German poem
Einer jungen Braut
by Friedrich Herman Semmig (1820–1897)
Ich sah dich blüh’n; fast noch ein Kind, Hast du gesessen mir zu Füßen, Zart wie die Rose, wenn sie lind Die ersten Sonnenstrahlen grüßen. Ich seh’ dich noch, die Schülerin, Aufmerksam lauschen meinem Worte, Wenn ich mit treu bedächt’gem Sinn Dir aufschloß der Erkenntniß Pforte.
Doch wenn, was wahr und schön und gut, Ich deinem Mädchenaug’ enthüllte Und mit der Dichtung heil’ger Gluth Begeisternd deine Seel’ erfüllte: Dann leuchtete dein Augenpaar Bei jedem Wort, das ich gesprochen, Und frommen Ernstes wunderbar Sah oft ich deine Schläfe pochen.
Dann zogst du aus die Kinderschuh’ – Es werden ja aus Kindern Leute – Und plötzlich nun erscheinest du, O süßer Schreck! im Schmuck der Bräute. Wie auch voll jugendlicher Lust Dein Herz geschwelgt im Glanz des Maien, Froh schauernd ahnt es deiner Brust: Am schönsten lebt sich’s doch zu Zweien.
Im Haar der keuschen Myrte Zier, So gehst du hin nun zum Altare – So geh’ beglückt! Gott sei mit dir, Mit Euch, dem wonnetrunk’nen Paare! Der edler Frauen Werth erkannt, Das höchste Glück durch sie gefunden, Nun segnet dich auch seine Hand Und ihn, dem liebend du verbunden.
O sei gewiß! es täuscht dich nicht, Was dir geahnt im Mädchenherzen; Selbst um die sorgenschwere Pflicht Spielt gaukelnd eine Schaar von Scherzen. Und ob der Jugend Mai verblich, Ob einst auch schnei’n des Alters Flocken: Ein Paradies erblüht um dich Voll Engelchen in blonden Locken.
Und wenn dereinst voll Mutterlust Du mild die eignen Kleinen lehrest, Durch fromme Sprüch’ in ihrer Brust Den Erbschatz deiner Tugend mehrest: Dann denk’ als frohe Lehrerin Des Lehrers noch in grauem Haare, Der einst in dir gepflegt den Sinn Für alles Schöne, Gute, Wahre!