German poem
Die alte Jungfer
by Friedrich Herman Semmig (1820–1897)
Von Hermann Semmig.
Sie sitzt am Fenster, still ihr Haupt, Das bleiche, drückend in die Hand; Ihr Auge, kalt und glanzberaubt, Blickt vor sich hin starr, unverwandt. Ihr scheint im fröhlichsten Gewimmel Die Welt ein schweigend wüstes Meer Mit farblos nebelödem Himmel, Gleich ihrem Herzen einsam, leer.
Verborgen wuchs sie, Allen fern; Sie floh den Tanz, ein scheues Reh; Sie liebte nie; stets einsam gern, That Keinem sie, ihr Keiner weh. Nie hing beglückt an liebem Munde Beglückend sie in holder Scham; Nie hat verschwiegne süße Wunde Ihr Herz gepflegt in stillem Gram.
Zwar als ihr Kindertraum zerrann, Als bei der Nachtigallen Schlag, Im Glanz der Jugendsonne dann Der Erde Garten vor ihr lag, Da hat’s in nächtlich süßen Schauern Gar oft gewogt in ihrer Brust Von einem sehnsuchtsbangen Trauern, Von heißer unerklärter Lust.
Dann schlief es unverstanden ein, Und nur ein tiefes krankes Weh Schlich sich in ihren Busen ein, Jungfräulich kalt wie frischer Schnee. So ohne Thränen, ohne Klage, So ohne Lächeln, ohne Lust Verblühten ihre Jugendtage, Und still und leer blieb ihre Brust.
Zuletzt, als der Verkümm’rung Pein Sich schon um ihre Lippen zog, Da war’s, als ob ein Sonnenschein Hell über ihre Züge flog, Als löste sich nach langen Zeiten Ihr Herz von einem schweren Bann, Als müßte sie die Arme breiten In Hast um den geliebten Mann.
Zu spät! Sie war ihm überreif; Er sah sie schmerzlich an und ging. Es war kein Thau, es war wie Reif, Was da an ihrer Wimper hing. Dann schloß, daß sie sich selbst betrüge, Sie lächelnd zu ihr müdes Herz; O Weib! Durch Deines Lächelns Lüge Weint doch ein namenloser Schmerz.
So fliegt im Spätherbst noch einmal, Gleich einem milden Frühlingskuß, Ein letzter warmer Sonnenstrahl – Ein Willkomm-, ach, und Scheidegruß – Hin über die erstarrte Welt, Die er im Frühling nicht verklärte, Bis dann der Schnee des Winters fällt Leis auf die todesmüde Erde.
So lächelte ihr Angesicht, Auf dem die Rosen schon verblüht, Indeß ihr mildes Augenlicht Vom letzten Strahle zuckend glüht. Die Tage fliehn; es kommt die Zeit, Wo wie des Schnees erste Flocke Das erste Silberhaar geschneit In ihre mädchenbraune Locke.
Dann fliegt vielleicht es noch einmal Durch ihre Seele zitternd bang, Wie seines Auges süßer Strahl, Wie seiner Stimme lieber Klang, Wie auf beschneitem Rosenzweige Vom Frühling singt ein Vögelein; Dann neigt sie still ihr Haupt, das bleiche, Und lächelnd, lauschend schläft sie ein.