German poem
Rudolph von Habsburg — Dritter Gesang
by János László Pyrker (1772–1847)
Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs, Mächtigen Zaubers herbei! Auch Marbod, der edele Markmann, Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth, Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon, Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine, Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.
Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet, Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend, Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken, Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter. Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma, Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld, Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau, Marobud, und ward gefürchtet umher in den Ländern. Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann, Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges. Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald, Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's Arm—ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn! Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit. Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt, Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit; Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten. Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,« Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n, »Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur Dann erringen den Sieg, wenn ihm«—welch' dunkele Reden!—»In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?« Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen; Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten, Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug.
Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten, Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß, Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter; Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr. Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte: »Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst, Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern— Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn—will nie dem stolzen Gewaltspruch Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens. Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort, Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend. Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung: Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.« Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen, Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken, Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder; Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter: Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte. Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war; Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war: Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen! Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus, Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen, Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß: Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen. »Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt. Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit, Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings, Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte. Seine Heimath ist fern—ein Aargau'r bleibt er noch immer. Flieht den Leu'n im güldenen Feld: roth glüht er vor Ingrimm; Aber euch sey in dem Purpurfeld der weiße willkommen, Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're, Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen, Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen, Oder errungen im Blut—uns gleich! wir biethen die Stadt ihm Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes. Eilt nun heim, und gedenket des Muths, und des herrlichsten Lohn's nur!« Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.
Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle. Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld, Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war. Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n: Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens, Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist. D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach, Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt. Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert: »Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket, So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!« Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen.
Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen, Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel: Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild, Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne, Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen! Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes, Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter, Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten, Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn: Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth; Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.
Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner. Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend, Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin. Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen; Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz! Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen, Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt, Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend. Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth: »Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen— Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten! Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all' Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer. Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher; Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that. Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn, Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset, Schreien nach dir—umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht! Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker; Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark, Deinem Geschlechte zum Ruhm—zum Sitz' unendlichen Segens?« Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren, Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern, Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte. Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du, Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers: Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen, Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen—zu rächen Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus, Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht! Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben, Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt. Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!« Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn; Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand. Durch quellende Zähren Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm. Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten, Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg. Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend, Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter: Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen, Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!
D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt, Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber: Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten, Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger. Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath. »Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's, Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers! Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen; D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann,—wie ein Kind fast Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens; Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern; Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht, Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen! So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern, Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang, Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau, Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt, Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen: Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen. Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram, Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen. Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!« »Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt! Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg; Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben, Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse, Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren. Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n, Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek. Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« Hugo vernahm das Wort—nicht zweimal braucht' er's zu hören: Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel, Jagte davon—ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.
Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen, Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann, Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten: »Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren, Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!« Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein, Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker. Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer, Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath, Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld, Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert, War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen; Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten, Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder: Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen. Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte, Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen, Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen: Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen? —nicht wußt' er's.
Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's Außen- und Inselstadt mit dem Land' und der Vest', in dem Grund fußt, Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen. Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau, Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland, Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners. D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen, Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich, Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt. Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen, Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte Beifall den Amtnern zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern: Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter, Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!«
Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger, Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen, Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer, Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret, Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen. Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm, Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen Schwingend, durchbrechen im Sturm, und erringen den blutigen Kampfpreis. Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn, Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter. Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht; Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg, Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld, Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers; Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen, Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust Auf der Schulter—die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger, Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten. Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.
Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer. Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis. Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung. Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten; der Hals und der Rücken Schäumt', und ihm wankten die Füß', da er stand vor dem Zelte des Königs.
Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren: Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren. Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen; Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus, Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen. Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog, Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen, Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau, Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz, Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt, Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur. Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch. Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht. Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug, Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie, So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen. Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder, Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel; Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen. Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel; Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels; Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden, Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.
Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel, Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an. Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern. Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll' und dem Wiehern des Lastthiers: Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl, Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling, Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll, Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen. Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern, Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.
Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er, Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen. Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither, Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten. All' erhoben sich schnell von dem Boden—die bärtigen Männer Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling, Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit. Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne, Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief: »Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus, Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit, Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten? Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen, Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!« Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand: »Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter, Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger, Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch! Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen; Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen, Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er Dir kund thun; doch, Herr, verzeih'—in dieser Gesellschaft?« Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser: »Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen, Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort; Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes, Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend, Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben! Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl, Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.«
Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her, Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet, Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe. Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen, Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war; Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken, Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst, Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen. Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen Lieblingsgericht—nicht des Weins, des trefflichen, schonend: unendlich Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.
Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren! Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend, Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an, Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth, Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend, Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen. Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen; Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden; Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen, Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung. Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle, Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los; Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen, Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen. Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend, Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken, Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte. Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten; Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie; Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin. Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo: »Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist! Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus, Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist— Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers, Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.« »Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen, Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung. Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!«
»Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf. Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten. Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg: Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen, Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether. Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen, Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen, Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer. Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser, Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen, Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich, Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien, Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet; D'rauf in der Ahnen-Burg zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm; Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend, Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te, Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen— Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war. Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all', Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren, Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers, Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach; Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost', und den Räubern zum Schrecken. Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen, Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen, Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten: Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt, Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah. Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam, Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet, Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit. Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen, Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten, Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!« Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen, Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen. D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!«
Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug, Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet, Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er: »Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte. Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm, Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht. D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht, Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer Setzen wollt' ein Ziel, von den sieben glänzenden Sternen Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward: Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende. Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich; Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen. Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten: Daß sie verschafften nach Recht dem heiligen, römischen Reich' jetzt, Was ihm die Faust entriß. Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht: »Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.« Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar; Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen, Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?« Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne, Der so kräftig gesprochen—so fest- und so muthiggesinnt war. Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus, Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat: Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich Muthig aus Deutschlands Gau'n— an Leib und an Seel', er, ein Deutscher, Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend. Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen, Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend, Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel, Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft. Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun, Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet: Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck: Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.
Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger, Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt, Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen. »Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse; Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.« Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd. Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern. Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt. Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen, Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen, Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.
Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen, Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen: Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n. Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders, Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten Rücken entblößt—doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder. Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel, Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten, Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan. Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen, Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene: Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin. Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr, Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms, Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden. Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter, Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder; Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell, Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman, Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen, Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen. Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.
Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer: »Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren, Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil! Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher, Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier, Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!« Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle, Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen. Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen; Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer, Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus, Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches, Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund Fährt er, und eilig herauf, und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth, Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte, Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer. Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe) Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber; Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.