German poem
Die Poesie
by Friederike Kempner (1828–1904)
Die Poesie, die Poesie, Die Poesie hat immer Recht, Sie ist von höherer Natur Von übermenschlichem Geschlecht.
Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie, Sie schimpfet nie, sie grollet nie, Sie legt sich in das grüne Moos, Beklagend ihr poetisch Loos!
Zu einem Gemälde, welches nach dem Tode Kaiser Friedrich des Dritten erschien.
Bist als Meteor erschienen Unsrer kalten Wirklichkeit, Ach erschienen und entschwunden All zu früh zur Ewigkeit.
Gabst die Liebe zur Parole, Zum Panier Gerechtigkeit, Daß sie eine Wahrheit werde Die erträumte Menschlichkeit.
Und erwärmet ward die Erde, Aufgericht't das Ideal Von des dritten Friedrichs Geiste, Seines Herzens warmen Strahl.
Dritter Friedrich Du wirst leben, Hier und dort der Edle lebt, Unvergessen bleibt auf Erden Wer schon hier zum Himmel schwebt.
An L. zu P.,
welche unbekannter Weise meine Handschrift oder einen Vers von mir wünschte.
Einen Vers hast Du bestellt, Poesie scheint Deine Welt, Denn Wer selber Poesie Liebet und verehret sie.
Zeige Du Dein eigen Sein, Laß mich in Dein Leben ein, Auch das Herz ist stammverwandt— Sympathie von Gott gesandt.
Kleine Blüthen, Röselein, Alle unschuldsvoll und rein, Wählte tief bewegt ich aus Ach, zu einem Abschiedsstrauß.
Ferne sang ein Vögelein: »Menschenherz, so groß und klein, Buntester Gefühle Strauß, Schau'st so treulich heute aus!«
Vögelein, Dein Lied ist wahr, Dankestreue in mir weilt, Beten werd' ich immerdar:
Jenen, der heut von uns eilt, Gott im Himmel ihn bewahr Aller Orten, wo er weilt!
Poesie ist Leben, Prosa ist der Tod, Engelein umschweben Unser täglich Brod.
O sieh, wie sich's thürmt, Die Welle sich bäumt, Das Ufer ergrünt, Von Blumen besäumt.
Es näh'rt sich das Boot, Die Woge, sie schäumt. Das Mägdlein, da drin, Das Mägdlein, es träumt!
Und über dem Haupt, Am Himmel aufwärts Ein Zeichen von Gold, Ein flammendes Herz!—
Es ist mir so federleicht ums Herz, Versunken ist der wilde Schmerz, Und wenn's mir so im Innern glüht, Sing' ich euch bald ein neues Lied:
Ein blaues Aug', ein goldner Stern, Ein rothes Wölkchen nah und fern, Ein Freundesherz, ein treuer Blick, Ein menschlich rühmliches Geschick.
Die Welle steigt, die Welle sinkt, Ein brauner Nachen freundlich winkt, Ein frischer Ruderschlag ertönt! Wie man sich dort nach Sängern sehnt!
Ade, ade, Du grüne Welt, Der Sänger ist der wahre Held, Greift er in seine Saiten ein, Stimmt bald die ganze Seele ein!
Die ganze Welt, sie stimmt mit ein, Die Welt ist sein, die Menschen sein, Ade, ade, Du grüne Welt, Der Sänger ist der wahre Held!
Die ganze Welt, sie stimmt mit ein, Die Welt ist sein, die Menschen sein, Ade, ade, Du grüne Welt, Der Sänger ist der wahre Held!