German poem
Meine Nachbarin
by Jakob Julius David (1859–1906)
Meine Nachbarin ist lange blind Und hat nicht lang zu leben; Ihre Tochter trägt ein ledig Kind, Weiss nicht, wem Schuld zu geben.
Das katzebalgt nun Tag um Tag, Und schimpft sich um die Wette; Für Scheltwort Scheltwort, Schlag für Schlag – Die reine Bettlermette.
Dazwischen wächst ein junges Blüh’n – Man möcht’ es Sumpfdost heissen: – Die Wangen rot, die Lippen glüh’n, Die dunkeln Augen gleissen.
Noch fliesst ein Strahl des reinen Lichts Um ihre helle Stirne – Noch weiss sie nichts, noch ahnt sie nichts, Und lacht schon wie die Dirne …