German poem
„Mein Glück!“
by Friedrich Nietzsche (1844–1900)
Die Tauben von San Marco seh ich wieder: Still ist der Platz, Vormittag ruht darauf. In sanfter Kühle schick’ ich müssig Lieder Gleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf – Und locke sie zurück, Noch einen Reim zu hängen in’s Gefieder – mein Glück! Mein Glück!
Du stilles Himmels-Dach, blau-licht, von Seide, Wie schwebst du schirmend ob des bunten Bau’s, Den ich – was sag ich? – liebe, fürchte, neide … Die Seele wahrlich tränk’ ich gern ihm aus! Gäb’ ich sie je zurück? – Nein, still davon, du Augen-Wunderweide! – mein Glück! Mein Glück! Du strenger Thurm, mit welchem Löwendrange Stiegst du empor hier, siegreich, sonder Müh! Du überklingst den Platz mit tiefem Klange –: Französisch, wärst du sein accent aigu? Blieb ich gleich dir zurück, Ich wüsste, aus welch seidenweichem Zwange … – mein Glück! Mein Glück!
Fort, fort, Musik! Lass erst die Schatten dunkeln Und wachsen bis zur braunen lauen Nacht! Zum Tone ist’s zu früh am Tag, noch funkeln Die Gold-Zieraten nicht in Rosen-Pracht, Noch blieb viel Tag zurück, Viel Tag für Dichten, Schleichen, Einsam-Munkeln – mein Glück! Mein Glück!