German poem
Der Abschied
by Georg Weerth (1822–1856)
Meine alte, gute Mutter, Die nähte die halbe Nacht; Sie hat mir aus feinem Linnen Ein feines Hemd gemacht.
Meine wunderschöne Schwester, Die hat einen freien Sinn; Die stickte mit stolzer Seide Meinen stolzen Namen darin.
Und morgens, um halber viere, Da hat der Hahn gekräht; Nun schnüre seinen Ranzen, Wer auf die Reise geht!
Und morgens, um halber fünfe, Da hab ich meinen Vater geweckt; Der hat drei rostige Kronen In meinen Sack gesteckt.
Wir standen unter der Linde, Da ward mein Herz so schwer; Meine treue Mutter meinte, Sie sähe mich nimmermehr.
Mein Vater ward so stille, Meine Schwester schluchzte darauf – Da ging in den Weizenfeldern Die goldene Sonne auf.
Und vor den Toren klang es: »Ade, du dumpfige Stadt! Nun freue sich, wer ein freies, Ein lustiges Leben hat!«