German poem
Rudolph von Habsburg — Sechster Gesang
by János László Pyrker (1772–1847)
Sieh', im rosigen Duft versank die glühende Sonne Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum Schon die Gefild', als jetzo von Neuburg her an der Donau, Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen, Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers. Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold- Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht, Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey. Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum Nah' war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften Nah'n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen. Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer Wandernd, und d'rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten, Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein, Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr, Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen, Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.
Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen. Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern; Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo: »Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben Theuer verkaufen im Handgemeng': ein schrecklicher Kampf sey's!« Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe. Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen Eben die Mauern der Burg: er war's, der näher gesprengt kam. Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen: Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen; Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum, Hastig an Czernins Seit', und hemmt' ihn mit täuschenden Worten: »Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier, Sondern die Freund', entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang Zieh'n an der Vest' umher, und erforschen: ob nicht die Gegner Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen? Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.« Sagt' es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so: »Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen, Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf. Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung, Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch' ihm!« Aber der Eilende sprach: »Mich däucht, ein Höllengeflister Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter: Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh'n die heilige Jungfrau— Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn' an das Herz legt, Und das erfüllte Gelübd' erringt der Mutter Genesung?« Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend Trug es ihn fort im Galopp' auf die Höh'n des umnachteten Berges. Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut' er dem Knappen den Renner; Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel, Von dem Pförtner getrieben, im Schloß', und in schweigender Ehrfurcht Ließ er den Ritter, der »Gelobt sey Jesus!« ihm rief, ein. »Ewig!« gab er zurück', und verschloß die Thüre mit Sorgfalt: Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten. Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen, Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter, Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut Rufend: »Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden, Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle, Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen. O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!« »Jüngling!« so rief der Erwachende jetzt, »was treibest du rastlos Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen Heil' entspricht: stell's heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.« Sagt' es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer. Er schlief dort Immer im härnen Gewand': um das Grab sein Lager zu tauschen Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen.
Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war, Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit Klar an der Stirn' ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn Seelenfrieden und Ruh' in seinen erhelleten Zügen Wahrnahm. Dennoch wagt' er es nicht, ihm zu folgen in Gottes Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber, Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet, Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf; Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken: Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben Opfernd, Brot und Wein darreicht'; er Worte des Segens Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling Ganz in heiliger Gluth und in herzdurchschauernder Andacht Aufgelös't, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob, Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war. Graunvoll stand ihm Odins Altar vor den Augen, und Sclaven Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten. Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend, Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben! Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber, Schüttelt' ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied: »Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung, Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung, Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel. Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie Jenseits wieder im Glück', im ewigen, wahren, und einen!«
Als er sich wandte, zu geh'n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch, Drückte sie glühend an's Herz, und rief mit thauenden Wimpern: »Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter: zur Kriegszeit Haben die grausamen Feind', unmenschlich vor Wuth, in der Kammer Beid' erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben! Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters Einsamer Zell'. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!« Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief: »Der Freundschaft erwähnst du? Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen; Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren Schmerzlicher Trennung—sieh', drei Schritte von hier, an der Mauer Dort, erkannt' ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl Her aus dem Wettergewölk', und todt, und erstarrt in den Armen Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer! Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand'rung Hab' ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten, Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös' lauttobender Menschen!« Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel; Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen.
Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten. Rüdigers horchendem Ohr' entging das warnende Wort nicht, Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick Unten im Felsengang, wo er häuft' in Menge die Waffen, Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen, Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung, Wandt' er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor, Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen, Nie des rollenden Wagens Getös': nur jenen zum Frommen Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar.
Jetzt erscholl die Glock' aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms, Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers, Und ummurrend lang' in dem leis'entschlummerten Luftraum. Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen— Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet, Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor Standen die frechen geschart, des Wink's von Rüdiger Waldram Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner: »Günther, muthig an's Werk! Mit Hundert deiner Erwählten Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt! Hundert send' ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern, Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen, Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel, Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen Wach aus dem Schlaf' zum Kampf g'en Rudolphs bebende Söldner! Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen; Doch, so er siegt'?—ein Unterpfand ist unser: die Mutter, Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen, Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung. Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol Will ich, ein Bettler zieh'n, als Rudolphs Zepter gehorchen! Kommt; viel lieber den Tod, als solch' unwürdiges Leben!« Rief's, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen; Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs Heitere Stirn' der Wandelnde stets mit Freuden gewahret: Da er ihm so viel sonn'erhellete Tage vorhersagt, Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer, Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm Dumpf die Glock' ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen, Sieh', da stand er erstarrt! Ein Schrei—doch schrecklich zu hören, Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber, Klapperten ihm die Zähn'. Er sah zwölf Schattengestalten: Häßliche Weiber der Stimm', und wankende Greise dem Gang' nach, Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken Altersschwer gebeugt: die Klag' genannt von dem Volk dort, Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel') auf der Schulter Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen, Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg Steilrecht schwebend empor—fort über das Dach, und verschwanden Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer. Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren, Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben, Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis; Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr' an der Kammer vorüber, Wo, zumal bei den Fürsten des Volks—bei den Mächtigen, Hohen, Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet.
Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer; Schrie'n von fern: »Wer da?« und fragten zugleich um die Losung. Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt: Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme; Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern Nun zum Glück' erregt von dem angstergriffenen Mann dort.
Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger, Günther, mißlang: da mahnt' er sogleich die Seinen zur Rückkehr, Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor. Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs Mauern sah er die Stub' erhellt, und die Krieger entschlummert. Nur die Wach' allein ging inner dem Thore den gleichen, Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter Hatt' er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen. Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger, Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie, ihn zu tödten, entschlossen. Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog, Albrecht, rief! Er sann, des Kind's und der Gattinn gedenkend, Einen Augenblick; dann dacht' er der Pflicht und der Rettung Seiner Gefährten: er schrie—der edelmüthige Krieger Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin.
Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub' Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf. Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen Hämmernder Schlag von dem Schild' und dem Helm der kämpfenden Männer. Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter, Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier' auf dem Schauplatz Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren, Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl: Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor, Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern. Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel, Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag, Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier, Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf: »Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh' ich erfüllet, Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes. Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner All' erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind— Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung! Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores, Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.«
Czernin jubelte nicht. »Fürwahr,« so sprach er bedeutsam, »Viel ist gescheh'n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne: Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen; Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen Huldigen, kalt vom Erob'rer gekehrt—nicht selten auf immer. Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil; Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad' aus.« Sagt' es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger, Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend, Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will, Seinem Volk' es eröffne zur heißersehneten Rettung. D'rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen: Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen, Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt, Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung, Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter Auf aus dem ruhigen Schlaf', und stürzten herbei an das Fenster, Weinten, und rangen die Händ', umschart von heulenden Kindern. Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar Schlug ihm der Wind um die Stirn' und die toderblasseten Wangen— Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich. Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur, Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen Ehedem: treu verharrt' in der Pflicht die bessere Mehrzahl.
Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand. »Hartmann!« scholl's in der Burg, und »Hartmann!« rings in den Straßen Aengstlich und laut—umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh'n. Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold, Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond, Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob, Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf: Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen. Rüdiger stürmt' auf Hohenried, der vorne die Scharen Ordnete, los, und schrie: »Dich, Rudolphs treuen Gesellen, Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle Senden: verkünd' es nur dort, daß sie folgen, und keiner entrinnt mehr!« Rief's, vorschreitend, und jener begann: »Gewaltiger Prahler, Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde, Trau'n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel, Den du verübst g'en Treu', und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!« So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung. Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen Schwingend, und drang grad' aus auf Rüdigers pochende Brust ein. Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet, (Ottgars Löwen zum Ruhm') auf dem Schild von mächtiger Wölbung: Dieser wehrte dem Stoß', und der sprödere Stahl, auf des Leu'n Haupt Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch, Blutumhüllt, entsank—er wehrlos stand vor dem Gegner. Sieh', er hätt' ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich Hinter die Reih'n, wo ihm Hülf' und erquickende Pflege zu Theil ward.
Waldram schrie: »Getreue, nun vor! Des Führers beraubet, Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet Sie in das Kloster Sanct Dorothe'; doch führet sie sanft hin: Denn sie that uns kein Leid, und nah't, abzehrend, dem Grab schon. Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte, Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!« Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar, Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof. Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes, Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen, Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten, Arnold, dort zu steh'n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur. Dichtgedrängt in Reih'n, vorhielten die Schweizer die Lanzen Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse Wütheten—d'rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter So, daß das Blut aufwogt', und die starrenden Leichen bewegte: Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner.
Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling, Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet. Nicht besann er sich lang', und eilte hinaus nach dem Tabor, Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt Hugo's, den er erst gestern warnt'. Ihn dacht' er zu wecken, Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel: »Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen. Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes: Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!« Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers All' das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen. Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte! Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen: »Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram. Willst du's, Herr, so eil' ich mit reisigem Volk vor das Burgthor, Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh' ihr Flammen entfahren!« »Nein, ich fürchte sie nicht,« so entgegnete jener, »den Auswurf Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer, Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten? Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten. Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch: Denn ich bau' auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.« Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden Hugo, im sicher'n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin; Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors Graben ersah. Dort hemmt' er das Roß, und winkt': ein Drometer Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh', bald riefen die Krieger, Kletternd herauf an dem Wall': »Ist's Hartmann, unser Gebiether? Kommt er, ein Retter, heran in der Stund' entsetzlicher Nothwehr? Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!« »Gott, und das Vaterland!« so gab mit gewaltiger Stimme Hugo zurück, »ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich: Aber nicht Hartmann—nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!«
Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war's! Ihn erkannte der Vater— Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen Faßten wechselnd ihn an; nur leis' und furchtsam begann er: »Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen, Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel Seh' ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum Einer entflohenen Stund'! Ich räch' ihn, und sollt' ich auch fallen.« Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau'n, wie er vor sich Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling Ueber das Thor, das erst mit Getös', auf den Graben gesenkt, fiel, Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder, Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend, Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte, Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen, Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen: Denn er wähnt' errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren.
»Halt, Verruchter!« so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf, Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier, Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen. Flammen sprühte sein Aug', und aus seiner erhobenen Rechten Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte, Wandte sich dieser, und rief: »Ha, du, Verhaßter vor Allen; Jetzo nur muthig heran: euch all' entsend' ich zur Hölle!« Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind' entgegen, und strebte, Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen; Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin. Doch nicht rastet' er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften. Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern, Schnell die Waffen von sich, und floh'n, im Verborgenen Rettung Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.
Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt in dem Wuthkampf, Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng' an Dort vor dem Gotteshaus', und wehrten sich: alle für Einen, Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur. Keiner wär' ihm entfloh'n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug, Näher der Reisige kam, und schrie: »Erschlagen ist Waldram: Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem; Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.« »Freunde,« so rief ihr Hort den Reisigen, »Rüdiger Waldram Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren—der Festung Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt' er den Frevel. Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!« Rief's, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor Jagt' er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet' er, bis er die Fähren Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau. Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr, Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.
Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor, Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes. Dieser begann: »Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs: Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg, die er, frevelnden Fußes, Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur. Dennoch steh' ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen— Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög' es dich treffen!« Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an, Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme: »Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter, Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam; Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung Bannen: ihr solltest du steh'n ein Hort in dräuender Kriegszeit, Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen, Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr? Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers. Dein Vergeh'n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen! So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute, Stellst du's wieder zurück', in die Hände des Helden von Tauffers.« Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend.
Sieh', jetzt kam aus dem Thor' ein Jüngling gelaufen, und rief so: »Herr, voll Angst erschein' ich, ein Both' aus des Jammers Behausung. Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer Zwölf' ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!« Hartmann warf sich vom Roß, und flog—ihm folgte der Vater, Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer, Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen Wieder zum ewigen Glück' und nie vergänglicher Wonne. Ihr zu dem Haupt' und den Füßen, die Stirn' in die Hände geheftet, Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal, Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet. Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend, Ihr die erkaltete Hand, und der leis'aufweinende Vater Warf sich im stillen Gebeth' auf die Knie'. Nur Seufzer erschollen; Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen.
Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt, Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes, Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen? Feierlich schallt ein Wehe-Getön' aus der Orgel: Posaunen Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores, Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter, Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen, Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen. Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle Jener Verewigten schon, mit der Stirn' zum Altare gewendet, In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg. Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet, Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen. Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar Liegt auf den Knieen, und schluchzt: um die Beste der Fürstinnen trauernd, Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen. Aber, erschütternd zu schau'n: nicht fern dem heiligen Altar, Knie't, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser: Alle zugleich vor Schmerz erblaßt—wie gealtert seit gestern! Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen Nach dem Sarg', und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten, Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig! Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war, Schwebte der Sarg, vom Gerüst' auf kräftige Schultern gehoben, Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet, Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm; Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.
Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten, Albrecht: »Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind. Ach, mich zög' es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern, Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn Meines Lebens vor mir; nicht hör' ich die Worte des Trostes Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers Nah'n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens, Die uns umfingen mit Lieb', und wir steh'n am errungenen Ziel oft, Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will! Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes, Uns'rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh'n, Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist. Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth', und getreulich Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld, Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte. Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken, Die uns, auf Flöß' erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt, Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme, Wohl behau'n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern. Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger, Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge Rasch mit dem Heere dir nach, und steh' an dem kommenden Morgen Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern Tapferem Volk, im Rücken des Feind's, und im mächtigen Vortheil. Rühmt er der Menge sich gleich, doch siege die Treu' und das Recht nur.«
Jener begann alsbald: »Mit Freuden gehorch' ich dir, Vater! Aber, o sieh', da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges, Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß Bändigen lehrt' auf der Ritterburg, ein tapferer Degen, Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!« Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet: Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also: »Leb' wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle, Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden Sind's, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer! Fort an den vaterländischen Rhein—hinüber nach Aargau, Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!« Rief's; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg Plötzlich dahin: ihm sah'n die Beiden mit thränendem Blick nach.