German poem
An die heilige Jungfrau
by Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg (1750–1819)
An die heilige Jungfrau.
Sei gegrüßt, die auserkoren unter allen Weibern war, die den Heiland uns geboren, ihn, der sein wird, ist und war. Jungfrau, deren Schooß die Sonne der Gerechtigkeit empfing, Mutter, deren Blick mit Wonne an dem ew’gen Sohne hing.
Wie der Engel dich begrüßte, grüßet dich die Christenheit, denn das Knäblein, das dich küßte, ist der Herr der Herrlichkeit. Den du oft mit sanften Armen an die Mutterbrust gelegt, ist der Herr, der mit Erbarmen aller Himmel Himmel trägt.
Ach, im Stroh des niedern Stalles, von den Menschen, so er schuf, unbemerket lag, der Alles werden hieß auf Seinen Ruf. Sieh, in einer Krippe weinet er, durch den die Sternenwelt, wenn als Richter er erscheinet, wie ein Buch zusammenfällt.
Deren Brüste er gesogen, deren Lied in Schlaf Ihn sang, die in Armuth ihn erzogen, deren Seel’ ein Schwert durchdrang, als im Angesicht der Sonne Finsterniß die Erd’ umfing, weil Er, aller Himmel Wonne, Fluch gemacht, am Kreuze hing.
Heil’ge Mutter Gottes, bete du mit uns, für uns zum Sohn, daß Er mächtig uns vertrete vor des ew’gen Vaters Thron; daß Er Gnad’ um Gnade spende, daß Er seinen heil’gen Geist uns in uns’re Herzen sende, der aus Lieb’ in Liebe fleußt.
Dir, Dreieiniger, sei Ehre, Dir, Dreieiniger, allein! stimmet in der Himmel Chöre, Christi Brüder, freudig ein: Singet: Heilig, Heilig, Heilig, mit der ganzen Himmelschaar, Gott, denn Er allein ist heilig, Er, der sein wird, ist und war.