German poem
Hermann Marggraff’s letztes Lied
by Hermann Marggraff (1809–1864)
Mein Stern.
Aus des Himmels tiefsten Falten Flammt’s wie tausend Funken auf; Ungezählte Globen halten Ihren nächtlich stillen Lauf. Unter diesen tausend Sternen Ach, wo such’ ich meinen Stern? Nah ist nichts in diesen Fernen, Und das Nächste selbst ist fern.
Dennoch glaub’ ich ihn zu schauen, Meinem Geiste tritt er nah; In des Luftmeers dunkelblauen Tiefen ist er plötzlich da. Ich erblicke seine Fläche; Grüne Wälder rauschen dort; Murmelnd rieseln klare Bäche Durch die Blumenwiesen fort.
Doch ein Wetter bricht mit argen Schlägen unverhofft herein, Und die dunkeln Wolken sargen Das Gebild der Schönheit ein. Um der Berge Marmorspitze Tobt der Sturm mit wildem Zorn, Und im grellen Schein der Blitze Leuchtet jedes Alpenhorn.
Durch der Höhlen Finsternisse Tönt es plötzlich wie ein Schrei, Und mit einem jähen Risse Bricht mein Stern, mein Stern entzwei; Er zerbricht und fällt in Splitter – Ach, es war ein Weltenmord! – Und es tobt das Ungewitter Selbst noch auf den Trümmern fort.
Sollt’ ein Stern erlöschen, klagen Schmerzlich dann die andern mit? Sterb’ ich, wird die Menschheit fragen, Was ich war und was ich litt? Ach, im unermeßnen Raume Ist der Einzelne der Welt, Was ein kleines Blatt dem Baume, Das in Frühlings Tagen fällt;
Was dem ganzen Strom die Welle, Die im Augenblick zerrinnt, Während an derselben Stelle Schon die zweit’ ihr Spiel beginnt; Was der ganzen Wolkenmenge Nur ein einz’ger Tropfen ist, Der mit andern im Gedränge Fällt und stirbt zu gleicher Frist.