Versos German János László Pyrker Tunisias — Neunter Gesang

German poem

Tunisias — Neunter Gesang

by (1772–1847)

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Wie der Heuschrecken Heere, gejagt aus Syriens Wüsten Von zerstörender Gier, anstürmen im Sommer, daß weithin Sauset die Luft, und die Sonne verlischt in der Helle des Mittags: Also schwebten auch jetzt in zwei gesonderten Haufen, Brausend, die Geister heran, und jeglichem eilten die Herrscher, Muhamed erst, dann Attila vor: zwei finsteren Wolken Gleich, die donnerschwer, in dräuender Stille heraufzieh'n. Unmuth gohr in dem wilden Blicke des hunnischen Königs; Auch die glühende Stirn' und Wange des Koran-Verkünders Zuckte vor Wuth: nicht die Christen all' im Kampf der Entscheidung Schauend. Lechzende Gier nach Blut erfüllte die Furchtbar'n. Muhamed rief: »Erblick' ich dort Arabia's Krieger? Wehe, denn weder an Muth, noch an Thaten sind sie mir ähnlich Mehr, die Feig'umschwärmenden! Jetzt, und hinfort mir ein Liebling Seye der Türk'. Aus Turkestans sandiger Flur sich erhebend, Kam er, ein brausender Sturm, und säte des heiligen Korans Samen aus in die Welt, und lenkt' an die Keime den Blutstrom, Daß er erwuchs, und die Ernt' in üppiger Fülle sich fortmehrt. Hebe dich, luftige Schar: dem Christen errege die Gegner, Daß er besiegt hinschwind', und nie rückkehre zur Heimath!« »Tapfere Scythen, ihr!« rief laut der Hunnen-Beherrscher, »Die, nach Attila's Wink, den allverheerenden Flammen Aehnlich, im Garbenfeld der schmachgereifeten Menschheit, Wüthetet, als uns Rom auf den sieben Hügeln erbebte— Byzanz neigte das Haupt: erhebet die luftigen Waffen, Weil, der sterblichen Hüll' entrückt, der Thaten Vollendung Nimmer den Busen uns labt, nicht der Sieg im Jauchzen der Mordlust; Auf, und dränget der Janitschar'n blutdürstende Rotten Rastlos vor zum Gewürg' in volkzermalmender Feldschlacht!« Jauchzend vernahmen des Herrschers Ruf die luftigen Scharen; Aber so laut und so mächtig sie schrie'n—es zischte nur leises, Schwaches Geflister herab. Wohl starrt' in der eilenden Heersmacht Mancher der Krieger empor; doch leer ihn dünkte der Luftraum.

Leise, mit weitvorstrebendem Fuß, die klirrenden Waffen Pressend im Arm, und das Roß, daß es schweig', an den wallenden Mähnen Streichelnd, nahte der Feind in täuschender Stille vom Wald her. Doch als jetzt von den Felsenhöh'n das wichtige Zeichen Donnernd erscholl, und fern in des Lagers Mitte Verderben Säte der eherne Schlund: da jagten die listigen Scharen All', im geflügelten Lauf, im Getös' empöreter Mordwuth, Allah! Allah! brüllend, heran an des Lagers Umwallung: Denn urschnell und in wilder Verzweiflung sollte der Christen Schlummerndes Volk, so wähnete Hairaddin, Jammer ereilen. Siehe, und als dem Wald, wie am wetterverheißenden Morgen Zürnende Bienen dem Korb', entströmte sein lärmendes Kriegsvolk, Führt' ihm Mendoza, der Held, im Blitze des Waffengeschmeides Schon entgegen die reisige Schar: er selber den Kampfpreis Heischend vor ihm, und kühneren Blick's vorstürmend zum Angriff! Wie, wenn lechzend nach Blut, der schreckliche Tieger im Dickicht Leises Geräusche vernimmt, und dort, nur scheue Gazellen Suchend, den Leu'n, den langvermied'nen, gewahret, da wankt' er Vor dem entsetzlichen Feinde zurück, und denket der Flucht schon; Doch bald kehrt ihm die Wuth: er senkt die Brauen ergrimmter Nieder, und fletschet die Zähn', ihm den letzten der Kämpfe zu biethen: So mit staunendem Blick sah Hairaddin jetzo die Gegner Kommen im Feld, die er, würgend, vom Schlaf zu erwecken gedachte. Aber er säumte nicht, trieb, und jagte die Zögernden vorwärts, Und der Geister aufjauchzendes Heer flog brausend hernieder, Nahte den Kriegern, und schrie in das Ohr dort Jeglichem: »Vorwärts!« Wie der Bremsen erboßter Schwarm in der Stunde des Mittags Rasch auf die Heerde des trägeren Hornvieh's, dann auf der Rosse Munt'res Gestütt' sich wirft, und all' in rasendem Taumel, Brüllen, wiehern, und flieh'n: denn, ob ein schwindliger Abgrund, Oder die tobende Fluth tief unten dräuet—sie stürzen Unaufhaltsam hinab; so drängten die luftigen Geister Hairaddins Volk an die Feind', und furchtbar tönte der Schlachtruf.

Siehe, die Reiterschar der Araber tauchte vor allen, Spornend das feurige Roß, und vorgebeugt aus dem Sattel Bis zu den Mähnen, die Spitze des hochaufragenden Speeres Dort in Mendoza's Reih'n. Da fiel Segorbia's Kampfheld, Aguillar, und mit ihm Morillo, den Murzia sandte, Fahnenjunker im Heer, mit dreißig erlesenen Kriegern, Und in dem Waffengemeng' erbebte Hispania's Jugend, Die zum ersten Male des Kriegs betäubendem Schrecken, Hier in dem Feld, entgegen sich warf, und dachte der Flucht schon. Doch jetzt nahte mit Sturmes Flug vor seinen Gefährten Hermann heran: ihn lockte des Kampfs erwachender Donner Fernher. Aehnlich dem Aar, der tief im schattigen Thalgrund Beut' ersehend, sogleich in sausender Schnelle herabfährt: Also fuhr er herab, und rief dem edlen Mendoza: »Sollten die Jünglinge flieh'n, ihr Ruhm ist gefährdet für immer. Schau in die Vorwelt auf, wie dort der Heldengebiether Hermann, den flüchtenden Kriegern zur Schmach und Wiederbesinnung, Muthig den Schild ergriff, vordrang, und so, mit den Scharen Wiedervereint, sich herrlichen Siegsruhm über des Varus Drei Legionen errang in dem eisernen Felde der Waffen: Also mögest du jetzt den jüngst geworbenen Kriegern, Kämpfend, ein Leitstern seyn auf dem grau'numnachteten Schlachtfeld!« Glühende Röth' umzog Mendoza's Wangen; er dachte Seines errungenen Ruhms Verdunkelung; schrie, und begann so: »Spanier, kühn mir nach: nicht täuschet der edeln Cortezza Hohes Vertrau'n, die euch sandte zum Heer; nicht gewahre der Herrscher Euch unkriegerisch, feig; mir nach! Eh' treffe der Tod mich Selber durch Feindeshand, eh' hier die Schande mich treffe.« Jauchzend flog er dahin, und voll kühner Todesverachtung Sprengten die Reiter ihm nach. Entscheidend für kommende Zeiten Lenkt ein Held im Gefecht den neugeworbenen Krieger: Denn nicht weicht er, und fällt, besiegt, im rühmlichen Tod nur: Stets erfüllt ihm die Brust die erhabene Heldengesinnung. Jetzo die stürmende Lanz', und jetzt des sausenden Säbels Blitz und Schlag ereilte der Araber dichte Geschwader Mordend; es sank das Volk, und es sanken die Rosse getödtet.

Assad riß sich hervor, der Emir. Einst Beduine, Zog er in Syriens Wüsten umher, und häufte sich Reichthum, Dort der Karavan' auflauernd im einsamen Hohlweg. Deß' sich zu freu'n, wohnt' er zu Tunis im stolzen Pallast nun: Seinem Volke verhaßt, dem stets das Leben in Zelten, Draußen im Steppengefild des Menschen würdiger dünket. Jetzo im sausenden Ritt Mendoza genaht, und vertrauend Eiserner Kraft, dacht' er, mit dem blinkenden Speer ihn zu tödten; Doch Mendoza riß an dem Zaum: sein mächtiges Streitroß Setzt', im kreisenden Sprung', ihn schnell an die Seite des Emirs, Und er jagt' ihm das Schwert mit festnachstürmender Rechten Tief in die Brust: er sank vom Sattel, und stöhnt' in dem Tod noch. Aber ihm naht' Abulkassem, sein Sohn, ein furchtbarer Rächer. Stöhnend vor Wuth durchrannt' er Mendoza's Arm mit dem Säbel, Als er, gewendet, die Reih'n aufboth zum stürmenden Angriff. Wieder erhob er den Stahl, und hätt' ihn getödtet, da sprengte, Rettend, Alonzo Cueva heran, der tapfere Hauptmann, Schrie, und scheucht' ihn zurück. Er barg sich schnell im Gewimmel Seines Volk's, das jetzt, des Feldherrn Wunde gewahrend, Muthiger vorwärts drang, und laut aufbrüllte vor Mordlust. Aber dem Schlachtengemeng' entrissen die Krieger den Helden; Eilten in's Lager zurück, daß dort heilkundig der Arzt ihm Stille das Blut, und träufle den weh'einschläfernden Balsam. Und er ermahnete scheidend noch mit blässerem Antlitz, Alle, zu folgen dem Wink des Helden Alonzo Cueva.

Heißer entbrannte die Schlacht. Wie im Süd- und Norden empöret Donnerstürme sich nah'n, und, vermengt, zur Erde Verderben Speien im Flammengezisch und im schrecklichen Hagelgeprassel: Also prallten die Araber an, und zugleich die Hispaner: Diese von Rach' entflammt ob ihres verwundeten Führers, Jene, voll Muths vorstürmend, und lautaufjubelnd im Vortheil. Als sich gemengt im Feld die Wüthenden trafen, da tönte Schrecklich der Mordausruf und das Schmettern der Waffen, dem Donner Eherner Schlünde vereint, und Blut beströmte den Boden. Schon warf zweimal der Christ des Mahoms Verehrer, im Sturmritt, Drängend, zurück; schon jauchzt' er des Sieg's aufstrahlender Hoffnung; Aber da warf, ergrimmt, auf Alonzo Cueva, den Dränger, Abu-Sa-id den Dolch, und durchbohrt' ihm den Hals und den Nacken, Solchem Kampfe geübt; er sank, und verhauchte das Leben. Siehe, den endlos Trauernden faßt' am dämmernden Morgen, Vor des Kampfes Beginn, heut' ahnungentsprossene Schwermuth So, daß ihm Jeglicher staunt'. Ach, seines erblindeten Vaters Greisengesicht, und das wankende Haupt, wie schneeiger Tauben Dunen, so weiß, schien ihm noch immer zu dräu'n ob dem Frevel Stürmischer Jugendzeit: da er leis'annahend, des Vaters Händen den Stab entwand, und der zürnende Greis, an der Schwelle Stolpernd, kopflangs stürzt', und blutete—Jammer zu schauen! Immer trübte die That ihm jegliche Freude des Lebens Seither. Aber der Vater horcht, vor dem Haus' auf der Bank sich Sonnend, dereinst begieriger auf, wenn kehrender Sieger Jauchzen, der Waffen Geklirr, und das Wiehern der Rosse herantönt; Ringsum Hast und Getös' die Heimgebliebenen aufregt, Und die Straßen entlang: »Willkommen uns in der Heimath!« Jubelnden Rufs erschallt in mancherlei Stimmen des Alters. Vor vom Sitze gebeugt, horcht er: ob endlich des Sohnes Gruß er vernehm', und harrt, hinzitternd, der frohen Umarmung: Ach, umsonst: ihm sank der Theuere kämpfend vor Tunis! Schrecken befiel die wiederverwaiseten Krieger: dem Unglück Bebt' ihr muthiges Herz, nicht den wildaufrasenden Gegnern. Also, verschüchtert, wichen sie nun, und ihnen im Rücken Brauste der Feind, und häuft' im Felde die blutigen Leichen.

Sieh', welch tapferes Häuflein kommt, die schnaubenden Rosse Spornend, heran? Hell sprüht der zierliche Helm und der Harnisch Hüpfende Funken umher; vom hochaufragenden Speerschaft Blitzet der tödliche Stahl, und es blitzen die Augen der Männer. Fünfzig sind's der Edlen. Sie führt auf der rühmlichen Laufbahn Garzia Lasso, der Held, und Hispania's lieblichster Sänger. Jetzo, dem Feinde genaht, und vorgebeugt aus dem Sattel, Senkten die Kühnen den Speer, und warfen im sausenden Eilflug Fünfzig der Feind' in den Staub: da floh'n die entlasteten Rosse Wiehernd zurück: weit gähnte die Kluft im dichten Geschwader. Wie, wenn brückendes Eis auf dem breiten Rücken der Donau, Oder des Rheins, das heut' am Morgen noch eiserngefroren, Unter der Wucht des schweren Gespanns und der lastenden Wägen Drönete, nun ergriffen vom schmelzenden Hauche des Westwinds, Krachend zerbirst, und zertrümmert im Schwall der finsteren Fluthen Schwindet, daß links am Gestad', und rechts das schimmernde Landeis Aufragt: also standen die Reih'n, im entsetzlichen Durchbruch Weitgeschieden im Feld': sie blickten erstarrt in den leeren, Scheidenden Raum: ihr Mordruf starb auf den bebenden Lippen. Aber nicht rasteten dort die Scharenzertrümm'rer: sie würgten, Was entgegen sich warf, in siegbeflügelter Hast noch. Auch der Jünglinge Schar flog nun, um nimmer zu weichen, Wieder im Felde heran, und vereint den siegenden Rittern, Uebt' ihr blitzendes Schwert vergeltende Rach' an dem Gegner, Der, von Schrecken betäubt, mit verhängtem Zügel den Läufer Rückwärts trieb zu Hairaddins dichtannahender Heersmacht.

Unabsehbar herab vom Olivengehölz auf das Blachfeld Lenkt' er die Janitschar'n und fünfzig numidischer Horden Wimmelndes Volk zum Kampf, als hier die Zersprengten dem Vortrab Nahten. Er biß sich die Lippen vor Wuth; dann, eilig sich wendend, Hieß er die Janitschar'n mit ausgebreiteten Armen, Trennen die mittleren Reih'n, und erretten die flüchtenden Scharen, Jene gehorchten dem Wink: mit rückwärtsstrebenden Fersen Schwenkten die Reihen sich links und rechts: geräumigen Durchgang Oeffnend dem flüchtigen Volk. So, wie, gehemmt in den Schleußen Ruhet der brausende Strom, ein See, bis früh an dem Morgen Oeffnen sie heißt der Schwemm' erfahrener Meister: da stürzen Wog' auf Wog' und Schwall auf Schwall, im Gebrause des Donners, Zur verschlingenden Kluft die langegehemmten Gewässer: Also stürzten, gedrängt, und drängend, mit wildem Getümmel Durch den geöffneten Raum zugleich die erretteten Scharen: Denn nachjagte der Feind, und rastete nicht; in dem Rücken Sauste des Säbels Schlag und der Lanz' einstürmender Mordstoß. Aber die Janitscharen, die erst, sie schirmend, im Rückschritt Wichen, kehrten zurück, und heischten, geordnet, den Angriff. Hairaddin flog die Reihen entlang, und schrie im Getös' hin: »Söhne des großen Propheten, des Muths und der flammenden Kühnheit, Denket, welch' ihm die Erde, besiegt, gleich niedrigem Schämel, Unter die Ferse gestellt: sie lag, und schmiegte sich duldend Ihrem Druck. O dessen gedenkt! Ihr sehet die Gegner Seines Nahmens vor euch; vernichtet sie, würgt sie gesammt hin.« Muhamed, der ihn stets umschwebte mit liebender Sorgfalt, Hörte mit Lächeln es an, wie er ihm vor gläubigen Moslems Ruhm und Ehre gezollt; er selber, die Pfade des Lichtreichs Fliehend, warnete nicht die Verblendeten, lächelte stolz noch! Doch nun sah er erstaunt, daß Attila selbst, vor Entsetzen Bebend, ihm nahte mit Sturmes Flug', und rief ihm entgegen: »Haben die furchtbar'n Mächte gesiegt? Soll Schreckliches kommen, Fallen vom Himmel der Mond mit den glänzenden Sternen; die Sonne Ausgebrannt hinschwinden in ewige Nacht und Zerstörung, Spurlos? Attila bebt, der nie zu erschütternde Krieger? Jener wiegte das struppige Haupt, und als er noch einmal Nach den felsigen Höh'n aufsah, entgegnet' er grimmig: »Sieh', dort fleugt ein Mann g'en Hairaddin! Angst und Verzweiflung Trägt er im Busen: er kommt, Unheil zu verkünden dem Herrscher. Willst du vernehmen die That, die entsetzliche, der ich erbebte?«

Doch was kündet der Bote voll Angst? ... Daß der tapfere Feldherr, Lichtstein, glühenden Muths, die Schanz' auf dem Felsen erstürmte. Schon durchzog er zuvor die schaurigen Pfade des Waldthals, Leis' nur, wie es der Kaiser geboth: nicht Trommelgewirbel Kündigte ferne den Zug, nicht schmetterten Lust die Drometen Heut' in dem eilenden Ritt dem Reiter und Roß in die Ohren; Doch, als jetzt Medscherda, mit lautaufrauschenden Wogen, Ihnen am Felsengestad' entgegen sich dämmte, da hoben Eilig die Brückner die Fähren herab von den knarrenden Achsen; Warfen sie all' in die Fluth, versenkten die zackigen Anker, Gegen den Strom mit Tau'n sie festigend, und in des Bogens Krümmung einete Fähr' auf Fähr' die gesonderten Ufer. D'rauf hinreihend das lange Gebälk', und quer auf die Balken Breitend die Bohle, besiegten sie schnell die hemmenden Fluthen. Unter des Rosses Huf und den Füßen der eilenden Krieger Drönete fort und fort die schwankende Brück' auf dem Strom hin. Aber drüben vom schroffen Gestad' erhob sich die Felsbahn Schroffer noch himmelwärts. Der Reisige stieg aus dem Sattel, Führte das Roß am Zaum', und keucht', und strauchelte häufig, Ganz unkundig des Kletterns, und fremd in der hehren Gebirgswelt. Aber es klomm, wie die Gemse, der Schütze Tyrols an der Felswand, Tapferen Hessen vereint, und Spessartern, auf zu den Höhen. Also errungen waren sie jetzt, und die Scharen geordnet. Lichtsteins Ruf erscholl: »Hinan, tyrolische Männer! Spessarter, vor mit den Hessen! Euch folge das Reiter-Geschwader Dann, in gemessener Fern', entscheidend zum blutigen Angriff.« Jauchzend, im Sturmlauf ging's an den Wall. Kaum trauend den Augen, Sah der staunende Feind den Scharen des Feindes entgegen. D'rauf erhob er Geschrei, und hieß des eh'rnen Geschützes Donnergebrüll' mit dem Schmettern der Büchsen erschallen, und säte Saat der Vernichtung. Da fiel Arnulf, der kühne Passeyer, Der sich am Ortheles einst, dem felsaufklimmenden Steinbock Folgend, verstieg, wo ihm bald der Strahl der Lebenserrettung Völlig erlosch. Erhob er die Blicke: da wölbte die Steinwand Ueber ihm thürmend sich auf, und senkt' er sie nieder, mit Vorsicht Fassend den zackigen Fels: da bebt' er, vom Schwindel ergriffen, Zitternd wieder zurück: denn weit hinaus auf den Abgrund Bog sich die Wand, und eingekrümmt entschwand ihm die Mauer. Kaum erspähte sein Aug' des Waldstroms Schimmer; verhallt war Ihm sein Gebraus', und verstummt das Leben im einsamen Luftraum. Dort sich mit reuigem Sinn, zum Hungertode bereitend, Sah er schon zweimal des Tages Licht aufdämmern im Osten, Zweimal erblassen im Abendroth; doch sieh', ihn vermißte Jetzo der redliche Freund! Er wagte den Gang auf dem Felsgrath Muthig, und schrie, und Geschrei vernehmend, senkt' er das Bastseil Nieder vom jähen Geklipp', und rettete so den Gefährten. Wie der Fischer empor zum Gestad', der Ruth', und des Fadens Leises Zucken gewahrend, schnellt das zappelnde Fischchen: Also entriß er den Freund, lautjubelnd, dem schrecklichen Tod dort, Den er dahier nicht mied, durchbohrt von der schmetternden Kugel. Neben ihm sank auch Eberhard, der erste der Schützen: Nie verfehlt' er das Schwarz' in der kreisenden Scheib', und er both sich Selber dahier zum Ziel', in des Herzens Mitte getroffen. Feuriger: denn der Getödteten furchtbare Rächer, bestürmten Ihre Gefährten den Wall, und rastlos krachten die Büchsen, Rastlos tönte Geschrei, zu wecken den Muth der Entscheidung. Weder die Spessarter, noch die gleichgewaltigen Hessen Weileten fern', einmüthig rang dem Helden der Held nach. Wo die sternnachbildende Schanz' im engeren Vorsprung Ragt', aufdrangen zuerst die muthigen Führer der Deutschen, Werner und Wittekind, vom Graben. Erbebend der Kühnheit, Wichen die Feinde zurück: da both Abdallah, des Bollwerks Hort, im drometenden Ruf Stillstand, und rief im Getös' her: »Stillstand bieth ich euch an: wir räumen den Wall und die Schanzen Eurer Gewalt, so ihr Abzug gönnt in würdiger Freiheit; Oder, wollen wir erst den Wink der Herrscher erkunden?« »Hör't,« schrie Lichtstein auf, »euch täusche die feindliche List nicht! Muthig hinan: ihr kämpfet hinfort um den leichteren Sieg nur!« Rascher eilten die Reih'n auf Reih'n jetzt vor, und erstiegen Kämpfend den Wall: denn schrecklich erwies sich der Feind in der Nothwehr. Werners Arm erlag Abdallah, der Schirmer des Bollwerks; Aber ihm bohrte zugleich ein Derwisch, Fluch und Verwünschung Brüllend gegen das stürmende Volk, den Dolch in den Nacken So, daß dem Sinkenden schnell das Blut und das Leben entströmte. Schwer vermißt ihn daheim die liebende Mutter, in Kummer Lebend, seit ihr der Gatte versank in den Fluthen des Mainstroms, Wo er vom berstenden Eis lautjammernde Menschen gerettet. Nur ihr Einziger war ihr Trost in der schrecklichen Trennung Von dem Gemahl, und Ernährer: denn stets heimbrachte der Sohn ihr, Frommgesinnet, den Sold, und küßt' ihr die Hände mit Ehrfurcht: Dankbar sorgend für jene, die ihn mit Schmerzen geboren, Oft den Schlummer entbehrt', und viel herznagenden Kummer Duldet' um ihn mit Lieb', in hülfebedürftiger Kindheit. Ach, nun harrt sie umsonst des Guten! Ihn tödtet' ein Derwisch Hier auf dem Wall. Doch Wittekind ereilte den Meuchler Schnell; erhob den Degen, und traf ihn mit kräftiger Rechten Tief in's Genick, daß er röchelnd sank, und im Blute sich wälzte. Ihn umhäufeten bald, ringsher, die tapfersten Krieger. Rasch umlenkend das Roß, aufschwang der Scharen Gebiether, Lichtstein, jetzo das Schwert: verständlich blitzt' es dem Volk' auf. Alsbald rief die Dromet' in hellerklingenden Tönen Roß und Reiter zum Sturm, und zugleich, dem Sporn in den Seiten Stöhnend, flogen die Läufer gestreckt an den Graben. Sie setzten Ueber ihn hin, und klommen, daß fest an dem Hals' und den Mähnen Pochte des Reiters Brust, an dem sandgehügelten Wall auf. Dort war jetzt ringsum Gewürg', und Gemetzel, und Wuthschrei: Denn nicht der Hagel prasselt so laut aus berstenden Wolken Nieder auf's Breterdach (der Wandrer bebt vor Entsetzen, Der sich unter ihm barg, zu entflieh'n dem grausen Gewitter) Als der sausende Stahl, entlang den Wällen, auf Stirnbund, Tulban, Harnisch, und Helm herrasselte, mordend die Scharen.

Mechmet entrann. Nun beugt' er die Stirne vor Hairaddin dreimal Tief in den Staub; dann stand er, und wollte beginnen, vermocht's nicht. Hairaddin faßt' ergrimmt, des Zögernden Stirne zu spalten, Schon den Säbel; da rief der bleichaufathmende Krieger: »Herr, stets glänze dein Ruhm, wie, strahlend, die Sonne vom Aufgang Glänzet zum Niedergang, und mögen die Feinde, vernichtet, Schwinden vor ihm! Doch weh'! Entsetzliches muß ich dir künden— Zittern vor deinem Zorn. Vernimm's! Die Schanz ist erstürmet. Keiner der Unsern lebt; ich allein entrann dem Gemetzel, Dir zum Wohl: denn siehe, dein Sclav' entriß sich dem Kampf nur, Daß du es hörest von ihm: dir nahen die Feind' in dem Rücken!« Und er stieß sich den Dolch in die Brust. Da floß an den Wangen Hairaddins wohl die Thräne herab, als dort in dem Sandstaub Jener verhauchte den Geist? Ach, niemals hoben sich Thränen Ihm aus der Brust empor zu den grimmgerötheten Augen; Ihnen entstrahlte kein Mitgefühl, kein himmlisches Mitleid! Schweigend starrt' er umher; dann, so, wie ein Blitz in der Sturmnacht Durch das finst're Gewölk hinfleugt, umröthete plötzlich Tiefaufgährender Zorn ihm die blässergewordenen Wangen, Und er rief, daß Muhameds Aug' erglänzte vor Wonne, Grimmig den Janitschar'n entgegen, und schrie im Getös' hin: »Mögen sie immer im Rücken uns nah'n. Nicht eher verlassen Wir die dürstende Heide, bis satt mit feindlichem Blut wir Sie getränkt, und genügend ihr tischten das schreckliche Schlachtmahl.« D'rauf, wie dort in des Waldthals Schlucht, aus berstenden Wolken Niedergestürzt, ein Strom entgegen sich dränget dem ander'n, Laut mit wildem Geräusch', und im schrecklichen Wogengewirbel, Tief aus dem Grunde gewühlt, die Vesten der Berge versinken Links und rechts: da rollen die Felsen, da stürzen die Wälder Gegen einander hinab in den brausenden Schaum der Gewässer: Also stießen auch hier die feindlichen Heere zusammen.

Eilend vor Alba's Reiterschar, flog Garzia Lasso Jetzt mit den Rittern heran. Des Fußvolks treffliche Reihen Folgten dem Kaiser selbst, dem stattlichen: kühn den Gefahren Stehend im Kampf', und stolz im Gefühle des sicheren Sieges. Furchtbar donnerten schon die mächtigen Schlünde; zugleich flog Lastendes Eisen, im Bogenwurf sich kreuzend im Luftraum, Hin, und daher gesandt, entsetzlichen Jammer zu schaffen. Fort und fort, im Gekrach der rastlosfeuernden Büchsen, Prasselte Kugelsaat auf den Feind; laut kreischte der Säbel, Zischte der Pfeil, ersausten die Speer' und die Lanzen, und ringsum Strömte das Blut: stets grimmiger wüthete Mord und Empörung. Rechts, wo Hairaddins Heer, entfaltend die Flügel, der Mauren Reisiges Volk aufwies, zog Alba, und Garzia Lasso Links an die Araber, die voll Grimms gluthschnaubende Rosse Tummelten, ihm entgegen zu steh'n im Gemenge der Waffen: Denn im sausenden Flug' umschwebte sie Muhamed selber, Mit dem ergrimmten Gefolg ringsher anstürmender Geister, Rastete nicht, und haucht' empörende Gluth in die Herzen. Listengeübt ersann er jetzt dem Garzia Lasso Schnelles Verderben. Er sah, wie er, senkend den Speer, an die Gegner Spornte das Roß; er eilet' ihm vor, und empörte die Natter, Die, in dem Munde des Volks die Königsschlange gepriesen, Gleich dem regen Gewürm die rührigen Hörner bewegend, Sich in dem Sande vergräbt, dort schlau zu berücken die Vögel, Daß sie ihr selbst, harmlos annahend, zur Beute sich böthen. Zischend fuhr das grimmige, sandaufschnellende Giftthier Vor dem Roß in die Höh', und es schnob im taumelnden Aufsprung. Dann, nicht achtend des Schmeichelworts, nicht des hemmenden Zügels, Flog es hinüber, und trug den edelen Herrn an den Feind hin. Dort, von den Seinen getrennt, und dem sicheren Tode geopfert, Seufzt' er im Geist: »Nun stirb—doch nicht unrühmlich, ein Feiger!« Und den blinkenden Speer fortschleudernd, riß er das Eisen Sich von der Hüft', und hieb den ersten vor allen, Kilikdar, Emir des Steppenvolks, vom Sattel: er regte sich nicht mehr. Also blitzte sein Schwert nach jeglicher Seite, verderbend; Doch, nun jagten wohl Hunderte her, den Ruhm zu erringen: Daß sie die tapferste Brust mit dem tödlichen Stahle durchbohrten. Hermann sah's, in der Luft herschwebend, welche Gefahr ihm Droht'; er schwang sich herab, und rief dem Kaiser mit Hast zu: »Schaue von Feinden umringt den tapferen Garzia Lasso: Rett' ihn beherzt! Was schön und groß sich erweiset auf Erden, Führet des Liedes Macht auf goldenen Schwingen zur Nachwelt. Nur ein Schwall im Strome der Zeiten, entschwindet das Leben; Aber der Sänger hascht im Fluge die zartesten Strahlen, Die vom eilenden Schwall sich heben, ätherischer Schönheit, Eint, und hägt sie in treuer Brust, und rettet mit Sorgfalt Sie noch dem fernsten Geschlecht' in ewiglebenden Tönen.« Also sprach er in Hast, und winkte den Lüftegenossen, Mutheinhauchend, den Christen zu nah'n: sie jauchzten ihm Beifall, Schwingend den Speer und den Schild, aus schimmerndem Aether gebildet. Aber des Kaisers Brust erpocht' im hohen Gefühl jetzt, Retter zu seyn des schwert- und liedergewaltigen Mannes. Links, rechts, gab er dem Pferde die Sporn': ihm wichen die Reihen; Ihm nachjagte Gefolg', nicht forschend, nicht lange besinnend; Nur Del Guasto erblaßt'. Er hob die Hände vor allen Ueber das grauende Haupt empor, und jammerte laut auf: »Stirb, unglücklicher Greis, eh' brechend dein Auge des Jammers Fülle gewahrt! Wagt also ein Herrscher das edelste Leben? Nichts gilt Weisheit mehr, nichts warnenden Alters Erfahrung. Auf, ihr Tapferen, auf, und rettet den Kaiser! Auch Alba Lenke die Reiter heran, zu erringen den herrlichsten Kampfpreis.« Also geboth er dem Volk. Im Sturmlauf brachen die Scharen Gegen den Feind. Hinflog auf dem schnaubenden Rosse der Herold, Gomez, des Feldherrn Wort zu künden dem Heldengebiether, Alba, und sieh', nun schwebte der Angst umnachtendes Dunkel Ueber dem Christen-Heer', in des furchtbar'n Kampfes Entscheidung!

Ha, schon fiel der Rappe Garzia Lasso's, getödtet. Mühend entwand er das Bein dem lastenden Thier, und ihm selber Warf jetzt Abu-Sa-id den blinkenden Speer in die Schulter, Daß der erhobenen Faust, bluttriefend der Degen entschlüpfte, Ihm einbrachen die Knie', und die Augen umhüllete Nachtgrau'n. Wieder erhob Scheik Roßlan das Schwert, ihm die Stirne zu spalten; Aber da flog aus der Rechte des nahenden Kaisers der Wurfspieß: Roßlan röchelt' im Sand', und schnell, noch ehe der Ritter Kommende Schar das Weiß' im Auge des Feindes gewahrte, Fiel noch Jusuff, und Ismail Beg, und Haroun, der Emir, Seines mordenden Stahls Blutgier und der Rechte Gewalthieb. Nahend im Flug, und lautaufjauchzend den Thaten des Herrschers, Rächten die Ritter zugleich den schwerverwundeten Führer. Doch, wie ein mächtiger Schlag des lauterkrachenden Donners, Der von des Himmels Rand' auftobte zum finsteren Nordpol, Wieder von Osten zurück mit tiefempöretem Ingrimm Kehrt, und aus Wolkennacht herrollet im dumpferen Nachhall: Also erscholl aus der Ferne heran der mächtigen Rosse Donnernder Huf: denn Alba kam mit den Reitern geflogen. Und, wie die stürzende Last der Gewitterfluth auf dem Saatfeld Plötzlich die goldenen Halme zerschlägt: nicht im Windesgesäusel Wogen sie mehr; sie liegen zerknickt, und zerschmettert im Staub dort: Eben so ritt hier Mann und Roß das eisengehüllte, Kräftige Reitervolk, andalusische Hengst' an die schlanken, Zartgestalteten Rosse der Araber, spornend, zu Boden. Lautes Geheul erscholl jetzt unter den stampfenden Hufen; Ringsum Waffengeklirr und tödlicher Büchsen Geschmetter.

Drüben rang in dem heißeren Kampf Del Guasto, des Fußvolks Eiserngeschlossene Reih'n entgegendrängend dem Anfall Wüthender Janitschar'n. Jetzt hin, dann wieder herüber, Wie in der felsigen Bucht sich drehet die wirbelnde Brandung, Wogten die Kämpfenden. Sieh', und er wäre gewichen! Da brachen, Fliehend vor Alba's blitzendem Schwert, Arabias Völker Durch die Reihen der Janitschar'n; sie schufen Verwirrung Rings, und erfüllten Hairaddins Brust mit Wuth und Verzweiflung. Furchtbar glühte sein Aug'; er ballte die Faust an der Stirn' hin, Hing aus dem Sattel vor, und sann entsetzliche Thaten; Doch, von geworfenen Haufen umdrängt, und der Rettung gedenkend, Führt' er die Scharen zurück: ihm brauste sein flüchtendes Volk nach. Nicht der Sorge vergaß für Garzia Lasso der Kaiser. Blutend lag er im Staub, und lehnte das Haupt an den Rücken Seines getödteten Thiers. Als nun der Retter vor ihm stand, Strebt' er noch den zerschmetterten Leib von dem Boden zu heben, Sah durch Thränen ihn an, und lächelte. Jetzo begann er: »Herrlich hast du gesiegt, und errettet den Sänger. Von nun an Töne mein Saitenspiel nur dir, ruhmwürdiger Herrscher, Daß im entzückenden Klang vernehme die staunende Nachwelt: Wie du, erhabengesinnt, nach der Bürgerkrone dich sehntest, Die, in dem Schlachtengefild', einst Rom dem Retter des Kriegers Aus umdrängender Noth um die Heldenstirne geschlungen!« Sprach's. Da wandte sich jener behend, die Thräne zu bergen; Winkte zugleich, und sanft erhoben die Krieger den Helden, Ihn zu entreißen dem Sturm der Geschoß', und eilten in's Lager, Daß er, mit Liebe gepflegt, sich freue der holden Genesung. Aber auch allen umher den Verwundeten, sagte der Kaiser Tröstende Wort', und geboth, was Aller Rettung erheischte: Ehrend den Menschen im hohen Gemüth, der vielfachen Jammer Duldet, des Vaterlands erhabenem Rufe gehorchend. Jetzt ersah er mit Lust, wie schnell die Krieger Toledo's Ihm nachbrausten im Feld, des Sieges Preis zu erringen; Blößte das Schwert, und rief dann laut dem tapferen Feldherrn: »Dort des See's Gestad' entlang beschirme des Heeres Rücken mit Muth, und halte dich fest an dem Felsen, dem Fels gleich, Den die zürnende Fluth umbraust mit eitelm Getümmel. Herrlich strahlt aus dem Sieg das leidenlohnende Ziel dir.« Mächtig erschüttert hob die flammenden Augen Toledo Nach dem gütigen Herrscher empor, der, ahnend des Herzens Schreckliche Qual, mit erhabenem Sinn ihm lindernden Balsam Träufelte; ging, und führte sein Volk am Strande des See's hin. Wie auf dem Meer der kehrende Schiffer, den in der Sturmnacht, Nahe dem schirmenden Port', ein Donnergewitter ereilet, Mitten im lauten Gebrüll der hochaufschäumenden Wogen, Und in des Todes Grau'n, das rings sich lagert, der Hoffnung Sehnsuchtsblick stets fest auf die strahlende Flamme geheftet Hält, die hoch auf dem Leuchtthurm nährt die sorgliche Seestadt: Also haftete jetzt sein Aug' an den ragenden Felshöh'n, Als an dem sicheren Port, in welchem sein Alles gerettet, Und geborgen ihm schien, nach dauernden Stürmen des Lebens.

Ach, und hatte die Dulderinn noch des bitteren Kelches Letzte Hefen geleert; noch sterbend vernommen den Donner Von dem Hügel herab; der Höhle vorüber den Hufschlag Feindlicher Ross', und Eil' und Hast unmenschlicher Räuber; D'rauf die wilde Losung des Mords, Wuthschrei der Besiegten, Jauchzen der Sieger, Geheul Verwundeter, Sterbender Röcheln? Doch nur am tauben Gestein, am dunkeln Gewölbe des Grabes, Hallte der Jammer hin—dem Ohre der Todten nicht hörbar. Dort, geborgen durch Treu' und Liebe des redlichen Greises, Lag sie auf schwellendem Moos', in der hehren Stille der Mondnacht. Schneidend' Weh und dumpfes Bangen drängte sich wieder Ihr durch Mark und Gebein: denn oft verging sie in Ohnmacht, Wachte wieder, und litt. Ach! keine mitleidigen Seelen Nähern sich hülfreich ihr in der Stunde der Angst und des Jammers? Siehe, und Roma's Stolz, Cornelia, Mutter der Gracchen, Schwebte heran! So wie durch leuchtende Scheiben des Fensters Dringet der Sonnenstrahl; so dringt ätherisch der Geist auch Durch das dichte Gestein. Sie hörte die Jammernde, bebte, Forscht' in Hast ringsher: ob hülfekundig ein Wesen Athme, ihr Rettung zu bringen? Umsonst! Des Tages Geräusch' war Lange verhallt, entfernt die Stadt, und still das Gehölz her. Knieend hielt sie das Haupt der Leidenden, und, so verlassen, Suchte sie, leidengeübt, ihr Muth in dem Herzen zu wecken. Jetzo entwand sich in Weh'n dem Schooße Mathildens ein Knäblein. Aber sie legt' ihn matt an die todbleichschwebende Brust hin; Griff nach der rieselnden Fluth, und taufte mit zitternder Rechten, Ihn in dem heiligen Nahmen des Ein-Dreieinigen Gottes. Dann noch fühlte sie tief, im eisigen Schauer des Todes— Fühlt' es, mit liebendem Blick nach Oben: ein Himmlischer löse Sanft und mild das Band des irdischen Lebens. Ihr Herz schlug Immer leiser und leiser. Es stand, und regte sich nicht mehr. Schwebend über dem Fels, im hehren Flug zu des Himmels Strahlenbahn, noch einmal senkte zur irdischen Heimath Sie den verkläreten Blick, und sah am verblichenen Leichnam Liegen ihr wimmerndes Kind, und suchen vergeblich um Nahrung Dort an der bleicheren Brust umher. Da entstürzten die Thränen Ihrem Aug'; doch Thränen der Wonn': im himmlischen Eden Harre der zarten Knospe Gedeih'n und Fülle der Nahrung, Daß sie entfaltet blüh' in nievergänglicher Schönheit, Frische, und Kraft: denn jetzt verlosch auf dem ruhenden Herzen, Aehnlich dem Abendstrahl, das mattaufflimmernde Leben. Doch, wie ein glühender Docht, der Flamme genahet, sich wieder Eilig entflammt: es hüpft die fächelnde Lohe nach ihr hin: Wie die getrennte Fluth der bergentsprossenen Quelle Schnell den blumigen Hügel umfließt, den sinnig der Gärtner Jüngst in dem Lusthain schuf: die beiden Arme, gesondert, Streben sich wieder zu einen, und flieh'n im schöneren Lauf fort: Wonne, so flog an die Brust der überseligen Mutter Nun ein Engel, ihr Kind; umschlang den glänzenden Hals ihr, Holdauflächelnd, und lallt' ihr entzückt Willkommen und Gruß nach! Aber sie hob ihn empor; sie jauchzte hinauf in den Himmel, Eilt', und flog, wie ein Stern hinschwindend im glänzenden Aether, Nach dem Gezelt, wo ihr Gatte, versunken in tödlicher Schwermuth, Saß, und nach ihr sich sehnt' in unaussprechlicher Rührung. Nah' ihm schwebte sie leis': ihr pochte das Herz in dem Busen Ob der Erinnerung ihres einstigen Glücks und der Leiden, Die sie erduldeten beid', in der Zeit entsetzlicher Trennung; Legte den einen Arm um den Nacken ihm, legte das Söhnlein Ihm an die Brust. Er stöhnt', und blickt' in schaudernder Ahnung Um sich her: ihn ergriff die Näh' unsterblicher Seelen. Sieh', ihn herzte das Kind, mit sanftumschlingenden Händchen Hängend an seinem Hals, und pressend die Wang' an die Wangen! Doch sie sprach ihm leis' an die Seele die Worte des Trostes: »Gottes Friede mit dir! Der seligen Wiedervereinung Stunde ist nah': denn bald, verhauchend das tapfere Leben, Eilst du mir freudig nach in die Segensgefilde des Himmels, Wo kein Scheiden mehr ist, kein feindliches Schicksal, kein Tod mehr Glückliche Herzen trennt; wo jegliche Thräne versieget, Jede Klage verstummt, und Mathild' dein harret mit Sehnsucht.« Lispelte so. Sie küßte die thränenumflossenen Augen, Leis'erbebend, ihm noch im innigen Kusse der Seelen, Und entschwand, mit dem Engel im Arm, noch häufig herunter Schauend, verklärt, und strahlender stets, wie ein Blitz in den Lüften.

Dort von des Felsens Höh'n ihr folgten Cornelia's Augen. Weinend hob sie die Händ' ihr nach, und sagte beklommen: »Vieles duldet' ich einst: mit ehernem Muthe getragen Hab' ich den Tod der Söhn', wie es heischte die Würd' und der Ahnen Beispiel. Im Busen erglühte mir heiß die Liebe des Nachruhms: Mutter der Gracchen zu seyn, und zu heißen der römischen Frauen Erst' in der Gegenwart und spät in der kommenden Zeit noch, Und mich ehrte mein Volk; doch, sah, bewundernd, ein Aug' hier, Welche Qualen sie litt, und wie, in der einsamen Felsnacht? Nur das hohe Gesetz des göttlichen Lehrers ihr Leitstern; Seine Lieb' ihr Trost; ihr Ziel das bessere Leben. O daß ich fern ihm wandelte—fern, auf dem düsteren Irrpfad!« Süßer als Harfengetön im Zauber der nächtlichen Stille Scholl aus dem Luftraum ihr der sanfteinladende Zuruf: »Schweb' empor, Cornelia! Einst tönt dir aus den Himmeln, Wonnig-ersäuselnd, der Born unendlicher Huld und Erbarmung!« Wie des Morgens Strahl auffleugt am rosigen Himmel, Flog sie empor, auf einem der flammenden Sterne zu weilen, Welche, dem Lichtreich nah', im schöneren Laufe dahinzieh'n.

Doch nun drang Toledo, der Held, dem Sturme vergleichbar, Der die Heide durchtobt in trüberen Tagen des Herbstes, Immer des See's Gestad' entlang zum Felsen hinüber. Freudig brausten die Scharen ihm nach. An dem edelen Feldherrn Hing mit Liebe das Volk, der, immer so kühn, in Gefahren Ruhm sich errang, und Ruhm und Ehre gewährte dem Krieger. Schon erblickt' er das Ziel; doch, ach, von Schauder ergriffen, Sah er zugleich unendliche Macht der feindlichen Reiter, Spähend, umstellen den Fels, geführt von dem schrecklichen Dragut! Lautaufseufzte der Held: er wähnte verrathen des Felsens Dunkele Höhl', und ihm entrissen das edelste Kleinod. Dragut gewahret' ihn auch, und sann: ob er dem Verhaßten Nahe, ob nicht? Doch schnell gedacht' er der List, und urplötzlich Jagt' er davon, zum Hinterhalte die Feinde zu locken. »Tapferer Greis,« so rief Toledo dem römischen Feldherrn, »Sey des Volkes leitender Hort! Verfolge die Gegner Rasch hin, bis ich die Gattinn erlöst' aus dem bergenden Fels hier, Und mit Kurd, dem edelen Freund, entsandt' in das Lager: Denn mich heißet die Pflicht noch fürder im Kampfe zu stehen.« Freudig gehorchte der tapfere Greis, Ursini. Des Jünglings Feuer beseelt' ihm die Brust: er eilte dem fliehenden Feind nach. Wie die Löwinn, die erst auf dem Lager die Jungen zurückließ, Hörend des Panthers Gebrüll fernher, schnell wieder zurückkehrt, Vor die Höhle sich stellt, und harret des kommenden Gegners: Denn sie vertrauet dem Muth und der siegenden Stärke: so muthig Blickte Toledo umher (nicht Tausenden wär' er gewichen) Sprang aus dem Sattel mit Kurd, und legte mit zitternden Händen, Nahe dem Felseingang, die blinkenden Waffen dann nieder; D'rauf, nicht ahnend im Geist die entsetzliche Nähe des Jammers, Half er dem treuen Gefährten, und hob, und wälzte vom Eingang, Stöhnend, den mächtigen Block, und räumete Schutt und Gesträuch weg. Weit aufgähnte die Höhl'. Er stieg: »Mathilde! Mathilde!« Rufend, hinab. O Jammer, da sträubten, wie Stacheln des Igels, Ihm von der Scheitel die Haare sich auf. Ein Schrei des Entsetzens Schmettert' aus seiner Brust; weit vorgebogen, und krampfhaft Faltend die Händ' an der Stirn', hinstarrt' er mit leblosen Augen— Starrt', und sah die Gattinn entseelt auf dem Boden, und ihr gleich, Schlummernd an holder Mutterbrust den lieblichen Säugling. Leis' nur athmet' er noch, und sank erblassend zusammen.

D'rüben lag Ursini dem Feind, verfolgend, im Rücken. Unablässig erkrachte das Rohr, und säte Vernichtung Unter die fliehende Schar; doch plötzlich brach vom Gehölz her, Lauernd im Hinterhalte, der Feind auf den Sieger, und sandte Zahllosschwirrende Pfeile heran. Da wandte sich Dragut Eilig zu seinem Volk, und rief mit grimmigen Blicken: »Jetzt umzingelt sie schnell. Sie sollen den Frevel mir büßen, Den ihr Führer verübt'. Und, ha, nicht erseh' ich ihn drüben Unter der Schar! Hat etwa der Unsern Geschoß ihn ereilet, Oder, wich er feige zurück, weil Dragut ihm nahte?« Flugs umbrausten mit wildem Geschrei die maurischen Reiter, Dragut folgend, und flugs numidische Horden, die Christen. Aber der tapfere Greis, dem jetzt die feindliche Kugel Stürmend die Rechte durchfuhr, erhob mit der Linken den Degen, Ordnete schnell die Reihen, und rief den Geordneten: »Feuer!« Denn sie hatten gezielt: da feuerten alle mit einmal Ihre Gewehr' ab: sie krachten, durch Rauch und Flammen versendend Furchtbare Kugelsaat zur blutigen Ernte des Todes. Schnaubend prallten die Rosse zurück; der wilde Numider Wankte; von Schrecken betäubt, verweilte der maurische Reiter. Nun gedacht' Ursini der Flucht, der rettenden. Fliehend Drängt' in das Feuerrohr der Krieger des Todes Geschosse; Stellte sich wieder, ereilt, und trieb die stürmenden Haufen Mordend zurück. Doch wie der Staar' unzählige Scharen, Lüstern nach Traubenblut, die Rebenhügel umflattern: Weder der Hüther Geschrei, noch die rastlos tönende Klapper Scheucht sie völlig hinweg—stets kehren die Lästigen wieder: Also umschwärmte der Feind die Fliehenden: Manchem das Leben Raubend mit tödlichem Stahl, und fernhin scholl das Getümmel. Dragut sah, erstaunt, die Waffen Toledo's am Boden Liegen. Er sprang voll Hast aus dem Sattel, und stieg in den Felsschlund Rachebeflügelt hinab. Sein spähendes Auge gewahrte Bald den Ersehnten im Grabesgewölb', und er jauchzte vor Wuth auf; Aber sein Flammenblick, den starrenden Blicken Toledo's Folgend, sah die entseelete Frau. Da faßte des Todes Schauer ihn an: der Laut erstarb auf den Lippen ihm; wankend Sucht' er des Tages Licht, und stöhnte noch laut vor Entsetzen. Schon braust' ihm sein Volk entgegen im schmählichen Rückzug, Von dem Feinde gejagt: denn Alba's siegende Reiter Brachten Ursini's umstürmter Schar ersehnete Rettung. Dragut schwang sich behend auf's Pferd, zu entkommen den Augen Hairaddins, daß er nicht feig ihn heiße, die blässeren Wangen Schauend im Waffenfeld: nicht ahnend, was ihn betroffen.

Muhamed, der die Wälschen umdrängt, in grauser Verfolgung Weichen sah, erregte den Muth des flüchtenden Herrschers, Hairaddin, kühn zu besteh'n des Kaisers anstürmende Heersmacht. »Wie,« so rief ihm der Geist, »du, Hairaddin, schrecklicher Krieger, Wendest den Rücken dem Feind'? Erschlafften des tapfersten Herzens Schwingen so ganz, daß es scheu vor Schlachtengetümmel zurückbebt? Auf, und versuch' erneueten Kampf: denn Siegesgejauchz' tönt Dort von des See's Gestad', wo Dragut, der Schreckliche, kämpfte!« Hairaddin horcht', und vernahm fernher Getümmel und Schlachtruf. Donnernd schrie er den Flüchtenden: »Halt!« und stellte die Haufen Gegen des Feindes Macht mit kampfanbiethender Stirn auf. Auch das Siegel von Gold, das hell an der tapferen Brust ihm Schimmerte, sandt' er an Dragut hin: ein furchtbares Zeichen Großer Gefahr, und des Ungehorsams dräuender Strafen, Daß er ihm eine die Macht. Wie auf Windes Flügeln enteilte— Spornte das Roß Ben-Dar, der Araber, der ihm ein Liebling War vor allen im Heer' mit dem kühnvordringenden Kampfmuth. Aber vergebens spornt' er das Blut aus den Seiten des Renners; Hairaddin forschte nach Dragut umsonst: denn, fern von dem Schlachtfeld, Nahet' er schon im Flug den Thoren von Tunis, getrieben Von entsetzlicher Angst. Ihm keuchte sein bebendes Volk nach. Wie, verirrt auf Sibiriens schneeiger Heide, der Weidmann Aengstlich forschend sich müht, den ihm entschwundenen Heimweg Wieder zu finden, und jetzt am Rande des Himmels ein Wölkchen Leis' aufschwebt: da wähnt' er, getäuscht, die trauliche Hütte Sey es, und freut sich der Gattinn schon und der harrenden Kindlein; Aber das Wölkchen schwand, und trostlos kehrt ihm der Abend: Also getäuscht sah Hairaddin unmuthsvoll zu dem Seestrand Forschend hinaus: denn fern' ihm floh die ersehnete Kriegsschar. Sieh', und jetzt durchtobte zugleich das entsetzliche Schlachtfeld Lärmenden Sieges Getös', und Flucht und grause Verwirrung! Dort brach Lichtsteins Volk, des herrlichen Schanzenerstürmers, Jauchzend heran, und hier ihm brauste, dem wilden Orkan gleich, Alba's siegende Macht entgegen. Er blickte verzweifelnd Um sich her, und geboth den bebenden Scharen den Heimzug. Mordend folgten die Sieger ihm nach. Vom Blute geröthet Wies sich den Kehrenden weit die siegverherrlichte Laufbahn.

Nahe dem Felsenschlund saß Kurd. Er senkte die Augen Tief zur Brust, und schimmernde Thränen benetzten sein Antlitz, Als der Kaiser an ihm vorüberzog in dem Siegslauf. Dieser sprengte das Roß jetzt näher, und forschte mit Sorgfalt: Was ihn betrübt'? Doch Kurd erhob sich, und führte den Herrscher Ein in des Grabes Nacht, in die Wohnung unsäglicher Trauer. Dort erbebte sein fühlendes Herz des Menschengeschickes Nächtlichstem Bild. Er schwieg; doch dringender Hülfe gedenkend, Faßt' er Toledo am Arm, und stieg in die Helle des Tages Rasch mit dem Wankenden auf; dann rief er dem treuen Gefährten: »Kurd, erhebe dich schnell, und häufe die Trümmer mit Vorsicht Auf an dem Schlund: denn bald erhöh'n wir, als Sieger, Mathildens Denkstein, der ihr Trauergeschick verkünde der Nachwelt, Und an den Wechsel des Erdenglücks den Sterblichen mahne!« Also geschah's. Doch heim zu dem Zelte des gütigen Kaisers Schritt mit Toledo das trauernde Roß; er lenkte das eig'ne Sorglich ihm an der Seit', und sann voll Huld auf dem Heimweg, Wie er das leidenerstarrete Herz zum Leben erwärme? Und der ersehnete Abend sank. Die kehrenden Scharen Eilten mit Siegesgesang, vom Gewirbel der drönenden Trommel Und Drometengeschmetter umtönt, zurück nach dem Lager. Weithin dehnte sich schon der riesige Schatten der Krieger Und der Ross', auf dem Sand. Die Sonne blickte noch einmal Ueber des Meer's hellschimmernde Fluthen herüber, und sandte Scheidend, aus Rosengluth, auf den Fittigen säuselnder Lüftchen, Endlich die Labung dem Heer' in der mildumschmeichelnden Kühlung.