Versos German Friedrich Rückert Rostem und Suhrab — Zwölftes Buch

German poem

Rostem und Suhrab — Zwölftes Buch

by (1788–1866)

Listen in the reader

Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß, Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß: Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen; Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen; Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen. Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten: Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten, Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten! Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt, Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt, Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt! Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet; Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet. All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben; Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben. Rostem für Iran ist schon stark genug allein; Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein. Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen, So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen! Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn, Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn; Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin: Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen, So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen. Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf, So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf: Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf. Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick; Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick. Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht; Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht: Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.

Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn; Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon. Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen. Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen. Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt: Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut. Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht! Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume. Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten! Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten. O unglückseliger geliebter Jüngling du, So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh! Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet; Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet, Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust, Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust. Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt; Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt! Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet, Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet. Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut! Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut. Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten! Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt, Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront. Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub, Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub! Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung, Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung! So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug, Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.

So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen. Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund, Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund. Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange, Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange! Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen. Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen? Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen! Warum hat er versteckt im Busen dich getragen? Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen? Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen! Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief, Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren. O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen! Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen. Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen. Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie? Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie? O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück. Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!

So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor; Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor. Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost; Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost: Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub, Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub? Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest, Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest; Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen, Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen. Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt; Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt. Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche, Den überwältigend sein Tag nicht überrasche. Von ferne hab ich angestaunet diese Seule Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule. Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht; Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht. Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt, Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt! Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen; Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen. Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an, Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan! Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun; Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!

Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand; Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand, Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht: Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht! Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus; Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus. Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit; Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit, Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat, Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat. Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt, Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt. Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand; Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand. Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen, Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen: Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen! Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen! Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht; Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht. Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan; Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan. Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein! Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein. Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach, Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.

Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt. Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn, Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan. Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn, Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon. Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da, Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar, Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar. Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden! Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden! Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir; Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir! Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue! Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit, Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit. Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu, Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du! Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur! Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur. Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid, Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid! Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken, Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken. Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen, Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen. Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen, Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen. Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer. Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn: Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn! Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht; Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!

So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell; Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell! Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen; Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen. So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war. Der Vater ließ sodann in edle Spezereien Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien. Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt, Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt, Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt; So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt. Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide; So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide. Dann aber ordnet' er die Totenfeier an, Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran. Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei, Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei. Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif, Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif; Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf: So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf. Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte. Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran; Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan. Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn! Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon? Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab! Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab. Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück.

Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht, Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht: Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab! Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte. Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe, Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe: Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur, Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust: Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust. Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier! Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land; Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand. Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht, Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht. Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede, Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde. Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer, Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer. Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren, Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren! Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht, Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht.

Änderungen: S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art" S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt