German poem
Gegen die Vivisektion
by Friederike Kempner (1828–1904)
Ein unbekanntes Band der Seelen kettet Den Menschen an das arme Thier, Das Thier hat einen Willen—ergo Seele— Wenn auch 'ne kleinere als wir.
Ein Mensch, mißbrauchend die Gewalt und Stärke, Ein lebend Herz zerreißen—wie? Wer gleicht denn hier dem wilden Thiere, Ist es der Mensch, ist es das Vieh?—
O erkläret mir das Räthsel Der umringenden Natur, Zu den Wundern, zeiget, gebet Mir nur eine einz'ge Spur!
Unbegriffen, unverstanden, Seh ich sehnsuchtsvoll mich um, Fragend all das Welten Chaos: Und das Chaos bleibet stumm.
Welten Chaos, Menschen Chaos Chaos in des Menschen-Brust, Heil'ge Liebe, glühend Hassen, Düster Gram und heit're Lust!
Wie es lodert, wie es flammet, Finstre Wolke, schwanker Kahn, Heil'ger Muth und süßes Hoffen: Bleibet in dem morschen Kahn!