Versos German Gotthold Friedrich Stäudlin An die Schaamhaftigkeit

German poem

An die Schaamhaftigkeit

by (1758–1796)

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O Schaam, die mit der Reinheit Der edle Stolz gezeugt, Du, von der besten Mutter Zur Grazie gesäugt! Du holdes Bild der Blume, Die, nur vom West geküßt, Der Neugier raschem Finger Die zarte Brust verschließt!

Ach, würdig dich besingen, O Tochter der Natur, Kann nur der Fleckenreine, Des Himmels Seraph nur! Drum zürne nicht dem Liede, Das schwach von dir erklingt, Und sich zu deinen Höhen Vom Staub empor nicht schwingt.

Als vor der Wesenmutter, Im rosigen Gewand, Kaum ihrer Hand entschwebet, Die junge Schönheit stand, Da sprach zu dir vom Throne Die schaffende Natur: „Mein Meisterwerk vollenden Kann deine Zartheit nur!“

Da küßtest du als Schwester, Gehorsam dem Gebot, Ihr auf die Lilienwange Ein sanftes Abendroth. Da steht sie nun die Göttinn In herrlicher Gestalt, Im Purpurlicht vollendet, Das ihre Wang’ umstrahlt.

Mit ihr und mit der Tugend In stiller Harmonie, Durchwallst du nun die Erde, Unsterblich, so wie sie. Die Wunder so du thatest; Mit deinem Schwesterpaar, Verkünden hohe Lieder Der edeln Bardenschaar.

Auf deiner Stirne thronet Der Würde Zauberkraft; Scheu bebt vor dir zurücke Die wilde Leidenschaft. Es rasten ihre Stürme Im Frühlingssonnenlicht, Das sanft und ruhverbreitend Aus deinem Auge spricht.

Du blickest gleich bescheiden, Gleich froh umher und mild, Ob offner strahlt dein Antlitz, Ob es dein Flor umhüllt. Es liest aus deinem Blicke, Wer deinen Schleier lüpft, Daß an die ganze Schöpfung Dich Gottes Friede knüpft.

Ernst blickest du den Frevler, Den Edeln segnend an, Du lächelst wie die Güte, Und zürnest, wie ein Mann. Dir wohnt in Einem Busen Der kühne Heldenmuth Der Brutus und Katone, Und sanfte Liebesgluth.

Du leihst des Mädchens Arme, Die mit dem Böswicht ringt, Oft Ajax Heldenstärke, Die keine Wuth bezwingt. Du stähltest einst die Rechte Der Gattin Kollatins, Als sie ihr Dolch entrissen Der Frevellust Tarquins.

Du wachst, wenn um die Tochter, Die unter Blumen ruht, Sich die Verführung windet, Der Hölle Vipernbrut, Du lenkst den gift’gen Stachel Von ihrem Herzen ab, Und streckst mit Herkulskühnheit Die Mörderinn ins Grab.

Du hältst selbst dem Tyrannen, Der Tod der Unschuld schwor, Den Spiegel deiner Reinheit In trunkner Stunde vor, Daß er vor seines Bildes Entmenschung selbst erschrickt, Und thierisches Verlangen In seiner Brust erstickt.

O, nie ist rührendschöner, Du Himmlische! dein Bild, Als wenn um die Gefallne Dir Zährenthau entquillt; Nie holder dein Erröthen, Als wenn die Edelthat, Von dir vollbracht im Stillen, Der Dank entschleiert hat.

Du wandelst gern durch Auen, Wo Frühlingsmilde blüht, Wo vor des Grabes Stille Schaamlose Frechheit flieht; Nie weilest du im Saale Voll bunter Mummereyn, Wo zügellose Freuden Dich, Himmlische! entweih’n;

Wo jach, gleich Wirbelwinden, Gleichsiegend, gleichbesiegt, Der Jüngling mit dem Mädchen In Taumelkreisen fliegt. Wo Brust an Brust, und Wange An Wange pocht und glüht, Und jedes Auge Funken Der Lüsternheit versprüht.

O wehe, wenn die Liebe, Im Leichtsinn von dir schied! Ach, bald wird sie zur Thörinn, Von roher Brunst durchglüht, Zur rasenden Mänade, Die nur der Zote lauscht, Und sich mit wilden Scythen Im Wollustgift berauscht!

Mit dir im Bunde schaffet Die Welt sie schöner um, Und zaubert uns hinüber In ein Elisium; Dein zarter Sinn vergeistigt Durch Platons Hochgefühl, Durch Ehrfurcht vor dem Menschen, Cytherens Sinnenspiel.

O wohl der Erdentochter, Der holden Charitinn, Die, Göttinn! Du erlesen Zu deiner Lieblinginn! Ihr huldigen die Herzen, Wenn mit der Majestät Der Tugend, sie im Kreise Bescheidner Männer geht.

O mehr als wohl dem Jüngling, Den sie vor allen liebt, Dem sie ein Bild hienieden Vom Glück der Engel gibt! O himmlisch schöne Szene, Wenn sie, durch Treu erweicht, Ihr Ohr, nur sanfterröthend, Zu seinem Flehen neigt!

Wenn sie kaum durch ein Lächeln, Das ihren Reiz erhöht, Durch halbe, scheue Blicke, Den innern Drang verräth, Und, ähnlich dem Gesäusel Des Wests im Blumenbeet, Ihr Lispeln endlich leise Die Liebe ganz gesteht!

Wo ihre Schwüre tönen, Ist keines Lauschers Spur; Auf ihre Freuden blicken Des Himmels Sterne nur; Da saugt mit ihren Küssen, Gleich ihrem Herzen rein, Nur Durst nach Edelthaten Der Hochbeglückte ein.

Sie kämpft, die junge Heldinn, Den Kampf der Leidenschaft, Bis sie ermattet wanket Am Ziel der Menschenkraft; Dort bringt sie überwunden, Von dir, o Liebe! nur, Und unter keuschen Thränen Ihr Opfer der – Natur.

G. F. Stäudlin.