German poem
Rudolph von Habsburg — Zweiter Gesang
by János László Pyrker (1772–1847)
Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse. Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes? Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n Scheinet? Er ist's—ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen!
Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel, Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort, Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte. Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert: Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird, Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser, Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall, Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick. D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel: Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch, Und durchtrabte die Stadt von Mödeling. Mächtigen Anseh'ns, Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach, Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg, Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs, Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen. Die Nacht hing Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht. Doch jetzt zog er am Tannberg fort, wo im ruhigen Thalgrund Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster. Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer. Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs, Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein. Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal, Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden. »Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen: Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend, Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.« »Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann, Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel, Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet! Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov, Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen; Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden. Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen, Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter. Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter, Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus. Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether? Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr, Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen, Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl; Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen; Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger Seitdem—rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden. Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen: Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später: Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.« Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so: »Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger! Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret. Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!« All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse, Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.
Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon die bläulichen Alphöh'n Oben, und tiefer den Kulm und den kegelgestalteten Spitzbrand, Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse, Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet. Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder) Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal, Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen. Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels, Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster, Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder, Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung.
Nahend dem Ziele, durch's Thal, geboth der Herrscher den Reitern, Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad; Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen, Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung, Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher, Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n, Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner, Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft. Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst. Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß, Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.
Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel, Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen. Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung. Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren, Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser, Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort, Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war; Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend, Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet, Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!« Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden, Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger: »Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich, Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm, Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth: Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch. Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen. Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung, Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld, In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt: »Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.« Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«
»Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker, Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n; Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter, So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher: Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.«
»Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes, Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel. Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend, Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird. Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher, Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit, Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag! Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager, Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.«
»Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens! Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so, Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren, Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden. Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld, Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.«
»Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel! Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf. Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister Wandeln auf ihr zum Ziel—der Höchst' er unter den Hohen! Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung, Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget. Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken. Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen, Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht! Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden, Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung, Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er, Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet, Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.«
»Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen, Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller, Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen, Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt: »Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!« Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.«
»Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter: Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist. Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're, Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn, Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat; Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.«
»Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter, Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort! Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!«
»Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln. Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund, Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet. Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel, Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer; Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich, Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen, Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt: Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker, Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit. Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen, Ihn wird einst die Nachwelt laut den Edelsten nennen.«
»Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft. Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens Weitumirrender Lauf—er endete, deiner gewärtig. Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!« Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen.
Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille, Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer, Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel. Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte: Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll, Wich er zurück vom Altar—bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.
Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm: »Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch; Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten, Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.« Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert, Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend. Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar. Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm, Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm, Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so: »Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren, Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten: Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen. Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld; Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren; Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert; Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht, Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn: Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau, Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.« Sagt' es, und führte den Streich kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn. Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte, Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen? Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall.
Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten, Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat! Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen: Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel, Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland; Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten—Dann unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren; Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz, Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften, Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen: Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken! Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter, Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne. Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten, Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen; Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes: »Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand, Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld. Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath, Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster; Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort, Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden; D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau. Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits, Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft? Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs. Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn. Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg, Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der Immer-Getreuen, Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks. Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld, Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt; Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig, Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert. Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!«
Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte Noch dem frommen Klausner zu nah'n—zu vernehmen des Segens Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen, Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden Starrendem Aug', ersah—doch stumm, und erblasset im Tod schon! Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel, und trabten ihm, schweigend, Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch, Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags. Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet, Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster. Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin, »Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n; Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«
Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte: »Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!« Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich: Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher. Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners, Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.« »Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten! Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden. Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen—versteht mich Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes, Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig! Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen, Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth, Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau. Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend—mit Werken Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret. Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.«
Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter Von dem Wege heran, der Zell' entgegen—der Jungfrau Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung. Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen. Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar, Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig, Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her: Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf, Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt: Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden. Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn: Wie's ihm erging seither?—bei'm Nahmen die Tapferen rufend. Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle: Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.
Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden: Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath—d'rauf an den Marken Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut; Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren, Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet, Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend, Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen. »Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich, nicht ferne dem Ziel mehr, Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht! Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'. Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen. Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht, wie ich nahte, Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder. Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund: Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing. Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget, Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird! Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern. Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich, Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes. Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag, Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen, Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung. Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen, Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!« Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann, Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.
Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers Müllern im Ritterschmuck—den ebenbürtigen Bürger Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch, Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?« Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem, Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen. Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte: »Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja, Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln; Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner, Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus, Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.« Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich.
Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen, Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach, Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war Nun des Kampfes Getös'—erstürmt die Veste. Die Gegner Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht) Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird. Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes, Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth? Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters, Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen. Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen? Ach, nicht der Mutter allein—auch allen den Sterblichen ringsum, Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel, Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen! Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken, Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen. Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter, Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend, Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur, Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein: »Ha, vernichtendes Bild—entsetzlich, und furchtbar, und dennoch Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos, Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel! Wallstein—Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's; Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer, Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen—ich darf nicht! Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt! Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung! Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten, Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung! Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir Sank—ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang; Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend, Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen. Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.«
Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter, Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein, Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren, Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen, Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann, Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist: Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen, Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser, Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel, Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg. Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit—auf Ritters Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht: daß ich brächte die Bothschaft Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist. Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen, Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn! Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens. Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger, Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung. D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen. Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne. Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher Sich bekämpften mit eisernem Trotz'—o, hört ihn! Er frägt euch: Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen? Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin. Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth Ihm auf der Stirn'—und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.« Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.
Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie: »Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann, Mir bekannt—ich ehre den edelgesinnten Jüngling; Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß, Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung. Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar, Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht, Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth: Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen! Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer, Künd' ihm: ich hätte gewählt—für den Einen gelobt' ich zu leben.« Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.