Versos German Georg Reicke 28 (›Du lasest wohl von Liebesleidenschaft)

German poem

28 (›Du lasest wohl von Liebesleidenschaft)

by (1863–1923)

Listen in the reader

›Du lasest wohl von Liebesleidenschaft In Büchern schon und die Poeten schildern —Oft schien's zuviel mir—ihre Wunderkraft

Am liebsten ja! In zauberischen Bildern Enthüllen sie der Liebenden Geschicke Des Lesers Sinnen, nichts besorgt zu mildern.

Wie man entzündet wird vom ersten Blicke, Wie aus dem Fünkchen, bald entfacht zur Glut, Die Flammen aufschlägt, die nichts mehr ersticke.

Sie sagen's alle—und sie sagen's gut. Nur eines glaubt' ich nie: dass je ein Mann Zum Sklaven werde seinem heissen Blut,

Dass Stunden, Tage, Wochen, wie im Bann Sein Geist, verstrickt in liebendem Versenken, Untätig ruht; der einst soviel ersann,

Jetzt darin schwelgt, nichts mehr als sie zu denken! Und immer regte dann sich mir die Frage: Ist das des Lebens wert? Heut, soll mich's kränken,

Heut bin ich selbst soweit! Seit manchem Tage Leb ich nur dir und meinem heissen Lieben; Weiss selber kaum noch, was ich tu und sage—

Kein einzig Wort, das nicht für dich geschrieben! Kaum ein Gedanke mehr bei Tag und Nacht, Der nicht für dich sich regt! Was mir geblieben—

Nichts als der eine Wunsch, der ewig wacht: Bei dir zu sein! Von deinem Aug' geschieden, Ist Nacht und Tod; hier all, was glücklich macht:

Und alles das dein Werk! Bist du zufrieden?‹