German poem
Tunisias — Zehnter Gesang
by János László Pyrker (1772–1847)
Noch umhüllete Nacht mit finsterem Schleier Goletta's Schweigende Flur; nicht sanftaufdämmerndes Roth an des Ostens Duftigem Himmelsthor, nicht Geflister der lieblichen Sänger Kündigte noch das Erwachen des Tag's aus schauernden Zweigen, Als im erleuchteten Zelt der Kaiser mit seinen Erwählten, Doria, Guasto, und Eberstein, im wichtigen Kriegsrath Saß, und Jegliches ordnete, nun zu erstürmen die Festung. Näher gerückt war ihr das schanzende Volk, und gewahrte Jetzo gerechtes Ziel, die furchtbare Bombe zu schleudern. Mächtige Schlünde, den Kriegern genannt die »Mauerzertrümmrer«, Sah'n aus dem Schanzkorb schon zur Veste hinüber, und ringsum Lagen am Wall Sturmleitern gehäuft. Entlassend die Helden Aus dem Gezelt, sprach noch der erhabene Kaiser mit Nachdruck: »Segen des Himmels mit euch! Bald soll in heißeren Stunden Sturmdrometender Ruf vor Goletta's Mauern uns einen.« Doria eilte zum Meeresstrand, zur spähenden Vorhuth Guasto; nur Eberstein stand noch, und sagte bekümmert: »Nagender Gram erfüllet die Brust der Deutschen; sie klagen: Nur Hispaniens Söhn' und Wälschlands theilten Gefahren, Ruhm und Ehre mit dir; sie stünden vergessen im Lager, Minder geachtet im Heer und deines Vertrauens nicht würdig.« Lächelnden Blick's, doch sanft verweisend, entgegnete jener: »Häget des muthigen Volkes Hort den nagenden Unmuth Auch in der tapferen Brust? Nicht vorlaut tadle der Krieger, Was ich im ernsten Gemüth, auf Jegliches achtend, beschlossen. Spanier, Wälsch', und Deutsche, sie all' sind theuere Kinder Mir, und jen' errangen sich schon erfreuenden Siegsruhm; Aber noch höheren Muth erheischt, im Felde der Waffen, Winkend zu Thaten, das höhere Ziel. Bald sollt ihr ersehen, Ob ich dem Deutschen vertraut', ein Deutscher, und dankend mich ehren.« Freudigen Blick's enteilte der Held, den harrenden Brüdern Tröstend zu nah'n, und zu ordnen die Scharen zum Sturme Goletta's: Denn schon wüthete ringsumher des eh'rnen Geschützes Furchtbar donnernde Macht. Bald hier von den kreisenden Schanzen; Bald von dem Meerstrand dort, hinsausten die schrecklichen Kugeln. Aber nicht minder zurück vom Walle der trotzenden Festung Sausten im Donnerlaut die schmetternden hin und herüber: Bebend drönte die Erd', aufheulte der flammende Luftkreis.
Hannibal sah vom Gewölk die Christen im mächtigen Vortheil; Sah nach Goletta hin die Donnerschlünde gewendet, Ringsum Gedräng' und Hast, das herrliche Ziel zu erringen, Und erbebte vor Zorn. Der Kampferfahrne gedachte Jetzo der List, und flog nach der Veste hinüber, wo Sinam Erst auf dem Rasen des Walls entschlummerte, sorgenermüdet: Denn in dem nächtlichen Grau'n vernahm er Getös' in den Schanzen, Und entsandte die Späher sogleich. Nun sah er im Traumbild Rings versinken den Wall umher, und die Mauern Goletta's Stürzen, zertrümmert, in Staub, daß furchtbar gähnte der Abgrund. Krampfhaft faßt' er den Rasen, und stöhnt', als Hannibal jetzt ihn, Leise genaht, aufboth mit den mutherregenden Worten: »Sinam, du ruhest dahier, ein Träumender? Schande dem Trägen! Sieh' schon wühlte der Feind, wie im nächtlichen Boden der Maulwurf, Viel verzweigte Gänge sich bahnt, Laufgräben von Neuem, Gegen die Veste sich auf; er häufte die Schanzen, und führte Riesenschlünde heran, zermalmenden Donner zu wecken! Schwand dir völlig die Kraft, Abwehr zu ersinnen und Kriegslist? Wie, wenn Tapfere, nur das Geschütz zu verderben, entschlossen, Hastig am Zündrohr dort einkeilten den eisernen Nagel So, daß im weicheren Erz die scharf gehämmerten Kanten Hafteten, und der Entschluß Errettung schaffte den Eu'ren? Auf, und erwäge die That: dem Kühnen gesellt sich das Glück nur!« Sinam entfuhr dem Rasen voll Hast, und dachte verwundert: Ob er geträumt—ob Gottes Prophete den kühnen Gedanken Ihm in die Seele gelegt? Doch als er die Späher vernommen, Flog er zu Giaffar hin, und sagte mit leuchtendem Antlitz: »Tapferer Aga, vernimm mit Staunen, was Gottes Prophet' erst Mir an die Seele gehaucht, im sinnebetäubenden Schlummer! Wieder gelang's, so melden die Späher, dem Feinde, Goletta's Mauern durch Schanzen zu nah'n: uns droht gewisses Verderben Heute noch, wo uns nicht rettet der Muth und entschlossene Kühnheit. Auf zu dem herrlichsten Sieg! In der glühenden Stunde des Mittags, Wenn, ermattet, die Fremdlinge ruh'n, bestürme die Schanzen Du mit erlesenem Volk. Das schwere Geschütz zu verderben, Hastig am Zündrohr dort einkeil' es den eisernen Nagel So, daß im weicheren Erz die scharfgehämmerten Kanten Haften, und uns hinfort die Vestezertrümmrer nicht schaden. Groß ist des Sieges Gewinn, und dein: unsterblicher Nachruhm!« Giaffar blickte mit Ernst dem stattlichen Schirmer Goletta's Lang' in die flammenden Augen, und sprach, als jener verstummte: »Nicht Unwichtiges sann, du Tapferer, jetzo dein Geist aus; Oder dir nahte der große Prophet, wie du sagtest, in Wahrheit, Sturm gebiethend, und dort das Vernageln des Donnergeschützes, Wo in den Schanzen umher unzählig die tapferen Völker Wachen! Aber, wohlan: nie bebte des Kampfes Gefahren Giaffar noch, und sollt' er im Sturm auch fallen, er bebt nicht!« Also enteilt' er sogleich, und rief die kühnen Gefährten, Jauchzend, zum Sturmgang auf; doch Sinam sah ihm erstaunt nach.
Schon entfloh'n die Schatten der Nacht; der freundliche Morgen Streuete Rosen umher an des hellaufstrahlenden Ostens Goldenem Thor, und mit glühender Stirn' erhob sich die Sonne, Froh zu durchlaufen die Bahn in des Weltalls endlosen Räumen; Aber nicht lange, so fleugt vor ihrem Blicke Verderben, Jammer, und Tod aus den furchtbar'n Gluthgefilden der Wüsten Ueber die Christen heran: denn schon empöret der Windstoß, Wirbelnd, den flimmernden Sand; weit gährt, und zischet die Meersfluth. Wer entflammte den Unhold dort, dem Heere der Christen Tödlich zu nah'n? Wer stand ein Rettender über dem Kriegsheer? Muhamed saß, ergrimmteren Blick's, auf dem goldenen Halbmond, Der von den Zinnen des Minarets, des wolkengethürmten, Ueber die mächtige Stadt hinschimmerte, Moslems zur Wonne. Wie Gewittergewölk auf das Hochgebirge sich lagert: Gährende Blitz' umröthen den Saum des finster'n, und furchtbar Droht in die Thäler herab sein bald erkrachender Donner: Also saß er erhöht auf dem Thurm. Die Schanzen gewahrend, Dacht' er Goletta's Sturz, und der Feind' unendlichen Sieg'sruhm— Dacht' es, und knirschte vor Wuth, und wühlte mit zuckender Rechten Dann in dem Busen; die Linke zerkrümmte die Hörner des Halbmonds. Jetzt auffuhr er in Hast. Wie aus tiefen Träumen erwachend, Starrt' er umher, und winkte den ringsumschwebenden Geistern: Attila selbst, mit dem wilden Gefolg, dann seinen Erwählten; Jetzt auch Hannibals Schar: denn er umschwebte Goletta's Mauern, und harrte des Kampfs im schlündeverderbenden Anfall. »Mir nach,« rief er der Geisterschar, »Aethiopiens Scheusal Beut uns schreckliche Macht zur Rach', in des Feindes Vernichtung!« Und sie entflogen all' im Schrei des empöreten Ingrimms.
Ueber Zender und Gingir hinaus, wo rings um den Erdball Sich der Gleicher schlingt, gleich fern von dem Süd- und dem Nordpol (Denn so ersann der stern'erforschende Weise das Zeichen: Ahnend der Erd' Umschwung um die eigene Achse, mit jenem Schräg' an der Sonn' umher, in des Jahrs umrollenden Tagen) Dort in Afrika's Schooß, wo im öden Gefilde nicht, schattend, Säuselt der Baum, nicht liebliches Grün entzücket die Augen, Und von dem Flammenthron, senkrecht, versengende Strahlen Schleudert die Sonn' auf den kochenden Sand, der ewig der Wüsten Unermeßlichen Raum in des Todes Trauergewand hüllt: Dort umstarrt, gen Himmel gethürmt, ein Felsengebirg rings Ein entsetzliches Thal, wohl hundert Meilen im Umkreis. Nicht die Gems' mit dem eisernen Muth und den ehernen Klauen, Fänd', aufklimmend, Bahn an der steilaufragenden Felswand, Und aus der Tiefe herauf, die gräulich, vom Donner gespalten, Gähnet, erhebt sich ein Flammenmeer, und wirbelt, und brauset Auf zu des Kessels Rand, vom kochenden Schwefel und Erdharz Unversiegend genährt. Doch weh', wenn, übergefüllet, Ihm entstürzet die Fluth! Da erbraust urplötzlich der Luftraum; Weit erbebet die Erd'; aufhebt sich des Windes Vermögen: Säul' an Säule gedrückt, fortstürzt er im Flug um den Erdball. Wenn er vom Mittelmeer nach Hesperiens Zaubergefilden Fleugt: da glühet sein Odem noch, und erschlaffet die Menschen, Trübumwölkten Gemüth's. Umkreist er aus Süden des Nordpols Eisige Stirn: da deckt der glänzende Reif ihm die Schwingen, Und er schüttelt uns Schnee und den blütheverderbenden Frost her; Aber, im schnelleren Flug durchbrausend des rosigen Aufgangs Fluren, und d'rauf, heimkehrend im Sturm, von des Abends Gefilden, Haucht er den Regen heran, den dauernden, der aus dem Weltmeer Dunstgeboren sich hebt, und die schimmernden Lüfte verdüstert— So wie im Gegenlauf, an des Altais Höh'n, und des Urals Oestlichem Rücken erfrischt, er die Regengewölke verscheuchet So, daß lieblich und kühl die Bläue des Himmels herabglänzt. Also kehret er stets nach den grau'numhüllenden Felshöh'n Wieder, an welchen er ruht, und die Lüft' umschwimmen im Gleichmaß.
Dorthin, glühend vor Hast, kam Muhamed jetzt mit den Scharen Zahlloser Geister, und hieß sie, mit drohendem Winke der Brauen, Schnell umringen den Saum des furchtbarn Felsengebirges; Aber er stand. Ihm leckten die dunkelgerötheten Flammen, Prasselnd, die Füß', und floh'n, und kehrten in wirbelnden Wogen. Finster blickte sein Aug', und glüht' im Glanze des Feuers Schrecklicher noch, da er laut erhob die gewaltige Stimme: »Seht, Erwählte des Ruhms, vor allen Scythia's Helden, Welchen des Südens Wundergebieth erst heute sich aufhellt, Hier im flammenden See den Samyel—Völker erbeben Schon dem Nahmen allein des todaushauchenden Unholds— Lauern! Er mordet, geweckt, das Leben; im sausenden Eilflug Hebt er die Wüst', und stäubt sie empor in die Lüfte: sie wandelt Hoch in dem Wolkenreich, nun schnell, nun zögernder vorwärts Schreitend die Bahn, und deckt, entstürzend, mit thürmenden Bergen Weit die Gefilde. O seh't, o seh't, nach Sahara hinüber! Dort in dem Sandmeer wallt, verschmachtenden Herzens, seit Monden Schon Karawanengefolg' den heimischen Fluren entgegen; Weh', und Araber sind's, mein Volk! O, nimmer erblicken Sie das Heimathland! Von sinkenden Hügeln begraben, Schwinden sie all': ein Schauspiel noch entfernten Geschlechtern, Wenn verweht die Hügel entflieh'n, und die Starren enthüllt sind. D'rum jetzt Rache verübt, die schrecklichste, die noch verübt ward, Dort an der christlichen Heeresmacht, der zahllose Moslems Schon erlagen im Kampf für den welterleuchtenden Koran, Für errungenen Ruhm, und die völkerverschlingende Herrschaft. Stürzet vereint in den Flammensee, und empört der Vernichtung Gährende Fluth noch mehr, daß selbe nach Tunis hinüber Sende den Samyel, der, verschonend die tapferen Moslems, Tilge sogleich die Ungläubigen dort mit erstickendem Gluthhauch.« Siehe, da stürzten sich all', empört von dem schrecklichen Herrscher, Jauchzenden Ruf's in den Flammensee. Sie tauchten hinunter Bis in des Abgrunds Nacht, und fuhren herauf, und erregten Also die Fluth, daß Wog' auf Woge geschleudert dahinsank. So, wie der Schilfteich braust, wenn plötzlich auf ihn des Orkans Wuth Niederstürzt vom Gewölk, und rings die umufernden Dämme Ueberfluthend, ergeußt sein dunkles Gewässer: so stürzte Von dem Felsen die feurige Fluth. Entsetzlich zu schauen! Himmel und Erd', im furchtbar'n Wuthkampf ringend; die Sandwüst' Wandelnd in Wolkenhöh'n, und der todaushauchende Gluthwind Prasselnd im Sturmesflug nach dem Lager der Christen hinüber, Drohten der zitternden Welt die Schrecken des letzten der Tag' an.
Doch, auf Goletta's Wall stand Giaffar, herrlichgerüstet, Schon vor den Reihen der Janitschar'n. Sie staunten dem Hauptschmuck, Der von des Tulbans Bund herschimmerte, zierend des Reihers Schneegefieder, und gleich dem Fittig des Aars, sich entfaltend; Staunten des Säbels Gehäng', voll blitzenden Edelgeschmeides, Den Suleyman ihm both, der Prächtige, als er vor Rhodus Ruhm sich erwarb, im Sturm durchbrechend das eiserne Seethor. Nie gewahrt' ihn das Volk so reichgeschmückt in dem Feld noch. Jetzo mit leuchtendem Blick' erhob er die mächtige Stimme: »Hört mich, Söhne des Siegs! Schon oft erlagen im Schlachtfeld Eurem schrecklichen Arm die Ungläubigen; aber er wüthe Heute noch mehr, als dort im Süden der wilde Hamaddan, Der im Feuergewölk auffleugt, und mit glühendem Odem Bald das Lebende tilgt. Auch tödte sie Gram und Verzweiflung, Jetzt in dem Ueberfall ihr Geschütz vernichtet zu schauen. Auf, und erringet des Sieges Preis, nicht der sinkenden Brüder Achtend! Falle wer muß: nur mögen die Seinen ihn rächen!« Also entflammt' er das Volk. Da scholl, wie brandender Wogen Rauschen im Meeressturm, und das Brausen im dunkelen Eichwald, Den der heulende Nord durchtobt, des stürmischen Volkes Wuthausruf, von Goletta's geöffnetem Thore; da rannten Alle voll Hast nach der Schanze hinaus, die Ludwig, als Feldherr, Strahlend in Jugendglanz, mit den niederländischen Helden Und Lusitania's tapferem Volk, krieg'skundig beschirmte. Dort war lautes Getös', war Rufen. Zur muthigen Abwehr Eilte das Volk; doch unaufhaltsam, die Schanzen entlang hin— Nicht des hagelnden Donnerrohr's, nicht der sinkenden Brüder Achtend, drangen die Wüthenden auf, und ihr gieriger Aarblick Hing an den ehernen Schlünden allein. Ach, sieben umringten Sie, vorstürmend in Hast! Bald töneten schmetternde Hämmer An dem geflachten Kopf der eisernen Nägel: sie drangen Fest in das weichere Erz, des Zündrohrs Höhle verkeilend, Und zerstörend des Feldzeugs Macht mit den schneidenden Kanten.
Jetzo wäre noch mehr des schrecklichen Frevels geschehen; Aber schon kam, und schrie Lusitania's Zierde den Scharen: »Brüder, hört! So ihr feig nicht rächet den schändlichen Frevel, Welchen der Feind verübt', entsag' ich dem Stabe des Feldherrn Jetzt, und hinfort, den mir der edelste Herrscher vertraute, Euch zu lenken im Waffenfeld zu Thaten des Ruhmes. Ha, willkommen der Tod, wo Schande, nicht Ruhm, mir zu Theil wird!« Alsbald stürmt' er vor, und hieb mit dem sausenden Mordstahl Ein in die Scharen, daß links und rechts die Getödteten sanken. Wie in dem dunkelen Forst, im Gebell verfolgender Rüden, Schnaubend daher ein Eber fleugt: er suchet des Dickichts Rings umschattende Nacht, und mäht mit den schrecklichen Hauern Nieder die schlanken Stämme—dem Wüthenden sinket der Wald hin: Also stürzete Mann auf Mann des Heldengebiethers Würgendem Schwert. Sein Volk, vernehmend den schrecklichen Vorwurf— Schauend den Helden im Kampf, schnob Rache. Nicht Büchsengeschmetter, Sausen des Säbels und Speers war jetzt zu vernehmen: die Krieger Faßten den Lauf des Feuerrohr's, und schlugen, und drängten, Mordend, die Feinde vom Wall. Sie floh'n, und Sterbender Röcheln Scholl aus dem Graben herauf. Doch bebte das Herz in dem Busen Giaffars nicht; er einte die Fliehenden schnell, und gedachte Jetzt verderbender noch in den Schanzen des spanischen Volkes, Wüthend im Ueberfall, den ehernen Schlünden zu nahen. Siehe, da schwebt' aus Wolkenhöh'n im brausenden Flug' ihm Attila näher, und schalt im Geistergelispel ihn also: »Trotzest du nicht auf Kraft und Stärk' in dem Heere vor allen? Aber nur eitelen Trotz, nicht Thaten gewahrte das Heer noch. Kehre zurück, und ford're die tapfersten Gegner zum Zweikampf: Ob nicht der Feldherr selbst, im glühenden Muthe der Jugend, Dir sich stellt, und erliegt, und zur Sonne dein Nahme sich aufschwingt?« Giaffar stand, und sann: »Heut hol' ich,« so rief er, »den Tod mir, Oder den herrlichsten Ruhm. Drometer, gebiethe den Stillstand!« Fröhlich ertönte das Erz, und Ludewig, kundig der Ritter- Sitte, horchte dem ehernen Ruf', und hemmte die Seinen. »Wer sich von euch,« schrie Giaffar laut, »im Heere vor allen Tapfer erwies, der trete hervor, und stehe zum Kampf mir, Einzeln dem einzelnen Mann, so wie einst in der schöneren Vorzeit, Schild auf Schild, nah' an, die muthigen Helden sich trafen, Eh' noch Pulver und Blei, o Schmach, aus der Ferne den Tapfer'n Tückisch zu Boden schlug, und dem Feigeren schonend vorbeiflog! Keiner besorge mir Trug und Hinterlist. Ehre gewinnen Will ich nach Ritterbrauch: deß ruf' ich Allah zum Zeugen.«
Grimmig schritt Alfred, der niederländische Hauptmann, Gegen ihn vor, deß' Riesenkraft in dem Heere gerühmt war— Stand, und führte den Streich: doch Giaffar schlug ihm das Eisen Aus der erstarrenden Faust, daß es blitzend am Sande dahinfuhr. Raubet' er jetzo vielleicht dem wehrlosen Christen das Leben? Nein: denn edeler Stolz erfüllt' ihm die Seele mit Großmuth. Schnell barg er das blitzende Schwert in die Scheid', und es faßten Beide Kämpfer zugleich mit festumklammernden Armen Eisern sich an, und beugten einander gleich ringenden Bären, Pressend die Brust an die Brust, zur Rechten, zur Linken, daß beiden Knirschte der Rücken, und Schweiß von den Gliedern in Strömen herabrann. Jener gedachte der List, und schlug von hinten dem Türken Rasch mit der Ferse die Beuge des Knie's: ihn niederzustürzen; Aber Giaffar stand wie die Eiche so fest auf dem Boden. Jetzo, der Uebermacht sich bewußt, und zürnend der Arglist, Hob er den Gegner empor, und drückte mit eisernen Sehnen Ihn stets fester zur ehernen Brust, daß er, odemberaubet, Dort verhauchte den Geist: aus seinen eröffneten Armen Fiel er, langgestreckt, auf den Sand. Wie im Schimmer des Abends, Lauernd, die Riesenschlang' vom Wipfel des Baums, auf den Tieger, Der ihm vorüberzieht, urplötzlichen Flugs sich hinüber Schwingt, ihn schnell umringelt, und dann zum schütternden Stamm zieht; Wie er auch brüllt, und sich mühet, der klemmenden Reife nur einen Fest mit den Zähnen und Klau'n zu fassen—umsonst: sie erwürget Ihn an dem Stamm', daß ihm laut zerkrachen die Knochen: so würgte Giaffars mächtiger Arm den Gegner, und streckt' ihn entseelt hin. Ganz unduldbarer Schmerz ergriff des tapferen Ludwigs Brust: er schrie laut auf, und stürzte dem Türken entgegen. Sieh', da nahte, gelockt von des Kampfes Getöse, der Kaiser, Und erstaunte, wie dort Lusitania's herrlicher Sprößling Kühn in die Schranken trat mit dem stärkeren Gegner! Ihm schwebte, Angstgeweckt, auf die Zung' ein Laut, der muthige Krieger Hätte gerufen zum Kampf und zur Rettung des trefflichen Jünglings; Aber er hemmt' auf der Zunge den Laut, daß unrühmliches Mißtrau'n Nicht mit giftigem Zahn, wie der Borkenkäfer im Hochwald Sprossende Bäume zernagt am Mark, daß sie, trauernd, verdorren, Ihn verwundete. Doch wie erblick' er den Stahl in den Busen Seines Lieblings versenkt, und dampfend vom Blute des Theuern? Dennoch beherrscht' er die Angst, und sah vom gehügelten Erdwall Nach dem Waffengefild', ein Sinnender, schweigend hinüber.
Giaffar, stolz des sicheren Sieg's, gewahrte den Jüngling, Lächelnd: er pries nun Gott, und dankte dem großen Propheten, Der den blühenden Fürstensohn ihm entgegengeführt hat; Doch, da er jetzt, wie ein junger Leu dem stärkeren Panther Kühn entgegen sich wirft, im schimmernden Felde der Waffen, Ueber den blanken Helm den Degen erhebend, daherkam, Und sein Blick, mit des Todes Schrecken bewaffnet, ihn faßte, Ha, da pocht' ihm das Herz, ergriffen von heimlichem Schauder! Nun das glühend' Aug' auf das Auge des Gegners geheftet— Vorwärts stemmend den rechten Fuß im knisternden Sandstaub, Strebten die beiden, ergrimmt, die tödlichen Streiche zu führen, Und es erbebte die Luft dem rastlos sausenden Mordstahl. Da von dem Helm, und dort von dem Stirnbund, Panzer, und Leibrock Wußte der Kämpe, gewandt, die Waffe des Kämpen zu fernen: Jetzt auffangend den Hieb, und jetzo vereitelnd den Herzstoß. Und so hätte die sinkende Nacht allein, in dem Dunkel, Heute die Helden getrennt, nicht des Sieg's entscheidender Vortheil; Doch als Giaffars Arm zum schrecklichsten Schlage den Säbel Hoch aufschwang: da kreischete Ludwigs blitzender Degen Laut, an des Säbels Kling' abgleitend; da bohrte den Mordstahl Sein nachstürmender Arm ihm tief in die pochende Brust ein. Rücklings stürzte der stattliche Held; hoch spritzte der Sand auf, Als er sank, von der Hand des tapferen Jünglings getödtet. Aehnlich der Fichte lag er, die erst die nächtliche Windsbraut Krachend dem Boden entriß; der Weidmann schauet am Morgen Forschend nach ihr, die rings ihm diente zum leitenden Merkmaal: Denn sie ragete hoch, vor allen Bäumen des Waldes, Schon Jahrhunderte lang; nun liegt sie zertrümmert am Boden: Also lag er im Staub, und erschütternde Stille war ringsum. Attila schüttelte grimmig das Haupt: denn seinem Geflister Horchte der Kühne zuvor. Er floh, umschart, in der Luft fort. Als ein lohnender Ruf den Lippen des Kaisers entfloh'n war, Und den Sieger umjauchzte sein Volk: da brachen die Gegner Furchtbar heran, und Gebrüll, und Fluch, und Verwünschung ertönte Schrecklicher noch als der Säbel Geklirr und Geschmetter der Büchsen.
Hoch von Goletta's Wall gewahrte der tapfere Sinam, Wie sein muthiges Volk, erstürmend die Schanze des Feindes, Dort zerstörte das eh'rne Geschütz, und er hüpfte vor Lust auf; Doch als Giaffar wich; zum Zweikampf rief der Drometer— Rief zu Giaffars Fall: da hob er die Hände vor allen, Himmelempor, und schrie den versammelten Kriegesgefährten: »Weh, unseliger Muth, der, treulosen Feinden entgegen, Giaffars Seele gereizt! Hinaus, durch jegliches Thor fort, Drüben aus grauser Noth den tapfersten Mann zu erretten!« Also geschah's. Da brausten die Wüthenden näher: so brausen Stürme vom Nord, und schleudern die schäumende Fluth zu dem Meerstrand. Zwar nicht rettet' ihr Muth den Tapferen: denn auf dem Boden Lag er gestreckt im Blut, von Ludwigs Rechter getödtet; Aber sie stürzten, zur Wuth entflammt, und entsetzlicher Rachgier, Eilig daher an den Wall, und gräßlich ertönte der Mordruf.
Jetzo ersah das streitende Volk vom fernen Kairwan Und Constantina herauf, des wildempörten Hamaddans Dräuenden Flug, und bebte. In tausend gewirbelten Säulen Eilte die Wüst' ihm vor: im Knistern des Feuergewölkes Deckend des Himmels Bläue mit Grau'n und Entsetzen. Die Sonne Blinkete trauernd aus ihr, und goß nur düstere Dämm'rung Ueber die Welt. Ein flammendes Meer aus den schwärzlichen Lüften, Und dem Boden nah', anstürmend, der prasselnde Gluthstrom, Drohte den Lebenden rings urplötzliche, schnelle Vernichtung. Doch zu den Kriegern gewandt, rief laut der erhabene Kaiser: »Sollt' uns der Samyel nah'n, der flammende Menschenerwürger, Da gedenket des warnenden Winks: zur Erde geworfen, Hüll't in Gewande das Haupt, und harr't an dem Boden, nicht athmend, Einige Zeit. Bald tobt der Unhold vorüber—ihr lebet.« Dann noch rief er, den flehenden Blick zum Himmel erhebend: »Allmacht fleugt vor deinem Hauche daher, du Erbarmer; Nah' uns mit Huld, und errett' uns jetzt vor des Samyels Wuth dort!« Und aus dem Aethergefild flog nun, dem strahlenden Blitz gleich, Seraph Eloa herab, den Christen zur Rettung gesendet. Sonst sein Auge so mild wie des Himmels Bläu', und die Stimme Sanft wie Harfengetön, war jetzt entsetzlich zu hören, Furchtbar zu schau'n. Er rief dem Samyel: »Halt, und entweiche!« Und der Schreckliche floh. Auch kehrten die wirbelnden Säulen, Seinem Winke gehorchend, zurück in die einsamen Wüsten. Dann auf Muhamed, der zuvor in dem furchtbaren Gluthwind Nahte, voll heißer Gier, die Christen vernichtet zu schauen, Warf er einen der Blicke herab, der thürmende Felsen Hüb' aus den Vesten der Erd', und aus Nachtabgründen die Meersfluth. Jener entwich. Wie dürres Laub, verweht von dem Sturmwind, Schwindet: so schwand er mit seinem Volk. Auch Attila folgte, Schreckenbetäubt, ihm nach; aufheulten die flüchtenden Scharen.
Sinam drängete zweimal schon die Christen vom Blachfeld Bis an des Grabens Rand, und so oft, nur schrecklicher warf ihn Ludwig wieder dahin, wo, umhügelt von starrenden Leichen, Giaffar lag, und im Blutbad schwamm: denn heißer entflammte Dort des Getödteten Schau in dem Busen der Seinen des Mordens Schreckliche Gier, daß sie standen im Kampf der Entscheidung, und furchtbar Wüthete jetzo der Tod auf der siegverherrlichten Stelle. Als der Samyel erst, des Seraphs Stimme gehorchend, Heim in die Wüste floh, da weckte sein brausender Odem Hoch in der Luft und im Schooße der Erd' Aufruhr und Empörung. Plötzlich thürmte Gewittergewölk am bläulichen Himmel Furchtbar sich auf, und goß ein mitternächtliches Dunkel Ueber das Waffenfeld, daß der Gegner dem Gegner entrückt schien. Nur das Blitzen des Feuerrohr's erhellte zuweilen Noch das umnachtete Volk, entflammte des starrenden Kriegers Aug', und Harnisch, und Helm, und wies auf dem Feld des Entsetzens Leichen auf Leichen gehäuft. Nun schwankte, den Wellen des Meer's gleich, Unter den Füßen des Kriegers der Grund; des Kampfes Getümmel Schwieg, und »Erdbeben!« scholl's die zitternden Reihen hinunter. Grau'nvoll rauschte das Meer; das Schmettern der Schiff' an die Schiffe Tönete schrecklich, vereint dem Geheul aus der Veste, dem Brüllen Aus dem Gehölz, und rings dem Kreischen des kleinen Gevögels, Das dem erschütterten Wald entstürzte mit kläglichem Angstruf. Jetzt aufflammte der Blitz, und zerriß, von Osten bis Westen Strahlend, die finstere Wolkennacht: der furchtbare Donner Rollt' auf ehernen Rädern ihm nach, und krachte zum Abgrund Dumpf, und dumpfer hinab, an des Himmels drönendem Rand hin. Brausend erhob der Sturm die sandige Fläche; die Fahnen Haucht' er zum Himmel empor, und riß auch die Zelt' in dem Lager Von dem ragenden Pfahl, und wälzte sie fort auf dem Flugsand. Schreckenbetäubt entfloh der Feind; doch Ludewig folgte, Unerschütterten Muth's, dem flüchtenden nach bis Goletta.
Guasto aufathmete tief; er hielt, von dem Sturme gewendet, Jetzo des Mantels flatternden Saum, und sagte dem Kaiser: »Wie, du weilest noch hier, unbändigen Sinnes, und achtlos All der Gefahr, die uns heut' aus den hellaufflammenden Lüften, Und aus dem Schooße des Abgrunds dräut? Auch stürzet des Regens Prasselnde Fluth nun bald aus dem berstenden Wettergewölk her; Eile nach deinem Gezelt: es trotzte dem schrecklichen Sturm noch, Festeren Bau's; schon fliehen die Feinde vor deinen Erwählten.« Weder der donnererweckende Blitz, noch der schwankende Boden Zog des Kaisers sinnenden Blick vom Kampfe der Helden Ab. Er lächelte sanft auch jetzt, und sprach zu Del-Guasto: »Laß mir den Frieden, o Greis! Ein Gleiches erduldet ihr Tapfer'n Alle mit mir. Wer schirmt vor Gefahr, die hoch aus den Lüften, Tief aus des Abgrunds Nacht uns dräut', als Er, der Erbarmer? Sein ist die Macht! Mir wohnt der Fried' im vertrauenden Herzen.« Doch nun flammte sein Blick, nun bebt' ihm die Rechte; den Harnisch Hob ihm die pochende Brust, und furchtbar scholl's, da er sagte: »Donner und Blitz sind mir die Stimme des Herrn, daß ich eile. Hebe dich nun, mein tapferer Held, an's Werk der Entscheidung: Lenke die Völker heran. Laut brülle sogleich von den Schanzen— Brülle vom Meer das Donnergeschütz zum endlichen Wallbruch, Daß wir jetzt in dem Sturm erringen die Veste Goletta!« Schaudernd blickte der Greis in die flammenden Augen des Herrschers, Horcht' ihm, schweigend, und ging, nun Jedes in Eile zu ordnen.
Schon entströmte der Wolkennacht unendlicher Regen, Prasselnd durch Windesgeheul und Gebrülle des rollenden Donners, Und umfloß, ein See, die Füße der triefenden Krieger. Aber er löschte den Staub, und fesselte mächtig den Flugsand. Wie in des Frostes Hauch der fluthende Weiher gefesselt Starrt, daß auf ihm, lärmfroh, die muntere Jugend der Eisbahn Räume durchfleugt: so erstarrte der Sand, und brachte den Christen Frohen Gewinn: denn geübt, im ermattenden Sande zu laufen, Nahte der fliehende Feind den Thoren der Veste Goletta. Ihm nachbrauste der Sieger im Flug', und Sinam gewahrte, Bebend vor Schrecken und Angst, im nah'umzingelnden Vorsprung, Hier den Gedrängten vermengt die Dränger zugleich, und er rief nun, Rettung gebiethend, dem Volk'. Aufkrachten des mächtigen Thores Flügel, und d'rauf, wie ein Bergstrom braust, wenn hoch von dem Gletscher Niedergerollt, ein Block erfüllet die engere Thalschlucht, Bis er des Bergs Abhang, mit steigendem Grimme, durchwühlend, Bahn sich bricht, und die langgehemmten Fluthen zum Abgrund Wälzet in schäumender Hast: so stürzten die flüchtenden Scharen Sinams durch das geöffnete Thor, mit Lärm und Getümmel. Doch nun sandte der Feind, dem also die Rettung gelungen, Hagelnde Donnergeschoss' und befiederte Pfeile vom Wall her, Jubelnd, und warf aus der Schar der raschnachstürmenden Christen Manchen Tapferen todt in den Staub. Da dachte des Heimzugs Ludwig, der Held, und hieß im drometenden Rufe die Krieger Kehren. Nicht folgte des Feldherrn Ruf Diego Davila, Fahnenjunker im Heer, entsprossen aus Lissabons Mauern, Trotzend auf Jugendkraft, und kühnerer Thaten sich freuend. Als er das Jubeln der Feinde vernahm: da ergrimmt' er im Herzen, Eilte zurück, und klomm, ein kundiger Kletterer, jauchzend Auf an dem Wall', und erhöhte die Fahn' auf den Zinnen der Festung. Jene wehrten es nicht, von erstarrendem Staunen gefesselt; Doch bald wühlten in seiner Brust unzählige Lanzen. Sinkend faßt er die Fahn', und warf sie herab von der Mauer, Sie zu entreißen dem Feind'. Er rief dem getreuen Gefährten: »Albin, rette die Fahne! Sie stand erhöht auf dem Wall hier: Herrlichen Siegesruhm winkt' euch ihr wehender Schimmer; Rette sie kühn, und jenseits noch dir dankt es Davila!« Sieh', er lächelte sanft, und freute sich sterbend der That noch! Aber der Muthige kam, ergriff, von sausenden Kugeln Rings umstürmt, die Fahn', und brachte sie freudig in's Lager. Diesem entströmten jetzt die Tapferen, herrlich geordnet. Rechts hin führete Guasto die Macht hispanischen Fußvolks, Wälschen vereint, und Eberstein, in der Mitte, die Heerschar, Die er in Deutschland warb, nun endlich zu Thaten gerufen. Aber die Macht lusitanischen Volks und brabantischer Scharen, Führete drüben der Held, der Giaffarn siegend erlegte.
Laut erkrachten die Schlünd' und Mörser zum endlichen Wallbruch. Furchtbar wüthete zwar der Sturm und das grause Gewitter Noch, und der röthliche Blitz, im Gefolg des schrecklichen Donners, Zischt' umher im Gewölk, erhellend die sinkenden Fluthen; Aber entsetzlicher noch, mit den Schrecken der Lüfte vermenget, Scholl das Krachen der Schlünd' umher an der Veste. Der Wurfschütz Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt': im bläulichen Rauch flog Flamm' empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen, Donnernd, im Bogenwurf, die Kugel zur Veste hinüber. So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln; Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung, Sausten im Donnerlaut die schrecklichen her, und hinüber. Rings erbebte der Grund, als sollten die Vesten des Erdballs, Von den Orkanen der ewigen Nacht erschüttert, versinken, Und die Gefild' umher nachstürzen in wüster Zertrümmrung. Drüben umfing sie am Meer, dem silbergehörneten Mond gleich, Doria's wogende Macht. Aus ihres verehrten Gestirnes Bild ihr kam der Jammer gesandt, und die grause Vertilgung. Immer entfuhr die Volle Lage dem Raume des Schiffes, Das sich der furchtbar'n, eiserne Last, aus Rauch und aus Flammen Schleudernden Donnergewalt nachbog, und mit sinkendem Rand noch Streifte die Fluth. Die sanftergossene Fläche des Meeres Rauscht' aufbrandend empor. Bald schäumten die bläulichen Wogen, Bald erglühten sie tief im Glanze des röthenden Feuers, Welches im Flug durchzuckte die Luft. Die Mauern erkrachten— Sanken in Schutt, und dumpf ertönte der Steine Gerassel. Sieh', die Malta gesandt, die nächsten dem felsigen Ufer, Schleuderten sonder Rast nach dem Thurm, der hoch aus dem Vorgrund Ragte, Verderben! Er neigte das Haupt, sturzdrohend, ein paar Mal; Zitterte jetzt, und sank mit grausem Gepolter zusammen: Staub flog auf, und Geschrei, wehklagend, und jubelnd ertönte. Aber der Kaiser rief: »Verdoppelt das Feuer!« So riefen Guasto, und Rogendorf, und jeglicher Schanze Gebiether, Und noch schrecklicher tobte die Wuth des ehernen Feldzeugs. Doria brach von dem Meer' her donnernd, das eiserne Seethor So, daß des Feindes Geschütz dort schon auf dem Walle vernichtet Lag, und verstummt'. Dann öffnete dicht am Thor von Buschatter Ludwig aus seiner Schanz', urplötzlich nach jenem, den Wallbruch, Weit, daß ein Wagen durchfuhr, der heim die Garben vom Feld führt; Aber die breitere Kluft, daß zwanzig der Krieger, gereihet Aneinander, sie leicht durcheileten, sah nach dem Oehlwald, Gähnend hinaus: eröffnet mit Macht aus der Schanze der Wälschen, Die von Toledo verwaist, nun Guasto's Winken gehorchten. Vorwärts stürzte der Wall und die Mauer, und ebnete weithin Dort die ersehnete Bahn den Stürmenden, füllend den Graben.
Nun verstummte zugleich am Himmel das grause Gewitter, Nur an des Erdballs drönendem Rand noch murrte der Donner Dumpfer hinab, wenn dort der Blitz die feurigen Schwingen, Fächelnd, erhob. Aus zerriss'nem Gewölk sah bläulich der Himmel Her auf das regenerfrischte Gefild, und die scheidende Sonne Goß aus dem rosigen Duft des Abends Schimmer herüber, Und erhellte gar wunderbar die belagerte Festung. Lauter pochte die Brust des edelsten Kaisers; ihm rief nun Ahnend das Herz: schon sey die entscheidende Stunde gekommen. Jetzt erhob er das Schwert, den Feldherrn Thaten gebiethend, Und sie gehorchten dem Wink'. Auf dem Land und im wogenden Schiffsraum Schwieg, verhallend umher, der ehernen Schlünde Getümmel. So an dem felsumstarreten See verhallet des Waldhorns Klang, den fern im Ruderschiff erweckte der Künstler, Horchenden Freunden zur Lust: nun da, nun dort am Gebirg hin, Tönt er im Wiederhall, bis er dann, stets leiser, dahinstirbt. Aengstliche Stille herrschte rings, und beklemmendes Schweigen. All' aufmerkten dem Wink: da zogen in brausendem Eilflug Scharen auf Scharen dahin, und jauchzten der rühmlichen Arbeit. Dort an den Mauerbruch, der weit aufgähnte zum Oehlwald, Eileten Wälsch' und Hispaner, zum Thor von Buschatter die Deutschen; Doch Lusitania's Volk, den Niederländern und Malta's Muthigen Kriegern vereint, erreichte das eiserne Seethor. Tausend ergriffen bei jeglicher Schar die ragenden Leitern: Kühneres Volk, zu erklimmen den Wall im stürmenden Anlauf.
Welches der Völker kam dem andern zuvor in dem Wettlauf? Erst das hispanische; d'rauf nachdrangen den Wälschen die Krieger Portugalls und Brabants. Wie, stürmten die tapferen Deutschen Nicht vor allen zuerst? Sie hemmte der kühne Cherusker, Hermann: denn, sein edeles Volk vor Tücke zu wahren, Schwang er in Hast nach Eberstein sich herunter, und rief ihm: »Hemme den rascheren Lauf, vorschauend, und Tücke vermeidend: Weit durchhöhlte der Feind, vor deinem Ziele, des Erdreichs Dunkelen Schooß; ihm nahet die Lunt', und donnernd erhebt sich Bald entsetzlicher Rauch, und Feuer, und wilde Zertrümm'rung.« Jener hemmte sein Volk. Zwar ächzte der Krieger, und Thränen Netzten sein glühendes Aug', im Vorsprung schauend die Fremden; An dem Gewehr' ihm bebte die Faust, und die strebenden Fersen Bohrten tiefere Spur unwilliger Rast in den Sand ein. Doch nun schwankte der Grund: aufflog, die Lüfte verfinsternd, Qualmender Rauch, und Loh', und Wust des berstenden Erdreichs Ueber den Flatterhöhlen umher, die rings an dem Wall sich Kreuzten, erfüllt mit der Last des entflammenden, schrecklichen Zündstaubs. Bebend stürzten die Reihen zurück; aus den Augen der Krieger Glänzte dem Feldherrn Dank, der so sie entriß dem Verderben. Aber er wandte sich nun, und rief mit gewaltiger Stimme: »Dort das herrliche Ziel, wo Siegespalmen dir winken, Schaue, mein edeles Volk—nicht des Todes gähnenden Abgrund! Schwer ist die That; die Stelle gefahrvoll; aber uns ehrte Deutschlands edelster Hort, da er Deutschen das Höchste vertraut hat. Tapferer Radburg, vor mit den muthigen Bayern, und Stollberg Vor mit den Sachsen zum Sieg! Du, Römhild, entflamme die Helden Schwabens, und jene aus Brandenburg ermuthige, Siegfried, Jetzo dein Ruf. Vereint erringet den Preis der Entscheidung.« Hermanns luftige Schar aufjauchzte des Heldengebiethers Worten, und kam, und mehrte den Muth ruhmdürstender Männer, Dort zu erstürmen den Wall, wo am blutigsten winkte des Sieg's Preis.
Sinams Riesenkraft rang dort den Stürmern entgegen. Ihm war Hannibal brausend genaht: denn mächtig erschreckt' ihn Drüben das Stürzen der Wäll' und das Jauchzen der kommenden Sieger, Ringsum. Listengeübt haucht' er ihm jetzo den Rath ein: »Ha, nun gilt's mit festausharrendem Muthe des Feindes Wuthandrange zu steh'n, und nicht entehrender Feigheit Heute zu opfern den Ruhm entschwundener Jahre! Wohlan, horch! Schafft der gewichtige Ball, vom Donnerrohr in die Haufen Wimmelnder Feinde geschleudert, schon entsetzliches Unheil: Welch' entsetzlicher's noch ersähst du mit staunenden Blicken, Wenn, umhüllt von geplättetem Eisen, die Büchsengeschosse Mit zertrümmertem Blei in die nah'anstürmenden Gegner Wütheten? Auf, und gebiethe den Mord und die grause Vernichtung!« So rief Hannibal; doch nun sah, voll Zorn in dem Busen, Hermann zugleich, wie schnell, dem listigen Gegner gehorchend, Sinam die Donnerrohr' in der Breite des gähnenden Wallbruchs Pflanzen hieß, daß im kreuzenden Feuer der gräßliche Hagel Tilge des Feindes Reih'n. Er jammerte laut und begann so: »Schmacherfindende Zeit! Daß nichts mehr gelte des Tapfer'n Eigene Kraft; daß nimmer das Aug' in das Auge des Gegners Schleudre des Todes Blitz', und, heimgekehret, der Krieger Nimmer weise mit Stolz dem grauenden Vater, der Mutter, Oder der Gattinn die ehrende Narb' an der Brust und der Scheitel, Und erzähle zugleich, wie solche der Feind ihm geschlagen Dicht im Gemeng', wo jener ihm sank, in dem Kampfe getödtet— Nein, daß er dort: ob feig', ob tapfer, ein elender Krüppel Arm- und beineberaubt, umhinke, den Seinen zur Trauer, Hast du das Scheusal erzeugt, die Würgerinn heißend Kartätsche!«
Sieh', Ursini der Greis, flog hin, wie ein feuriger Renner Fort auf der Rennbahn fleugt, zu erringen dem Reiter den Wettpreis: Hoch von dem Nacken ihm flattert die Mähn', und vom blanken Gebisse Ueberschneiet der Schaum ihm die Brust; er schnaubet, und sprühet Gluth aus der starrenden Nas', und ihm blitzen die spähenden Augen Feuriger stets, da er jetzt mit lauterem Hufesgerassel, Sprung auf Sprung, im Galopp vorbraust zum winkenden Ziel hin; Fern ihm folgen, gespornt von den Reitern, die schwächeren Rosse: Also strebte der Greis im edelen Muthe des Herzens Gegen den Wall, wo Darjuh, an Giaffars Stelle der Aga, Nach den Gefahren des Kampf's und glänzenden Thaten sich sehnte. Als er den Greis ersah, da entriß er das mächtige Schießrohr, Doppelhaken genannt, den Händen des Kriegers, und jagte, Schmetternd, verdoppeltes Blei in die Stirne des tapferen Feldherrn. Lautlos sank er zur Erd': ihm färbte das silberne Haupthaar Quellendes Blut. Ach, nimmer bewirthet der freundliche Greis mehr Fremd' in seinem Palast, die aus nahen und fernen Gefilden Heilige Sehnsucht trieb, der ewigen Roma zu nahen, Und im Schutt noch die Wunder zu schau'n gewaltiger Vorzeit: Denn er stürzte verwundet zur Erd', und verhauchte das Leben. Aber Ludewigs Schar rang dort am zertrümmerten Seethor, Schnell zu erklimmen den Wall, wo, empört durch Attila's Ingrimm, Und durch Hannibals Muth, das Volk in grausamer Nothwehr Wüthete. Pech, noch siedend, und Oehl, noch wallend der Flamme Goß, erbittert, der Feind auf die Stürmenden—wälzte der Mauer Lastende Blöcke herab, und solch' unrühmlichem Tod, ach, Sanken die Tapfersten schon! Auch tödtete Manchen der Speerstahl, Manchen das krachende Rohr, wenn, kühnerhöhend, die Leitern, Sie aufrangen zum Wall aus der Tiefe des dunkelen Grabens. Doch weit schrecklicher noch, und entsetzlicher, scholl vor Buschatters Thor Mordruf und Gewürg', wo Deutschlands herrlichvereinte, Siegsruhmdürstende Schar, im Auge den Heldengebiether— Muth und Gluth in der Brust, und des kreuzenden Feuers nicht achtend, Vorwärts drang. Schon dreimal flog, mit dem kühnen Geschwader Brandenburgs, dort Siegfried hinan, den Wall zu erklimmen, Und er kehrete stets erbitterter, ähnlich dem Rüden, Der, vom Jäger gedrängt, dem verwundeten Bären genaht ist— Doch bald flieht, bald kehrt: denn immer scheuchen die Klauen Und das Gebrülle des Thiers ihn fern: so wüthete jener. Jetzt, im erneueten Lauf, durchbohrte das muthige Herz ihm Schmetterndes Blei, und er sank. Auch blutete neben ihm Hinkmar, Strebend mit matter Hand, den Pfeil aus der Lunge zu reißen. Eberstein sah dort hinsinken die tapferen Helden Brandenburgs; alsbald entriß er die Fahne dem Junker, Schwang sie empor in die Luft, und rief hellleuchtenden Blickes: »Jetzo mir nach, wem deutsches Blut in der Ader und Kampfgier Glüht in der männlichen Brust! Wir löschen das feindliche Feuer, Das entsetzlich die Unser'n tilgt aus der grausen Kartätsche, Nur mit des Feindes Blut; mir nach! Nie sterben die Tapfern!« Sagt' es, und drang, wie ein Pfeil, in sausender Eile zum Wall hin. Aber Stollberg zog mit kräftiger Rechten den Helden Wieder zurück, und rief: »Nicht dir—uns werde die Stelle!« Also jubelten laut wohl tausend Stimmen auf einmal. D'rauf, erklimmend den Wall, und durcheilend die Tiefe des Grabens, Drangen mit Lärm und Getös' Germania's tapfere Völker Ein in den Mauerbruch, wo erlesene, muthige Gegner Standen zur Gegenwehr, der sinkenden Brüder nicht achtend, Und zu sterben bereit, ein Jeglicher—alle für Einen. Wenn dem Donnergewölk' entstürzen die Fluthen, und plötzlich Ueberschwemmen die Stadt, daß laut in den engenden Gassen Brauset der Strom, aufschäumt die Wog' an die Fenster: da flüchtet Volk auf die Berge hinaus, und Volk auf die luftigen Zinnen: Also erklommen auch hier die muthigen Deutschen die Höhen— Stollberg allen zuvor; dann Scharen auf Scharen, und würgten, Racheschnaubenden Grimm's, die Kämpfenden rings auf der Mauer. Sinam entfloh. Nicht mied er zuvor des wüthenden Kampfes Schrecknisse, fest, wie ein Fels, die Stirn' darbiethend den Feinden; Doch, als jetzt im Sturm eindrangen die Deutschen: da wankte, Bebte der tapfere Greis, und floh, das heimliche Pförtchen Oeffnend am Damme des See's, mit tausend Gefährten nach Tunis. Dorther naht' ihm unzähliges Volk, von dem Herrscher gesendet; Aber mit Thränen im Blick, erhebend die Rechte, geboth er Allen errettende Flucht aus den Händen des schrecklichen Feindes.
Schon war Siegesgejauchz' am Seethor, schon an dem Wallbruch Dort, wo Wälsch' und Hispaner im Sturm erstiegen die Mauern, Wo ringsher Mordruf ertönete—rings in den Straßen Strömte das Blut, bis jetzt, zu den Füßen des Siegers gesunken, Bleich, mit verstörtem Gesicht, der Feind erflehte die Schonung. Nun verklang das Getös'; nur Jubel des Kriegers ertönte, Der von den Wällen herab in den Graben den finsteren Roßschweif Warf, und dort aufpflanzte mit Stolz die Fahne der Heimath. Lieblich flog sie umher in dem Abendwind, und erregte, Ruhmausstrahlend, in jeglicher Brust noch höhere Wonne. Durch das hallende Thor, umjauchzt von unzähligen Stimmen, Kam in die Veste der Kaiser herauf. Stets enger, und enger Schloß sich der Lärmenden Kreis um ihn her, und, als sie verstummten, Hob er die Händ' empor zu dem Himmel, und stimmte das Loblied: »Herr, dich loben wir!« an. Ein heiliges Feuer entflammte Jegliches Herz. Erschütternd zu schau'n: wie aus Tausender Augen Stürzen die Thränen zugleich; wie Tausender Hände zum Himmel Fleh'n, und zu hören erschütternder noch: wie Tausender Stimmen Wirbeln empor in die Luft, und sie all' Dank rufen im Einklang.
Hassan, der König, erschien. Er war an dem dämmernden Abend Gestern gelandet, und barg sich scheu in der einsamen Herberg, Die Zafrano ihm both, von schattenden Cedern umfangen. Weder gerüstetes Volk, noch Mundvorrath, in des Krieges Zehrenden Tagen ersehnt, bracht' er dem Bundesgenossen: Denn er lauerte nur, ob Hairaddin, oder der Christen Mächtiger Herrscher erringe den Sieg? in den Mauern von Kabesch. Tief sich beugend zuvor, begann er jetzt vor dem Herrscher: »Gott ist mit dir, und Segen die Fülle: des herrlichsten Sieges Ruf verkündet es bald den fernsten Völkern zum Staunen. Ach, nicht bieth' ich dir Mundvorrath und tapferes Hülfsvolk, Wie ich's verhieß! Nicht horchte der Muselman mehr dem König, Der sich dem Christenvolke verband: hier steh' ich als Bettler!« Und er sank auf die Knie'; da sah der edelste Kaiser, Wie der Mond, umflort vom Regengewölk auf den Hügel Heftet den Schwermuthsblick, nach dem Flehenden trauernd hinunter, Hob ihn empor, und rief ihm mit trostverheißendem Lächeln: »Sieh' eröffnet des Reiches Thor, das Hairaddins Herrschgier Dir entriß; dein sey's mit jeglichem Segen des Himmels!« Hassan stammelte Dank; laut zollt' ihn der Kaiser den Helden Allen umher, die im Sturm errangen die trotzende Festung. Aber zu Stollberg sprach er dann mit lohnendem Blick so: »Werde Goletta's Hort und Vertheidiger; ordne der Mauer Feind'abwehrenden Bau; doch jetzt gebiethe mit Sorgfalt, Daß die Verwundeten all' errettender Hülfe sich freuen! Morgen am Tage des Herrn, das Denkmaal unseres Heiles Feiernd, gedenken wir auch, zu bestatten die Todten, und dankbar Ihnen die Maale des Ruhm's zu erhöh'n für die kommende Zeit noch.« Jetzo führt' er die Scharen zurück in des Lagers Umwallung, Sie zu erquicken durch Rast; doch Stollberg ging, daß er übe Alles und Jedes sogleich nach dem Willen des gütigen Herrschers. Und die Schatten der Nacht umhüllten den schlummernden Erdkreis.