Grimme Der das Böse gern beschönt, Der betäubend jene Stimme Ernsten Mahnens nicht verhöhnt.
Bei dem blut'gen Reh daneben Steht der Schütze blutig roth: Räche, Gott, mein schuldlos Leben, Fleht das Thier vor seinem Tod.
Trotzig glänzt des Waidmann's Miene Bei des jungen Rehes Blut, Und es war, als wenn's ihm schiene Heute hätt' er Glück und Gut!—
»O daß ich den Bock erwische!« Und so sprengt er rasend fort, Und bleibt hängen im Gebüsche, Und das Roß trabt weiter fort.
Schleift den Jäger zu der Haide, Wo das Thier getroffen liegt, Still am Boden liegen Beide, Schuldlos Reh hat obgesiegt!
Endlich macht es eine Runde, Endlich steht das muth'ge Roß, Und in selbiger Sekunde Geht des Jägers Büchse los.
Trifft des Jägers stiere Blicke, Schmerz durchzuckt sein Angesicht: Jäger, traue Deinem Glücke, Deiner wilden Jagdlust nicht!