German poem
Schein und Wesen
by Friedrich von Bodenstedt (1819–1892)
(Morgenländisch.)
Der Lehrer sprach zum Schüler: Sieh’, Mein Sohn, den Schatten dort vom Zelt, Er gleicht dem Dasein dieser Welt, Ist ganz so wesenlos wie sie. Beachte, wie ich meine Hand Jetzt auf zum Licht der Sonne hebe Und unter uns dem Wüstensand Selbst mit den Fingern Schatten gebe: Er scheint dir greifbar und bezirklich, Allein du siehst, er ist nicht wirklich; Denn alles Wirkliche besteht, Derweil der Schatten schnell vergeht, Zieh’ ich die ausgestreckte Hand Zurück ins hüllende Gewand. Und wie der Schatten wesenlos ist Alles, Täuschung unsrer Sinne, Vorstellung des Gehirnes blos, Und nichts zu bleibendem Gewinne. Selbst jener Glutenborn am Himmel Und nachts die leuchtenden Gestirne, Das ganze atmende Gewimmel Des Weltalls lebt blos im Gehirne, Im Schau’n des inneren Gesichts; Wird dies vernichtet, so bleibt Nichts.
So sprach und ging der Lehrer weiter Mit seinem grübelnden Begleiter, Der, durch die Lehren ganz verwirrt, Vom rechten Weg sich bald verirrt Im endlos dürren Wüstenraum, Wo keine Quelle und kein Baum Im Sonnenbrande Kühlung bot. Da fernher tauchte bräunlichrot Ein Felsblock auf, der schmal und scharf Gerade so viel Schatten warf, Den Schüler vor der Glut zu schützen. Dem Lehrer konnt’ er nichts mehr nützen, Er kam zu spät, doch fleht’ er kläglich: Mach Platz, die Glut ist unerträglich! Ich kann nicht weiter vor Ermatten, Sei menschlich, teil’ mit mir den Schatten! Darauf der Schüler: Du verkehrst Die eigene Lehre: –- eben erst Sprachst du, der Schatten sei nur scheinbar, Nur eine Vorstellung, ein Nichts, Ein Bild des inneren Gesichts; Dein Wunsch ist nicht damit vereinbar; Dir sitzt der Schatten im Gehirne, Mir kühlt er meine glüh’nde Stirne, Ich find’ ihn wesentlich und wirklich, Sehr fühlbar und genau bezirklich, Für mich ist er ein wahrer Schatz. Doch räum’ ich dir sogleich den Platz, Wenn du gestehst, dass du geirrt Und deine Lehre nur verwirrt.
Nein – rief mit zornigem Gesicht Der Lehrer – nein, das thu’ ich nicht! Was meine höh’re Einsicht fand, Weicht nicht dem platten Volksverstand.
Der Schüler sprach: Ich warne dich, Leicht wirst du deines Irrwahns Beute! –
Der Lehrer starb am Sonnenstich, Der munt’re Schüler lebt noch heute