German poem
Radbod
by Heinrich Kämpchen (1847–1912)
(Ein Nachtstück.)
Dräuend, ein Ungetüm, Reckt der Schachtturm seine Eisenstirn Zum Nachthimmel. – Um ihm, von ihm Glimmt’s wie Totenlicht, Wie Phosphorgefunkel, Wie Dunst der Verwesung. – Ein Beinhaus - riesig, ungeheuer – (Sarkophag und Mausoleum) Liegt der Schacht da, Und die Nacht hockt darauf. – Sie, die Nacht, Wittert den Leichenduft, Der daraus emporsteigt, Feucht, nebelhaft, Wie die Hyäne den Grabesodem, Und schlürft ihn mit Wollust. – Radbod und Nacht! – Grauen zu Grauen, Sie gatten sich. – Und die Fäule im Erdbauch, Als Genossin sich zugesellend, Speit ihren Gifthauch Aus Kluft und Spalt – Odeur für Gespenster. – Aber das ist es nicht, Was die Nacht birgt Mit ihrem Mantel, Dem dichten. – Sie, die da unten liegen, Unter Trümmern und Schutt, Die Toten von Radbod, Sind doch nicht tot! – Wenn der Tag schläft, Wenn die Nacht brütet, Bei Schweigen und Oede Werden die Stimmen der Tiefe wach, Leben die Toten. – Sie winseln und wimmern nicht, Sie klagen und jammern nicht, Sie heischen Gericht, Sie fordern Sühne. – Und immer neu Und immer wieder, So lange ihr säumet, Wird aus der Tiefe Die Mahnung kommen: Gebt Recht den Toten!
So ruft es heute, So wird es immer In Zukunft rufen, Wenn auf dem Schachte, Dem gottverfluchten, Dem „Mörder“ Radbod, Die Nacht sich lagert, Die graue Riesin: Gebt Recht den Toten! –