German poem
Die stille Thräne
by Friederike Kempner (1828–1904)
Die Thräne, ach, die stille, Nur sie brennt heiß, In ihr wohnet der Wille: »Daß Niemand davon weiß—«
Daß Niemand ahne, sähe, Wie sie dem Aug' entquillt, Ein Aug' in höchster Höhe Sie dennoch sieht und—stillt.
Nicht immer ganz—nicht immer— Oft bleibt zurück ein Schimmer, Ein glänzend feuchter Glanz— Wie Perlen oder Glimmer— Doch trocknen alle Thränen, Winkt jäh ein Lorbeerkranz!
Deutsche Bildung, deutsche Sitte, Deutsche Hetze, Kampfkultur, Kultivirte Kämpfe nur, Humanisten, schweigt, ich bitte, Denn im goldnen Reich der Mitte Ist von Hetze keine Spur, Und ob solcher Unnatur, Lacht Franzose, Däne, Britte.
Großer Friedrich, armer Kant, Leibniz, Lessing, Hufeland, Jäh vergessen von der Welt, Wenn Sophist und Köter bellt Wird das deutsche Vaterland, Gar mit Rußland gleichgestellt.