German poem
Erinn're dich, wie sich verstohlen
by Hafis (1326–1389)
Erinn're dich, wie sich verstohlen Dein holder Blick mir zugewandt,
Und klar auf meinem Angesichte Der Schriftzug deiner Liebe stand;
Erinn're dich, wie mich dein Auge Getödtet durch des Vorwurf's Macht,
Und deine Lippe, Zucker kauend, Das Wunder 'Îsa's dann vollbracht;
Erinn're dich des trauten Kreises, Wo wir genossen Morgenwein:
Der Freund nur war und ich zugegen, Und mit uns war nur Gott allein;
Erinn're dich, wie um die Mütze Mein Mond gebunden sich ein Band
Und wie – ein Bote, weltdurchmessend – Der Neumond ihm am Bügel stand.
Erinn're dich, wie ich die Schenke, Als Trunk'ner mir zum Sitz erwählt
Und wie ich endlich dort gefunden, Was heute in Moscheen fehlt;
Erinn're dich, wie laut zu lachen Der Onix des Pocales schien,
Und wir Geschichten uns erzählten, Ich und dein reizender Rubin;
Erinn're dich, wie deine Wange Das Licht entflammte meiner Lust,
Und ungescheut ich es umkreiste Als Falter mit verbrannter Brust;
Erinn're dich, wie beim Gelage, Das sonst der Anstand überwacht,
Der Morgenwein es war gewesen, Der wie ein Trunk'ner aufgelacht;
Erinn're dich, wie deine Sorge Stets an den rechten Platz verwies
Die Schnüre ungebohrter Perlen, Die Dichterschätze des Hafis.