German poem
Tunisias — Eilfter Gesang
by János László Pyrker (1772–1847)
Hairaddin stand auf dem Söller der Burg, aufhorchend im Zwielicht Sinkender Nacht. Von Goletta heran vernahm er des Feldzeugs Rastlosdonnernden Sturm, dem die Erd' erbebte, die Fenster Klirrten, und drönte die Wand zu dem untersten Grunde der Mauern, Und, wie im Abendwind die Welle des fluthenden Weihers Nun sich hebt, nun sinket: so wechselte Furcht und Verzweiflung Oft mit der Hoffnung des Sieg's in seinem zerrissenen Herzen; Aber er horcht' umsonst noch gieriger jetzt, nach Goletta Wendend das Ohr, nicht athmend, die starrenden Blicke zum Boden Heftend. Nicht donnerten mehr die entsetzlichen Schlünde; verhallt war Drüben der Mörser Gebrüll und das Schmettern des Feuergewehres. »Sie ist verloren!« so rief er, stampfte den Estrich, und eilte Schnaubend herab. Dann schritt er im hellerleuchteten Saal hin, Kehrete wieder, und stand, und horchte, die Bothen erwartend. Immer vernehmlicher wähnt' er Getrab anstürmender Rosse— Wähnte verwirrtes Geschrei heimflüchtender Krieger zu hören: Aehnlich dem sturmentmasteten Schiff, das fern auf dem Weltmeer Wechselnde Strömung entrafft, und endlos dreht auf dem Irrpfad, Schwankt' er umher, im Gemüth nicht Dieß', nicht Jenes beschließend. Bald erhob sich Suleymans Grimm wie ein nächtlicher Unhold, Dräuend, vor seinem Blick; bald lächelte Muley Hassan Hohn ihm entgegen im Glanz der wiedergewonnenen Herrschaft. Ihn umnachtete rings nur wilde Verzweiflung: den Schimmer Seines errungenen Ruhms auf immer erloschen zu schauen. »Ha,« so rief er ergrimmt, »eh' solche Schande mich treffe ... Schande?« Er faßte den Dolch; nach dauerndem Schweigen begann er: »Fiel Goletta, erstürmt, so werden sie kommen, mir Algiers Und Telmessans Thron, und den Zepter von Tunis zu rauben; Werden mich stürzen hinab in den Staub, daß sich krümme des Glückes Liebling, ein Sclave, voll Angst, an des Siegers zermalmenden Fersen. Ha, nicht des Tages Licht gedenk' ich fürder zu schauen: Denn es enthüllte nur Schmach! D'rum fort—hinab in das Dunkel Ewiger Nacht, zu entgeh'n der Qual, die jetzo mir droht! ... Doch Soll ich verschleudern das Ein', und Einzige, das ich erkenne? Schwand mir völlig die Hoffnung dahin? Ist Alles verloren? Drängt nicht Hunderttausende noch mein Wink in die Feldschlacht, Heute—sogleich? Zurück in die Scheide, geschliffener Mordstahl: Nur dem Gegner, nicht mir, zerfleische das Herz in dem Busen!« Sagt' es, und barg in den Gürtel den Dolch. Mit schüchternen Blicken: Denn er scheut' Eloa's Zorn, war Muhamed jetzt ihm Wieder genaht. Er hörte die zagenden Worte des Herrschers, Ballte die Faust vor Wuth, und kam, der schrecklichsten Thaten Allerschrecklichste noch, in die gährende Brust ihm zu hauchen. Wie auf des Südens Meereiland der scheußliche Vampyr Ueber dem Schlummernden schwebt, und, mit weitgebreiteten Flügeln Fächelnd, den Schlaf ihm mehrt, das Blut zu entsaugen der Ader: Also schwebt' auch Muhamed leis' auf Hairaddin nieder, Schaudernd und bleich, der Fluchthat selber erbebend: er hauchte Höllenfrevel ihm ein, und floh durch die finstere Nacht fort. Hairaddin stand, und sann: ihm rollten die feurigen Augen, Aehnlich dem Blitz im Gewittergewölk, in den finsteren Wimpern.
Jetzo die Straßen herauf ertönte des eisernen Hufes Schmetternder Schlag; in dem Hofraum scholl absitzender Krieger Rufen. Nicht lang, so trat der tapfere Sinam mit Dragut, Muhamed Temtes, und Abu-Sa-id, tieftrauernden Blickes, In den erleuchteten Saal, den zürnenden Herrscher zu söhnen. Rasch ging dieser umher vor den Bebenden, und nur zuweilen Traf sein verachtender Blick vor Sinams Füßen den Boden; Doch nun stand er, und rief, durch die festgeklammerten Lippen, Stöhnend, das Wort: »Ihr Feigen!« und lächelte grimmig für sich hin. Stolzer erhob nun Sinam das Haupt, und sagte verweisend: »Welch ein Wort, Gewaltiger! floh dir, scheu, von den Lippen, So die tapferen Männer zu schmäh'n? Wir feig in der Feldschlacht? Zahllos jammern daheim die Verwaiseten—jammern die Bräute, Wie auch die Gattinnen, bald, und auf immer die Lieben vermissend, Die, zu Hügeln gehäuft, wir tödteten rings um den Wall her. Galt es, mit Sterblichen nur in die Schranken zu treten: wir hätten Herrlich gesiegt. Doch heimlich vereint mit den Geistern der Hölle, War der bebende Grund mit jeglichem Schrecken des Luftraums Aufgestürmt um Goletta: wir wichen den furchtbaren Mächten, Aber nicht feig', da wir zu dem blutigsten Kampfe bereit steh'n.« Also der tapfere Greis; da höhnete Dragut den Helden: »Armer, du schwärmst vor Angst! Auch uns erklangen die Ohren, Als der brüllende Donner erscholl; mit dem bebenden Boden Wankten auch wir; uns schlug nicht minder der prasselnde Regen. O, daß ich fern' war! Nein, nie hätte den Geistern der Hölle Dragut gebebt, von dem das Volk sich erzählet: er würde Selber den Satan besteh'n in nie zu erschütternder Kühnheit.« Sinam schwieg; doch Hairaddin trat den Hadernden näher, Faßte den Dolch, und sprach mit zornausblitzenden Augen: »Denket der Trauer nicht mehr, weil uns die Veste geraubt ward, Die mit wuchernden Blutes Gewinn ein herrlicher Sieg uns Wieder erringt. Zum Kampf denn! Am Morgen ertöne der Schlachtruf— Töne so schrecklich, so laut, daß umher die Gefilde des Todes Schauern vor Angst. Doch hört, was dringend erheischet die Vorsicht, Und die Rache gebeut ob Giaffars Fall, und Goletta's. Unter den Kerkern der Burg, wo in Banden die christlichen Sclaven Liegen, und all', im thörichten Wahn: der tapfere Moslem Falle dem Christen so leicht, nun harren des kommenden Retters, Häuften im ringsdurchhöhleten Grund die Söldner des Zündstaubs Furchtbare Last. Entflammt aufschleudre sie jetzo die Hochburg— Schleudre zerschmettert die Sclaven all' empor in den Luftraum So, daß nicht einer entrinne dem Tod und dem grausen Verderben. Also gescheh's, noch ehe der Morgen im Osten heraufglänzt!« Sinam erblaßt'; auch Abu-Sa-id und Muhamed Temtes Zitterten; doch noch frecher begann der schreckliche Dragut: »Wahrlich,« so rief er, »nur Gott, und sein erhabner Prophet nur Gab den Gedanken dir ein: ich beuge mich tief vor Erstaunen! Alle zugleich! So möge mit Jenen der heuchelnde Graukopf, Der mir Mathilden entriß, zerschmettert, verhauchen das Leben: Denn ich sann ihm entsetzlichen Tod: er fahre zur Hölle!« Grimmig lächelt' er nun. Da wandt' ihm, von Schauder ergriffen, Sinam den Rücken, und sprach zu Hairaddin schmeichelnden Lautes: »Mächtiger, wie, du solltest den Ruhm errungener Lorbern Heute durch solch' entsetzliche That auf immer beflecken, Die von der Feigheit gezeugt, und Verzweiflung geboren, zum Abscheu Allen, Suleymans Huld dir entzöge für jetzt und auf immer? Wie der Morgenstern vor jeglichem strahlt an dem Himmel, Also zieret sein Herz der Tugenden schönste, die Großmuth. Was vermöcht' in der Felsenburg der wehrlosen Sclaven Fesselbelastete Schar? Sie mög' in festlichen Reihen, Nach vollendetem Krieg, den Siegeswagen dir schmücken!« Aber der Wüthrich schwieg. Noch kämpfte die Furcht mit der Mordlust, Ob Suleymans Zorn, in seinem beklommenen Busen; Endlich obsiegte die Furcht. Er sprach, tiefsinnenden Blickes: »Ha, wenn Reue mir würde dereinst, der klügelnden Weisheit Sinams gewichen zu seyn! Ich bebe der dunkelen Ahnung, Die mich ergreift. Wohlan, ich weiche dir! Eilt in das Lager, Dort zu erregen das Heer; ich entwaffne die Freunde des Hassan Hier in der Stadt, die mich verriethen im Kampf der Entscheidung.« Jene, gehorchend dem Wort, enteileten; aber der Wüthrich Zog in den Straßen umher mit Gefolg, das Volk zu entwaffnen. Wie in der Schreckenszeit volktödtender Seuche, der Hauptstadt Einsame Straßen entlang, nur leichensammelnder Träger Fußtritt schallt, und mit Angst erfüllet die Herzen der Menschen, Die sich, verborgen daheim in der Kammer, ergeben der Hoffnung, Dort zu entgehen der scheußlichen Pest: so flüchteten, bebend, Jetzt die Tunisier heim in der Nacht, als rings mit Getümmel Hairaddins Würgerschar durchtobte die hallenden Straßen.
Trauernden Blickes saß auf der Zinne der luftigen Hochburg Regulus: denn er sah, wie jüngst der grausame Wüthrich Unter den Kerkern umher, die Last des schrecklichen Zündstaubs Häufen ließ, die Sclaven gesammt urplötzlich zu tödten. Muhamed brauste heran, der grau'nerregenden Unthat Zeuge zu seyn, die er Hairaddin erst einhauchte voll Arglist. Auf der Zinne der Burg den Einsamen schauend, begann er: »Stets entfernt von der Heldenbahn, der rühmlichen Vorzeit Nicht gedenkend, nur Hülf' und Errettung sinnend dem Volk hier, Das nicht deines Geschlechts, nicht deines Glaubens sich rühmet, Irrst du umher, Verblendeter! Bald vernimmst du mit Schauder— Schauest mit Schrecken es an, wie die Lunt' ein kühner Geselle Hin zu dem Zündstaub senkt, die Flamm' auffleugt zu dem Himmel, Donner erkracht, und der Berg, aus seinen berstenden Vesten Taumelnd vor Angst, empor in den sturmbewegeten Luftraum Schleudert unendlichen Wust, und im Wuste die christlichen Sclaven, Die dein Herz erkor, zerschmettert entschwinden dem Erdkreis. Jammere dann! Nichts half dir all dein wüstes Beginnen.« Rief's, und entschwand. Doch Regulus sah nach Medelin: er horchte Von dem Erker der Burg in die Nacht. Vor dem kommenden Sieger Schwieg das Gefild umher, und der Lärm verhallte zu Tunis. Bald des Siegers gedacht' er mit Angst: denn schändlich verrathen Hatt' er sein Volk, und für Trug verschmähet die heilige Wahrheit; Bald umgaukelten ihn die Bilder der lieblichen Heimath, Dort die fröhliche Jugendzeit, verlebt in dem Umgang Holder Gespielen, und dort die liebende Mutter in Jammer Ob des Sohnes Verlust—in Trauer die Freund' und Verwandten. Gleich dem starrenden Eis, das schnell des laueren Westwinds Odem schmilzt, begann ihm die Wuth in dem Busen zu schmelzen, Und sein Aug', das lange nicht mehr des reuigen Herzens Sanftere Thräne gekannt, erhellten schimmernde Perlen. Regulus schwebte herab, umschlang den Nacken Medelins, Daß er in seiner Brust entflammte des himmlischen Mitleids Glimmende Funken, und regt' ihn auf in dem Seelengelispel: »Hast du dem Vaterland, den Lieben daheim und dem Glauben Deiner Väter entsagt, und geopfert für schändlichen Reichthum Ruh' und Glück? Doch sieh', nicht bringt dir solcher hienieden Jemals Gewinn: denn bald, in entsetzlicher Stunde der Nothwehr Wenn nicht Sinam es hemmt, der mildergesinnete Feldherr, Schleudert des Wüthrichs Grimm die Sclaven, und schleudert dich selber, Flammenumbraust, in die Luft. O, rette die armen: dem Mitleid Oeffne dein Herz, und der Reue, zu sühnen den schändlichen Undank!« Schaudernd vernahm im Geist die schrecklichen Worte Medelin; Stieg die Stufen herab, und Regulus blickte, vor Wonne Bebend, ihm nach: er ging, die Brüder zu retten, entschlossen. Jetzt urplötzlich umstrahlt von seelenentzückender Klarheit, Und vernehmend den Ruf unendlicher Lieb' und Erbarmung, Fuhr der Geist verklärt empor, in lichteren Räumen Seliger stets, der Himmelshuld entgegen zu harren. Doch schon stand Medelin umringt von den Christen im Kerker; Riß sich das Kleid entzwei; zerschlug sich die Brust und die Hüften, Lautaufjammernd, und rief mit thränenumhülletem Blick so: »Wehe mir schändlichem Mann: den heiligen Glauben verläugnet Hab' ich für schnöden Gewinn, verkauft dem falschen Propheten Ruh' und Glück; doch über das Haupt des schändlichen Räubers, Hairaddin, komme der Fluch! Ihr all', o Frevel der Hölle, Solltet jetzt, in die Luft geschleudert, zerstieben im Zündstaub, Den er gehäuft im Fels tief unter den Kerkern! Nur Sinam Hemmte den Wüthenden noch, und siegt'. Mir schwand die Verblendung Schnell vor den Augen: ich schwur, dem Gräuel erbebend, euch Rettung, Und, wenn Reue noch frommt, so wird erbarmende Huld mir. Hör't, nur tödt' euch die Freude nicht, hör't! Euch Freiheit zu schaffen, Rückten die Christen mit Heer'smacht an; im Sturme bezwungen, Liegt Goletta im Staub; die goldenen Zinnen von Tunis Beben dem Sieger; der Wüthrich flieht, und der schimmernde Halbmond Sinkt vor dem heil'gen Panier, das unser'n Erlöser getragen.« Rief's, und, als er die Bande gelöst von den Händen und Füßen Hugo's, da sprach er zu ihm, mit thränenerhelleten Augen: »Eile zu unserm Gebiether und Herrn, dem Kaiser, und künd' ihm, Was hier eben gescheh'n. Die eisernen Thore der Hochburg Will ich verschließen vor Hairaddins Wuth, die entfesselten Sclaven Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit ihm und der Heersmacht; Aber er eile heran: denn furchtbar wäre das Säumen.« Als er geendet, da scholl um ihn her entsetzliches Rufen, Weinen, und Jauchzen des Volk's, daß er selber in bebenden Schauern, Wonn'entseelt, hinsank, und stöhnete. Freudig enteilte Hugo des Kerkers Nacht, dem Kaiser die Kunde zu bringen.
Liebliche Still' umfing das Lager der Christen. Entschlummert Ruhte der Krieger im luftigen Zelt; nur rings um den Wall her Stand die Wache, nicht scheuend für heut' den feindlichen Anfall Mehr, und summte, gelehnt an's Gewehr, ein munteres Liedchen Leis' in die Stille hinaus, sich die nächtlichen Stunden zu kürzen. Ueber die Cedern herauf, an Zafrano's entfernteren Höhen, Schwebte der Mond, und erhellete rings den schweigenden Erdkreis. Draußen im duftigen Meer, auf den fern entgleitenden Wellen, Glomm sein düsteres Licht; er zog in dem finstern Gewässer Hin die strahlende Bahn. Vom Schilf her säuselte Kühlung; Summend wiegten die Mücken der Nacht sich in würzigen Lüften, Und in das leise Getös' der fern' aufbrandenden Wogen Mengte vom dunkelen Hain die kreischende Stimme der Laubfrosch: Rings verstummte die Welt, und entschlummert ruhten die Krieger. Aber kein Schlummer umfing die glühenden Augen des Kaisers. Sinnend saß er vor seinem Gezelt, und blickte zuweilen Schwermuthsvoll in die liebliche Helle des Mondes, zuweilen Nach dem trüblichen Schimmer hinaus auf den gleitenden Wellen, Hörte der Wogen Geräusch am fernen Gestade; der Mücken Summenden Flug, und das Kreischen der grünlichen Zweigebewohner, Und er seufzte dann laut des Herzens nagendem Kummer.
Sieh', nicht schlummert' auch Eberstein! Ihm brannten die Wunden Noch an dem Arm, den erst, im Sturm der Veste Goletta, Ein befiederter Pfeil durchfuhr. Er lag in dem Mondlicht, Vor dem Gezelt, die Labung kühlumsäuselnder Lüftchen Athmend. Nun horcht' er bewegt, und blickte verwundert um sich her, Als er die Seufzer vernahm vor dem Zelteingange des Herrschers. »Wer durchstöhnet die Nacht?« so rief er, dem einsamen Denker Nahend mit zögerndem Schritt. »Er selber?« Da wich er betroffen, Kehrete wieder, und sann: ob er dort den Einsamen störe? Doch sein trauerndes Aug' entlockte dem Zweifler das Wort jetzt: »Hat mich das Lüftchen getäuscht, das leis' in den Zweigen des Oehlbaums Säuselt, Seufzenden gleich? Geußt Blässe des Todes der Mond nur Dir auf die Wangen? Wie, du wachest, in Trauer versunken, Nach dem Tage des herrlichsten Sieg's, dem Falle Goletta's? Sprich, Erlauchter, warum denn ewig dir finstere Schwermuth Falte die Stirn'? Enthülle dem Treuen des Herzens Geheimniß: Haben die Sorgen des Thron's, hat unverschuldetes Herzleid Sie schon frühe gezeugt, und großgezogen zum Jammer?« Ernster wandte nach ihm die sinnenden Blicke der Kaiser; Legte die Hand auf die Brust, und begann mit erschütternder Stimme: »Lasest im Antlitz du die Züge des nagenden Kummers? O, so schaue sie kenntlicher noch mir im Herzen, und schweige! Früher Gram, vermengt mit den zartesten Freuden der Kindheit Wurzelt' in dieser Brust, die dort des herrlichen Vaters Tod, und um ihn, der Mutter im Wahnsinn endende Trauer, Grausam zerriß. Doch winkte mir ewig der Völkerbeherrschung Ernstes Ziel; ihm weiht' ich die fröhlichen Jahre der Jugend, Schweigend, der Blödigkeit Bild, bis Valladolids Turnierbahn, Und des Schild's hochsinniger Spruch mir glänzenden Ruhm gab. Als ich Hispania's Zepter ergriff, durchtobten des Aufruhrs Schrecken das herrliche Land. Von Bürgerblute besudelt, Weckt' es Entsetzen mir an den Schranken der furchtbaren Laufbahn; Aber zugleich erstand auf der dornenvollen ein Feind mir, Unversöhnlich, den Thron des heiligen, römischen Reiches Neidend, und glühend vor Haß, in Frankreichs stolzem Beherrscher. Hat er nicht endlos Krieg, und ach, unnennbares Elend Rings auf unsere Völker gewälzt: zu Bundesgenossen, Er, deß' Thron in dem Nachruhm prangt des Christlichsten Königs, Mahoms Söhne gewählt, des Kreutzes schrecklichen Erbfeind, Den ich im seligen Jugendtraum, dereinst Europa's Rettender Hort, zurück nach Asia's Steppen zu drängen Hoffte? Sieh', auch jetzt, als uns viel tausender Christen Schreckliche Noth nach Afrika's ferne Gestade gerufen, Weckt er daheim mir Haß, und nährt verderbenden Aufruhr! Deutschland—Mann, du erbebst dem Jammergeschicke der Heimath, Fröhnt ihm sogar, verkennend mein treues und redliches Streben: Durch den freien Verein so vielfachgesonderter Gauen Endlich die heimische Macht und Würde für immer zu gründen! Doch nun trennt sie ein Streit, das Heiligste, Höchste der Menschheit: Gottes Wort, sich erkiesend zum strenggebiethenden Vorwand: Jeden Verein zum Wohl noch kommender Zeiten zu fernen. Wahr, daß Schatten das Licht umhülleten; heilig wie Gottes Satzung, der Unfug dünkte dem Volk', und die Wiedergestaltung So an dem Haupt wie den Gliedern ersehnt' auch die bessere Mehrzahl, Die dem Heiland getreu verharrt für immer und ewig! Doch nur von Schlacken das Gold, von der Spreu zu sondern das Fruchtkorn, Heischte die Lieb', und es hob sich schon der Tempel der Eintracht Herrlich empor: er ward zertrümmert in schrecklicher Willkühr. Nur zerstörend wollte man bau'n. Die reitzende Neu'rung Und der empörende Ruf unwahrgedeuteter Freiheit Lockte das Volk—das Eigen der Kirche die Fürsten. So rang ich, Denkend des schrecklichen Bauernkriegs, und der Gräueln der Zukunft, Lang' entgegen dem Strom, dem Jammer zu wehren, vergebens! Ha, ein Gesicht, erst jüngst in des Heiligthums Dunkel enthüllet, Sträubte das Haar an der Scheitel mir auf! Ich zitterte, bebte: Deutschland sah ich erwürgt nach dreißigjährigem Wuthkampf, Rauchend im Schutt die Burgen, Paläst', und Hütten, und Tempeln; Heiliges frech entweiht, die Määler der Künste vernichtet, Und verödet die Gau'n. Wo früher die goldenen Aehren Wogten im schimmernden Abendroth; wo blöckende Heerden Hüpften im lachenden Grün; der Mensch in seliger Unschuld Gleichbeseligte Menschen ersah, und sich freute des Daseyns, Herrschte nur Grabesstill', und im dornumwucherten Saatfeld Bleichte das nackte Gebein weithin erschlagener Völker. Spät erst wagte, mit schüchternem Blick, der Verscheucht' aus dem Schutte Sich zu erheben, und sah er nun dort den Schüchternen kommen, Dacht' er, »Weß Glaubens er sey?« und brütete Haß und Verfolgung. Sieh', Jahrhunderte floh'n! Da lag auf den Fluren der Heimath Finstres Gewölk; die röthlichen Blitz' erhellten zuweilen Hinter der Wolkennacht, die Jammergefilde der Zukunft. Ueber dem Rhein scholl Mordausruf: bald wirbelten endlos Auch in die deutschen Gau'n, vernichtend, herüber des Aufruhrs Flammen, und laut umher ertönte Gebrülle von Freiheit! Gleichheit! Doch von dem Wagen des lautumjauchzeten Siegers Klirrten die Fesseln schon entehrender, schimpflicher Knechtschaft. Fiele der Deutsche so tief? Er beugte den kräftigen Nacken Selber der Schmach? O dahin, ich wußt' es, unselige Trennung, Führst du mein edeles Volk: dir rang ich vergeblich entgegen!«
Jetzo verstummt' er, und neigte zum pochenden Busen das Antlitz, Thränenumflossen, herab; doch sieh', er hob es, erschüttert, Wieder empor: im Blitz erhab'ner Gesichte der Zukunft Schwand ihm die Gegenwart! Er sah in beglückteren Tagen, Freiheit bringend und Ruhm, an den lieblichen Ufern der Pleisse Siegender Heere Verein: erstanden in ihrem Vermögen Deutschlands Völker, geschlossen den Bund hochsinniger Fürsten, Schlacht und Feindesflucht, im helleren Glanze des Rheinstroms Freihinwallende Fluth, und Sieg auf Siege gehäuft fort— Sah vorstrahlend im Fürstenbund den glücklichen Enkel: Glücklich im hohen Gefühl des ruhmgekröneten Lebens, Und in der Liebe des Volk's, das treu und redlich ihm anhing, Auch in dem nächtlichsten Sturme der Zeit. Da schwand ihm des Anblicks Zauber; er starrt' umher, und rief: »Ein täuschender Traum war's!« Und mit dem Blick voll inniger Trauer begann er von neuem: »Solcher Kummer belastet mein Herz: ich denke der Zukunft. Alles, was ihr dieß Herz mit Liebe zu weihen sich sehnte, Hemmte der Sectenwuth blindlingsvernichtender Unsinn, Der, mein Leben begeifernd mit Gift, mir Haß in der Nachwelt Fernsten Tagen erregt, und Schmähung bereitet die Fülle. D'rum lechzt meine verwundete Brust nach freieren Lüften, Ferne vom Thron, wo nie die Freude mir lächelte, rastlos Feindlicher Haß mich traf, und herzzermalmender Undank. Aber ich sehe das Morgenroth, das mir an dem Abend Noch die Sonne verheißt nach dauernden Stürmen des Tages. Jüngst, nach ermüdendem Weidwerk, both in Estremadura's Lieblichem Thal, Sankt-Just, der Hieronymitaner Einsames Kloster uns Ruh'. In der hehren Stille des Abends Faßt' uns gar wunderbar vom erhelleten Dome der Psalmen Herrliche Festmelodie, der Orgel mitwallender Jubel, Und das wehmuthsvolle Getön der Glocke vom Thurm her, Die zum Abendgebeth uns lud, und zu stiller Betrachtung. Schweigend durchirreten wir des vielfachgesonderten Gartens Dunkle Pfade, wo frei, nach Lust unschuldiger Willkühr, Jeder im Bruderverein mit Sorgfalt baute sein Gärtchen. Einer mit silbernem Haupt und himmlischheiterem Antlitz, Wandelte dort: er band, dem festlichen Morgen zur Feier, Kränze, mit zartem Sinn vermengend mancherlei Farben; Knüpfte, hinwandelnd im Duft, gesunkene Blumen an Stäbchen Fest, und labte die schmachtende Flur, aus der Fülle des Springquells Schöpfend die Silberfluth mit hellerglänzender Kanne. Freundlich nickt' er den Gruß erst mir, dann meinen Gefährten Freundlicher noch; er ging, und waltete, meiner nicht achtend, Wieder so ruhig fort in überseligem Frieden. O, so dacht' ich, nicht fühlt er die herzzernagenden Sorgen, Die mein Antheil sind auf des Lebens verworrenen Pfaden! Ihm ist sein Blumenbeete die Welt, von sanften Bewohnern Blühend und duftend belebt; sie lohnen mit seligen Freuden Stets ihm jegliche Müh': er herrscht und waltet im Segen. Schnell wie ein Blitz aufflammt' in meinem Busen ein Vorsatz, Welchen das Herz ergriff, festhielt, und erwählte für immer. Staune nicht so, mein Held! Einst siehst du mich glücklicher. Reift nur Mein Erzeugter zum Manne heran, auf dem Pfade des Herrschers Würdig zu wandeln: dann, o sehnlich erwarteter Festtag, Eil' ich mit Adlers Flug in des Friedens himmlische Thäler: Denn, wie, kämpfend mit Sturm und Noth, der zagende Schiffer Fern auf dem Meer umtreibt, als berstend die Maste vom Bord ihm Stürzen, die schäumende Fluth fortwälzt die Tau' und die Segel, Und sein Fahrzeug, leck, schon tiefer sinket, er plötzlich »Land! Land!« hört, da füllt ihm die Brust unnennbare Sehnsucht, Und sein thränender Blick hängt starr an den fernen Gestaden: Also zieht mich das Herz hinüber nach Estremadura's Winkendem Friedensport, und Sankt-Justs heiligen Mauern. Dort, den Sorgen der Erd' entrückt, vom Menschengewühl fern, Und dem Himmel geweiht, entschwind' in seliger Stille Jede Erinnerung mir der leidenerfülleten Vorzeit! Sieh', schon glänzet der Abendstern, verwandelt, des Morgens Herold: die Nacht entweicht! Schon wecken die rasselnden Trommeln— Wecken Drometen das schlummernde Volk. Nun will ich des Sonntags Heilige Feier begeh'n im Kreise der tapferen Krieger, Dann, will's Gott, erringen das Ziel in dem Kampfe vor Tunis!«
Waffengeräusch erscholl im dunkeln Gezelte des Kaisers, Wo seither dem düsteren Schmerz ergeben, Toledo Trauerte. Ihn zu erheitern sann der gütige Herrscher; Aber umsonst: denn kalt und schweigend verschloß er die Brust ihm. Jetzt, aufhorchend im Zelt dem Klagenden, fühlet' er plötzlich Wieder erglühen den Muth im schmerzerstarreten Busen; Sprang vom Lager behend', umfaßte die glänzenden Waffen, Gürtete sich, und kam, und sprach zu dem Staunenden also: »Wie, so wohnet denn Gram auch im edelsten Herzen? So lohnt ihm Völkerbeglückende Müh' und Sorge nur schändlicher Undank? Schwinde, mein Leid! Verstumm't, ihr Klagen! Ich wähnet' euch endlos; Doch nun tret ich, beschämt, vor diesen erhabenen Dulder, Der dem größeren Schmerz obsiegt, und handelt, der Pflicht treu. Hör' ich drometenden Ruf—der weckenden Trommel Gewirbel? Fleugt das Schlachtroß wiehernd im Feld, und blitzen die Waffen Tod in den Feind? Ich komme! Mit Schrecken gewahrt er Toledo's Waffen, und netzt sie mit Blut, und, wenn auch Thränen sie netzten— Meine Thränen: ich trockne sie schnell, des Dulders gedenkend.« Rasch enteilt' er dem Zelt. Dem Nahenden jauchzten die Krieger Freudigen Gruß: denn liebend hing das Volk an dem Helden. Aber ihm folgte bewegt, mit den tapfersten Führern der Kaiser Jetzt in das Lager hinaus, Aufbruch zu gebiethen der Heersmacht.
Schon versank am fernen Gebirg der blässere Vollmond; Leise verhüllten die Stern' ihr Strahlenhaupt, und im Frühroth Glomm die erwachende Welt, als jetzt das geordnete Kriegsheer Sich nach Goletta erhob. In tieferschütternder Stille Schritt es einher. Nun wurde die finstere Stirne des Kriegers Mild, nun sanft sein drohender Blick: denn heiliger Andacht Sollt' er am Tage des Herrn sich weih'n; des göttlichen Mahles Andenken würdig feiern, und dann die erschlagenen Krieger Senken in's dunkele Grab, und den Tapfern erhöhen den Denkstein, Daß er entflamme des Kriegers Brust in der kommenden Zeit noch. Sieh', am Strande des See's, auf dem weitumschauenden Hügel Hob sich über dem Zelt aus Zweigen des säuselnden Oehlwalds Eine Laube, dem Opferaltar zum wölbenden Dom auf. Krieger pflanzten die Laub' in Hast, und zur Linken und Rechten Neben dem Bild des Gekreuzigten, nährt' auf silbernen Leuchtern Emsiger Bienchen Fleiß die fächelnde Flamme der Kerzen. Als die erlesene Heeresmacht, dem schimmernden Halbmond Aehnlich, die Laub' umgab: da folgte der stattliche Priester Eilig, im Feiergewand, dem dienenden Jüngling zum Altar. Dort vor dem Allerheiligsten sprach er die offene Schuld erst; Dann lobsang er dem Herrn, und bethet' um Himmelserleuchtung, Daß das sehnende Herz erkenne die Wege der Wahrheit; Kündigte dann aus dem Brief des großen Jüngers die Tröstung An die fromme Gemein': »Einst soll, was dunkel im Leben, Wie in umflortem Spiegel erschien, auf immer enträthselt, Schimmerndhell uns werden im Anschaun ewiger Wahrheit.« Dann die Worte des Evangeliums, mild und erhebend: »Liebet auch euren Feind, als Kinder des Einen und Höchsten, Der mit Vaterhuld für den Frommen und Bösen die Sonne Aufgehn heißt mit erwärmendem Strahl, und gedeihlichen Regen Sendet der Saat des einen, und andern!« Auch sprach er des Glaubens Frohes Bekenntniß, und opferte Brot und Wein zur Versöhnung Unserer Schuld; doch bald nach dem Dreimal-Heilig erhob er Nun das Heiligste selbst, und, als er im frommen Gebeth auch Jener gedacht, die, schon entrückt, im Lande des Friedens Schlummerten, sprach er das hohe Gebeth des Herrn, und, in Demuth Schlagend die Brust vor dem Lamm, das, uns Erlösung zu bringen Sich in den Tod hingab, genoß er die Speise der Seelen. Jetzt noch fleht' er um frohe Geduld in den Tagen der Trübsal, Und entließ mit segnender Rechte die Christenversammlung. Aber das Haupt entblößt, und die Augen zur Erde geheftet, Stand umkreisend das Heer, und ehrte die heilige Sühnung Durch erhabnen Gesang: die melodischen Laute des Herzens Flogen zum Himmel empor, und weckten die sanfteren Thränen, Die nur die Andacht weint in wonn'erhöhter Empfindung. Glänzender wölbte sich rings des Himmels blaues Gezelt auf, Und ein Sonnenmeer umwogte das hehre Geheimniß Unseres Heils. Der schimmernde See, von milderen Lüftchen Leise geküßt, erhob in schauernder Wonne die Wellen Nach dem Strand, wo in lispelndem Grün der Opferaltar stand. Freudig neigten sich ihm die Wipfel der Cedern Zafrano's; Auch das Olivengehölz ersäuselte sanft, und des Luftraums Liebliche Sänger horchten still in den flisternden Zweigen; Feierlich schwieg umher die tiefanbethende Schöpfung.
Als gefeiert das Fest, und vollendet das göttliche Mahl war: Da geboth der Kaiser dem Volk die Begrabung der Todten. »Eilt,« so rief er, »an's heilige Werk: der Erde zu geben Leichtverwesliche Saat zur Ernte des ewigen Lebens, Wenn der Posaune Klang uns all' aus den Gräbern hervorruft! Denket des tapferen Sarno zugleich, den ehrenden Denkstein Ihm erhöhend. Auch Giaffar sey an den Mauern Goletta's Ehrend die Säule geweiht: denn schön ist es, kommenden Zeiten Noch den Heldenmuth erschlagener Feinde zu künden.« Eilig gruben die Krieger das Grab; weit gähnte das Erdreich, Biethend die Ruh' im dunkeln Schooß den entschlummerten Todten. Thränenden Blick's hintrug so mancher den treuen Gefährten, Der auf des Lebens Dornenpfad' ihm redlich die Bürden Tragen half, und treu sich bewähret' in Noth und Gefahren. D'rauf, als alle das Grab umfing, und der ehrende Hügel Deckte: da hob, aufblickend, der Priester den Trauergesang an; Sprengte geweihetes Wasser umher, und schwenkte des Fäßchens Weihrauchduftende Gluth der Ruhestätte zum Segen. Dann versenkten sie auch im gesonderten Grabe, die Leichen Ihrer Gegner, vereint; erhöhten mit Liebe den Denkstein Sarno's Ruhme geweiht—auch Giaffars. Freudig gewahrte Ludwig das Ehrenmaal des Tapferen, den er erlegte.
Hell, in des Mittags Gluth erglänzten die Zinnen der Festung, Als die christliche Heeresmacht, dem Herrscher gehorchend, Sich g'en Tunis erhob. Der Wetterwolke nicht ungleich, Die an dem fernen Gebirg aufschwebt, dann eilenden Fluges, Rings die Lüft' umhüllt, und des Himmels Bläue verschlinget, Deckten die Kriegsheerscharen das Land. Sonst tapfere Krieger, Lechzend vor Durst im qualmenden Staub, der unter des Rosses Huf und des Mann's vorstrebendem Fuß zu den Wolken emporstieg, Murreten jetzt in den Reih'n: da schwang der Kaiser voll Hast sich Aus dem Sattel; er zog in mutheinflößender Hoheit, Selbst mit den Scharen einher, und führte sie vor auf dem Heerweg. Plötzlich verstummte die Klag', und, wie durch kühlendes Wasser, War die lechzende Zunge gelabt, der finstere Sandstaub Ohne Beschwerd', und die Gluth der schrecklichen Sonne verloschen. Doch als jetzt in des Meeres Fluth g'en Westen ihr Antlitz, Goldumflammt, sich spiegelte; dort- und vom nahen Gehölz her Liebliche Kühlung kam: da ersah'n die staunenden Krieger Tunis, mit thürmenden Minarets und prangenden Häusern Glühen im rosigen Licht der ersehneten Stunde des Abends. Lautaufjauchzten sie all', und schlugen mit nervigen Rechten Dann an die blanken Gewehr': entscheidender Thaten sich freuend. Aber der Kaiser geboth, urschnell erforschend die Gegend, Seinen Tapferen »Halt!« denn links am Gestade des See's hin, Rechts am Olivengehölz, wo droben die Schanze der Felshöh'n Salis bewähretem Muthe vertraut, der lagernden Heersmacht Sichere Stellung verhieß, und die silbernrieselnde Quelle Labung ihm both, gedacht' er des Heers kampfrüstige Flügel Auszubreiten, und dort der Morgenröthe zu harren. Und, wie im wölbenden Dom die unzähligen Laute der Orgel, Von dem Künstler geweckt, sich all' in brausender Strömung Herzerschütternder Harmonie'n vereinen zum Wohlklang; Oder so wie die Räder all' im vollendeten Uhrwerk Willig sich dreh'n nach des Penduls Schlag, und die Zeiger der Stunden Kreisenden Lauf und die Bahn der Stern', und der Sonn' und des Mondes Weisen zugleich auf dem Zifferblatt: so folgten die Krieger Jetzo des Herrschers Wink. Und schnell, wie im künstlichen Webstuhl, Kreisenden Spuhlen entfloh'n, im Zug sich entwirren die Fäden, Und verschlingen zum schönen Gebild: so entwirrten sich alsbald Hier die verschlungenen Reih'n, und lagerten dann in dem Blachfeld Trefflich geordnet umher. Die Reiter, auf jedem der Flügel Deckten schirmend des Fußvolks Macht und des eh'rnen Geschützes Ordnungen, die von dem Vorderzug das mittlere Treffen Sonderten. So gestellt, nachtlagerten jetzo die Krieger.
Sieh', da nahten die Feind' unzählig herüber von Tunis, Hairaddins drohendem Blick und schrecklichem Rufe gehorchend! Wie auf dem Stillen-Meer des Sturms erbrausender Odem Weit die Fluthen empört, und endlosstarrende Wogen Fort zum entferneten Welttheil wälzt—sie stürzen gedrängt hin: Zahllos so, herübergejagt von dem furchtbaren Herrscher, Nahten die Moslemim: denn im Gemüth nicht Tausender Leben Achtend, däucht' es ihn leicht, die schmählichverlorene Festung, Jetzt im nächtlichen Ueberfall dem Feind' zu entreißen. Grimmig verlacht' er darum die Worte der Späher: ihm stehe Dräuend entgegen der Feind, und ordne die Scharen zum Kampf schon; Dennoch drängt' er den Sporn in die Seite des ächzenden Rosses, Das ihn im Staubgewölk und im sausenden Donnergalopp hin Bis an die Vorhuth trug. Dort hielt er, und sah, vor Erstaunen Starr, die Gerüsteten: Wuth und Verzweiflung engte die Brust ihm. Wie die Wetterfahn' im Hauch des wechselnden Windstroms, Bald nach Osten, und bald nach Westen gewendet, umherfleugt: Also schwankte sein Geist, im Sturm und Drange des Herzens, Unentschlossen, umher: denn schnell, mit dem Blicke des Adlers, Heeraufstellender Kunst und Angriffs kundig, gewahrte Sein umspähendes Auge das Heer des mächtigen Gegners Trefflich beschirmt, und ihm entfloh'n die Stunde des Angriffs. Schweigend kehrt' er zurück, und rief den Scharengebiethern, Frohsinn heuchelnd, und Muth, weil Angst ihm füllte den Busen: »Preist den Herrn der Welt und seinen erhabnen Propheten, Der uns herrlichen Sieg verheißt, und dem Feinde Verderben Sendet! Die Nacht entsinkt dem Sternengefilde; nicht kämpfen Heut' wir mehr: denn hör't! Nur tobenden Muthes Getümmel, Sang und Klang ertöne vom Lager; unzählige Feuer Mögen die dunkle Nacht umwandeln zur Helle des Tages, Und enthüllen das Heer, das schon an dem kommenden Morgen, Gleich dem Sturm vorbrausend im Feld, hintilge die Christen. Abu-Sa-id, dich ruft vor jeglichem Führer dein König Heute zur That! Zeuch hin mit zwanzigtausend Erwählten, Sonder Geräusch, entlang die felsigen Ufer Medscherda's, Nach Buschatter, um dort zu umgehen das feindliche Lager; D'rauf, den flammenden Blitz des Donnerrohrs und der Büchsen, Schauend in dämmernder Früh', und des Kampf's erwachtes Getümmel Hörend, erklimme die Höh'n, und stürze dich, ähnlich dem Gießbach, Der im zerstörenden Lauf fortbraust nach unendlichem Regen, Rasch in das Lager hinab, daß uns die flüchtigen Scharen, Seiner Wälle beraubt, dann all' erliegen im Schlachtfeld. Denke des herrlichen Zugs, und der Beut' unsäglichen Werthes!« Sagt' es, und Abu-Sa-id ging stolzumschauenden Blickes, Seinem harrenden Volk und dem nahen Verderben entgegen. Doch, auf Hairaddins Wink, des furchtbar'n Mannes, erwachte Jetzt Aufruhr, und Lärm, und Getös' in dem wimmelnden Lager: Denn des Kessels schmetternden Klang hier mengten die Einen— Dort des Horns Gebrüll die Andern (mit schwellenden Backen Und vorquellendem Aug' erzwingend des Erzes Gewaltton) Furchtbarer stets, in das laute Geschrei der rasenden Krieger So, daß die schlummernde Welt vor Angst aufschauderte ringsum! Und in den hellsten Tag verwandelte, prasselnd, des Reisigs Mächtige Lohe die Nacht. An den Zelten der Völker hinunter Trugen ragende Pfähl' unzählbarflammende Kessel, Leuchtend, empor: ihr fächelnder Schein durchblitzte die Gegend Endlos, immer geweckt von des Harzes aufwallenden Fluthen. Raschelnd wogte vor Hairaddins Zelt die Heilige Schlachtfahn'— Also dem Volke genannt, in die Lüfte. Die türkische Tonkunst Feierte dort ihr Fest: die Trommel polterte; Teller Zischten mit ehernem Laut; hell klingelten Schellen und Glocken; Pfeifchen gellten mit Zink- und Hörnerklängen vereinet. Doch vor des Bascha Zelt, vor jeglichem rings in dem Lager, Stand das düstre Panier, von des Rosses buschigem Schweifhaar Zwei- auch dreifach erhöht: die Würde des Orta-Gebiethers Kündend. Also durchwachten die Nacht die empöreten Völker.
Abu-Sa-id entschlich, dem wildaufspürenden Weidmann Aehnlich, dem Heer', und eilte Medscherda's Fluthen hinunter, Mit erlesenem Volk, ihm Stille gebiethend, zum Ziel hin. Lange noch hört' er des Lagers Getös', und freute der List sich. Aber da lag auf des Felsens Höh'n, im Kreise der Schützen, Salis, der tapfere Hort, und sah nach den Sternengefilden Schweigend empor. Er bebte, daß dort, millionen von Meilen Ueber dem glänzenden Sirius noch, das Aug', mit des Fernrohrs Zaubermacht bewehrt, aufdrang, und dennoch kein Ziel fand; Zahllos über ihm noch die Sonnen wandeln, und zahllos Erden und Monde sich dreh'n im Raum des unendlichen Weltalls: Das erfüllt' ihm die Brust mit Schauern der nahen Vernichtung! Weinend senkt' er den Blick zum niedrigen Staube hinunter— Dachte sich selber nur Staub im wehenden Hauche der Allmacht. Sieh', da flog, auf des Lüftchens Fittigen säuselnd im Nachtgrau'n, Eilender Schritte Getös' und klirrender Waffen Getümmel Ihm an das horchend' Ohr. Mit dem spähenden Auge des Falken, Der aus Wolkenhöh'n im dunkelen Grase den Raub sieht, Forscht' er rings in den Thälern umher, und sah an Medscherda's Ufer annahendes Volk. Schnell ahnt' er, besorgt in dem Herzen, Feindlichen Ueberfall, und, gedenkend entscheidender Abwehr, Flog alsbald, gesendet von ihm, Ruinard in das Lager, Von dem Kaiser verstärkende Macht zu erfleh'n: und sie ward ihm. Bald erklommen die Höh'n noch tausend erlesene Schützen, Löwenbeherzt, und froh der feindabwehrenden Arbeit.
Aber am Strande des See's, wo im Lager die Scharen der Christen Ruheten, war nicht Getös' auftobenden Volkes zu hören. Nicht erleuchtete Flammenschein (so wollt' es der Herrscher) Dort die dunkele Nacht, daß in ihrem Schleier geborgen, Fest vertrauend dem Muth in der Brust und der leitenden Weisheit, Lächle der Tapfre getrost des schreckenvollen Getümmels, Das die Verzweiflung gebar, nur feigeren Seelen zur Täuschung. D'rauf erquickte nur Brot die Lagernden, heute zum Spätmahl Kärglich gespendet; sie löschten den Durst nur am Born, und gedachten, Scherzend, des reichlichen Mahls zu Tunis, am kommenden Abend. Aber der Kaiser ging im Kreise der schmausenden Krieger, Zögernden Schrittes umher, und sagte mit Lächeln dem Einen, Und dem Ander'n ein freundliches Wort, beim Nahmen ihn nennend: Da in dem zahllosen Heer' kein Tapferer fremd ihm geblieben. Doch nun rief ihm der Reisige, Horst, der früher des Kaisers Dienender Mundschenk war, da er ging, im heiteren Scherz nach: »Carolus, unser gebiethender Herr,« so spöttelt' er, winkend Noch mit den Augen, ihm nach, »vermisset mit trauerndem Herzen, Heute wohl auch die erlesene Menge der Speisen im Prunksaal, Wo er dem Tisch sonst naht in traulicher, lieber Gesellschaft: Denn nicht dampfen aus China's buntem Geschirr ihm die Brühen Würzig entgegen, und nicht das Fleisch gemästeten Rindes, Mancherlei Brühen gesellt, nicht das zarte Gemüse, des Rehes Saftiger Rücken, des Wildschweins Kopf, mit grünenden Sträußchen Zierlich umhüllt, nicht der Braten von zahm- und wildem Geflügel. Auch das feine Gebäck, so vielfachgestaltet aus Rohrmehl, Das uns die Neue Welt hersendet in schimmernden Kegeln, Reitzt nicht heut' ihm den Gaum, nicht das Obst, erzwungen im Treibhaus, Oder weit schöner gereift von Gottes gewaltiger Sonne. Weder des Rheinweins Gold, noch Malaga's dunkler Gewürzsaft, Und des Tokayers Gluth weckt ihm aus silbernen Bechern Heute mehr Lust. Erwünscht nun wäre mir selber der Speisen Abhub, der uns Dienenden ward nach vollendetem Gastmahl; Aber getrost: uns winkt aus Tunis der freundliche Wirth schon!« Also sprach er im Scherz, und laut auflachten die Krieger. Abgewandten Gesichts horcht' ihm der edelste Kaiser; Doch nun wandt' er sich schnell, und lächelt' ihm, als er den Finger Gegen ihn drohend erhob. Dem Scheidenden folgte der Krieger Jubelgeschrei, noch weit zu seinem erhellten Gezelt hin.
Sieh', jetzt kam ein christlicher Sclav' im nächtlichen Dunkel Eilenden Lauf's zur Vorhuth; stand, und streckte zum Himmel, Dankend, die Händ' empor; dann rief er: »Erkennet ihr Hugo? Ich bin's! O, wer führt mich schnell zu dem waltenden Herrscher?« »Hugo?« so rief Toledo im Schlaf, und riß sich vom Boden, Lautaufstöhnend. Er lag, der äußersten Scharen Gebiether, Dort entschlummert im Feld. Nun küßte die bebende Hand ihm, Auf die Kniee gesunken, der Greis, und schluchzete sprachlos; Aber Toledo hing mit schrecklicherblassendem Antlitz Ueber dem weinenden Greis', und tief aus den Tiefen des Herzens Seufzend, sah er ein strahlendes Bild hinschwinden im Nachtgrau'n: Dann noch dunkler das Leben umher; er stürzte zum Meer fort. Hugo, bebend vor Angst, vernahm von den Kriegern Mathildens Trauergeschick und Toledo's herzzermalmenden Jammer, Und im wechselnden Kampf erblutete jetzo die Brust ihm: Denn bald sah er die Flucht des unglückseligen Gatten, Bald vernahm er im Ohr Wehklag' und Geschrei nach Errettung Tausender, die ihn gesandt aus den scheußlichen Höhlen des Todes; Doch, was höher ihm schien, und galt im redlichen Herzen, War ihm Gesetz. In Hast eintretend zum Herrscher, begann er: »Herr, kein Fremdling vor dir, erscheine ich heut' ein Gesandter Zwanzigtausend in Noth und Jammer verschmachtender Christen! O, ich habe den Jammer geseh'n, und wäre gestorben, Hätte nicht himmlische Huld mich bewahrt bei dem gräßlichen Anblick! Allerbarmend ist Gott, er lenkte die Seele Medelins Wieder zurück auf die Wege des Heil's, die er treulosen Sinnes Abschwur, und erboßt, den Christensclaven ein Henker, Wüthete. Sieh', er kam, und löste den armen die Fesseln— Löste sie mir, dem Draguts Rache den schrecklichsten Tod sann, Daß ich dir künde zuvor: verschließen wird er der Hochburg Eiserne Thore des Wüthrichs Macht, die entfesselten Sclaven Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit dir, und den Deinen! Als ich der Höhl' entfloh, da tönte herauf aus dem Abgrund Freudengeschrei und Gerassel der sinkenden Ketten, daß alsbald Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Angst und Entzücken. Wahrlich, mich leitete jetzt der Himmlischen einer in's Lager Her, in der dunkeln Nacht, Medelins Worte zu künden: Herr, der Rettung gedenk': denn furchtbar wäre das Säumen!« Hastig enteilt' er jetzt, die Spur zu erforschen Toledo's. Aber mit pochender Brust, mit thränenumflossenen Wimpern Blickte der Kaiser ihm nach, und rief den tapferen Radburg, Dann auch Römhild auf, die Führer der Bayern und Schwaben: »Eil't, ihr beide, vereint, mit tausend erlesenen Kriegern Jeglicher, nach der Felsenburg; im nächtlichen Dunkel Führt euch Hugo, der Greis, und dort eröffnet Medelin Euch die Thor', aus welchen noch heut', o Wonne, der Christen Eiserngefesselte Schar auszieht in seliger Freiheit! Haltet die Veste besetzt, bis wir im schallenden Sieg'sruf Nah'n, und die armen all', entfloh'n dem Kerker, uns danken.« Also geschah's: denn schnell entbothen die muthigen Führer Ihr erlesenes Volk, die Burg zu erreichen im Nachtgrau'n.
Draußen am Meeresgestad', am schwindligen Rande des Felsens, Stand Toledo gebeugt, und sah mit erblassendem Antlitz Starr in die schimmernde Fluth. Ihm schwand dort die Erd' und der Himmel: Denn jetzt horcht' er, verwirrt, dem fluthenden Geistergelispel— Stöhnete dann, und horchte wieder: die wechselnden Wellen Sanken, stiegen, und schienen allein in dem frostigen Meergrund Für sein brennend Weh' ihm labende Kühlung zu biethen. Also fand ihn der Greis! er hob die Händ' und die Augen Weinend zum Himmel empor, und bethete leise für sich hin: »Der du, ein guter Hirt in der Wüste das irrende Schäflein Suchtest, und so das Gefundene, liebendumfaßt, auf den Schultern Heimtrugst: laß auch ihn nicht verloren seyn, du Erbarmer!« Dann umfaßt' er ihn schnell; bedeckte mit brennenden Küssen Ihm den Nacken, und rief mit leisem Gewimmer: »Mathilde!« Lautaufstöhnt' er dem Wort', und wandte sich, starrend in Hugo's Thränendes Aug'; doch jetzt ergriff er die Hand des Getreuen, Preßte sie heftig, und floh nach dem Lager zurücke. Der Wogen Dumpfes Rauschen erfüllte noch fern ihm die Seele mit Schauder.