Versos German János László Pyrker Rudolph von Habsburg — Zehnter Gesang

German poem

Rudolph von Habsburg — Zehnter Gesang

by (1772–1847)

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Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom; Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen Manchmal, leis'umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen, Wäldern, und Höh'n, nun hochaufragende Thürme der Burgen, Nun hellschimmernde Städt' und Gotteshäuser sich heben, Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen. Wechselnd, von einem zum andern Gestad' durchkreuzen der Vögel Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu. Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel Auf sich schwingen die goldenen Stern'; umschattendes Dunkel Ruh' auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt. Von Schafhausen allein tönt Donnergetös', in des Abends Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler Sendet im Windeshauch', unendlichen, ewigen Eilflugs.

Sieh', ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen! Eilig trabt' er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht. Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an; Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden, Netzt' ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau'ns Wonne versunken. Hartmann war's, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte. Drüben am linken Gestad', ersah er das freundliche Städtchen Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit) Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige, Schottlands Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino, Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben, Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt. Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber— Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau's Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter Schau'n auf die Fluthen der Aar, die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht. Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser) Todt die Mutter—von ihm die holden Geschwister geschieden. Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand'rung.

Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen: »Mangold, fasse das Roß an dem Zaum', und führ' es mit Vorsicht Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg' ich dir nach in die Herberg!« Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt' es mit Vorsicht Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau So, daß die Brück', entlang, erst laut, dann leiser und leiser Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin. Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken, Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen, Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens. Sieh', nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf; Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter, Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin, Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen Spiegelte. Dort winkt' ihm (so däucht' es ihn) freundlichen Blickes, Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter. Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus; Beugte die Stirn', und ihm sank die heimliche Thrän' aus den Augen! Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad; Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten, Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen, Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom Ruderte. Nun verfehlt' er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug, Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück' um, Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften, Schrie'n, und riefen, die Fluth. Nicht der lastenden Rüstung gedenkend, Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen; Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung, Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben; Aber nicht rettet' er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.

Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben, Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages! Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels Nächtliches Grau'n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf Blöckender Lämmer und Schaf', und des dumpfaufbrüllenden Rindes: Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt: Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte. Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines, Oder des Brots; nicht des Habers und Heu's die munteren Rosse: Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit, Und stets lauter erscholl auftobende Freud' in dem Lager.

Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben, Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern, Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen. An dem Gestade der March, wo, g'en Hochstätten, im Halbkreis Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens, Der vor grau'n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh'n, in der Umwelt Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold Sitzend im munteren Kreis' der Zitherspieler und Sänger, Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns Reichem Gefild' und der Thatenkraft gepriesener Führer Sprachen im jubelnden Lied'; auch rühmten darauf: wie im Feld' erst, Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind, Der auf der Heid' im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt, Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben. Aber so laut der König sich d'rob erfreute, so gönnt' er Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen, Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand. Hastig nahet' ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so: »Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges, Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser, Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.« »Gern,« erwiederte jener, voll Hast, »hineil' ich in's Lager Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.« Sagt' es, und schwang sich auf's Roß, im Gefolg kumanischer Reiter, Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog, Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.

Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer— Kaduscha war nicht zu schau'n. Empört von dem Glücke des Helden Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter: »Ha,« so sprach er, »was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet, Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden Woldan Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte? Auf, wir zieh'n nach Günß, den tapferen Iwan zu retten, Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget, Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen: Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken Schau'n von nah' und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen; Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.« Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen Schnell g'en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber, Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt; D'rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin.

Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten, Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen; Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth Klaren Bescheid ertheilt: bis all', einmüthig, ihm Beifall Zollten; die Ordnungen, Zahl, und die Stellung der Völker im Schlachtfeld Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh'n war. Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber. Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser: »Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers, Jenen gewaltigen Greis, bei'm herzerheiternden Spätmahl. Wahrlich, viel erduldet' er jetzt, in der engenden Festung Müßig zu steh'n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut! Ich entboth ihn in's Feld, dem jüngst verwundeten Helden, Ortenburg, vertrauend die Vest', und er folgte dem Ruf bald.« Als er's sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein; Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern; Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken, Setzte sich hin, und begann: »Fürwahr, ich wähnte: verrosten Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer, Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern! Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen Haug der Kaiser sich stets: sein dacht' er auch jetzo mit Huld nur. Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes Treulos flieh'n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir: Iwan weih' er sein Schwert; euch wünsch' er Glück in dem Siegslauf.«

All' aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern, Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen; Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias Von Trentschin, und sprach: »Du sey des Heeres Gebiether Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun's aus der Brust ihr Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger, Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung, Vorzieh'n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.« Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel, Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlachtentscheidenden Kriegsrath Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war, Saß der Kaiser im Heldenkreis' bei dem fröhlichen Nachtmahl Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem: »Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch Sind der Gerichte nicht viel', doch würze die wenigen Frohsinn!« Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel, Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes, Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend, Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war. Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen, Die vor jeglichem Gast', aus schimmerndem Erze getrieben, Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken. Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt.

Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer Heiteren Scherzes gedacht', und jetzt zu Friedrich von Nürnberg Also begann: »Herr Burggraf, sprecht: wie war's denn vor Basel Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?« Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen: Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter, Rudolph, both sein Werk: »Von den Kriegen der Römer und Deutschen— So auch des Feldherrn Wissenschaft« ein Gelehrter aus Straßburg; Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette, Die von dem Hals ihm hing, und d'rauf, voll Gier, in den Büchern Blätterte; wie er—der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen, Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug Fortan heischt'. »Ach hört,« so erzählt' er dann, »wie mich Rudolph Schalt! »Der herrlichste Lohn,« so sprach er, »gebührt dem Gelehrten, Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt, Sie zu vollbringen dereinst.« Er säße wohl selber mit Freuden Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber Spendet' er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens, Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.« »Wahrlich,« so fiel ihm Müller in's Wort, »kein wankendes Schilfrohr, Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war, Unversöhnlichen Haß g'en Habsburg. Feindlich umringten Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg, Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar Flogen die Felsen nach ihr, von des Antwerks mächtigem Wurfbaum Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister, Sinnig zu bauen, verstand. Auch die Katzen, mit Erde bedecket, Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau'n Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens. Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums, Den der Meister sich wählt', und mit Eisen die Stirn' ihm bewehrte. Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen. Endlich rückten wir auch mit dem Ebenhoch an die Zinnen: Schleudernd von ihm zermalmende Blöck' in die Mitte der Felsburg— Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln. Doch ereilt' uns d'rauf der grimmige Winter: verderbend Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk. Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit; Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch Seiner Gewalt. Er rief: »Ermannt euch: unser ist Uznach!« Also geschah's. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst. Unserm würgenden Schwert' erlagen die Gegner, und alsbald Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.«

Laut umtönt' ihn einhelliger Ruf: »Hoch lebe der Held uns!« Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern Traulicher an, und sprach: »Stets bist du wohl glücklich gewesen? Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.« Jener begann: »Nicht also: denn vieles erduldet' ich seither, Ander'n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens; Leidengeübt erkenn' ich das Maß auch der härtesten Leiden Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet, Frühe mich fügen; hab' treu an des Heilands Lehre gehalten, Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten; Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld; stets ehrt' ich die Wahrheit; Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau' in des Grab's Nacht Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.« Sagt' es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten, Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber. Stiller wurd' es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme Lichtenstein: »Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit? Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut', und des Frohsinns Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß' Sitz an dem Tisch hier Leer ist bei'm künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen; D'rum genießet des Augenblicks, eh' er schwindet auf immer! Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret D'raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht' ich.« »Sage mir an,« sprach Rudolph jetzt, »weß' Landes und Volkes Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister: Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen. Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern: Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten, Die der herbstliche Wind versengt': auf den nebligen Himmel Sä't er glänzende Stern' umher, und weckt in des Menschen Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft, Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret, Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet! Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.« Jener eilte hinaus; dann kehrt' er, und sagte dem Herrscher: »Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks Name, des Sängers, Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs, Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden. Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt, Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof Wieder vertraut'. Er starb, und Horneck kehrt' in die Heimath: Erst dem Sänger des Frauenbuch's, deß' Sohn ich mich rühme, Sich zum Frommen zu weih'n: dann mir, als jener gestorben: Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg' und im Frieden.« Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht Unter dem Arm, und grüßte die Schar—vor allen den Kaiser Tief, und mit innigem Blick'. Erstaunt besann der Beherrscher Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt' er ihn früher gesehen; Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder; Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes Töneten. Still ward's d'rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten, Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten:

»Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen. Sieh', dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter, Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz Strahlt ihm der Heldenmuth—aus den bläulichen Augen die Wahrheit, Liebe, und Treu'. Er sah in die Fluthen: sie saus'ten, und braus'ten, Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens. Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund: Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich Heim zu zieh'n in die Burg, wo sein die Liebenden harren. Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock, Und mit goldener Stol' an der Brust, nachschreitend dem Meßner Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen. Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach Schwemmte den Steg aus dem Grund', und drüben aufjammert die Hausfrau: Hörbar poche der Tod an der Thür', und es lechze der Gatte Nach der Labung, die ihn auf die Reis' in die Ewigkeit stärke. Schnell entblößt' er die Füß' an des Ufers felsigem Abhang, Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen. Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm— Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen. Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer Hüllete, sieh', da führte der Priester das Roß an dem Zügel Ueber den Burghof her, und sagt' es dem Ritter mit Dank heim! Aber er sprach: »Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen: Denn nun sey's der Kirche des Herrn mit dem Feld' an dem Weiher Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!« D'rauf der Priester begann: »So vergelt' es dir Gott, der Erbarmer, Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener Seiner Kirche gethan: stets mög' es dir glücklich ergehen! Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht—sey dieß Geheimniß Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches! Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron' in die Zukunft Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!«

Endete so: da sah'n zugleich die versammelten Helden Staunend, dem Kaiser in's Aug', und erkannten des Grafen von Habsburg Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth. Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so: »Wahrlich, du bist's, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden! Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!« Jener beugte die Stirn' auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen. Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser Sie mit erglühendem Aug': »O denket,« so sprach er, »des Morgens, Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg' ist die Freiheit, Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!« Aber erschütternd braust' ein Ruf aus dem Munde der Helden: »Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!«

Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen—sah mit Ergebung Himmelempor, und entschlummert' im Schimmer der Lamp' auf dem Lehnstuhl. Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht' er, Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit, Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen, Blickte lächelnd ihn an, und sprach: »In düsterem Zeitraum Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt. Ha, nun steh' ich am Ziel! Gelös't, und in himmlischer Klarheit Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen Bitterer Quell', und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn' auf. Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden: »Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben, Retter zu seyn Unglücklicher!« Schon ist die sterbliche Hülle, Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen, Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen. Traure nicht. Ich, und die Mutter—wir harren dein in Gefilden Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend Sinket die Wag', und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung. Denke der Alpenhöh'n, des Greises, und frommen Gelübdes, Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!« Rudolph fuhr von dem Stuhl'. Er wähnte den fliehenden Schimmer Noch an der Decke des Zeltes zu schau'n, und zitterte, starrend Hin, den Gesichten der Nacht. Dann rief er: »Ein furchtbarer Traum war's: Furchtbar und himmlisch zugleich! Mein Hartmann lebt, und mich täuschte Nur der Lamp' aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr' ihn!« Sprach so; streckt' auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder.

Aber nicht herrschte die Ruh' und des Herzens Frieden in Ottgars Zelt: denn eben kehrt' er zurück aus dem finsteren Eichwald Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle Rauschten hinter ihm her, im Gezisch' unseliger Geister. Furchtbar rollte sein Aug', und seine geöffneten Lippen Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin, Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick' in des Oehldochts Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg Fern' auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum, Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen. Dorthin bannt' erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist, Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar, Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen. Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung: »Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös'ter, Willst du dem Vater der Lüge dich weih'n—die unsterbliche Seel' ihm Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen? Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens. Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil' ihn zu söhnen!« Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes, Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald Floh'n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug Kehrt' er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder. Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen, Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken Schauend, vor ihm, und sprach: »Hast du die verhüllete Neigung Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling, Wallstein, früher gekannt, der jüngst in's eigene Schwert sank, Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder. Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad'ligen Nonnen Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet: Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier. Schrecklicher, dein Werk ist's: gar viel des Schlimmen erlebst du!«

Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend. Doch sie sprach von neuem mit Hohn: »Im nächtlichen Grauen Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt' in des Tages- Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz Ueber die Flucht des Böhmenheers—des tapfersten Heeres, Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden, Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!« »Weib, halt ein!« schrie laut der Empörete, »kühn und entschlossen War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward. Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen! Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr. Fort noch heute g'en Prag! Ich sende dir muthige Scharen Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten. Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch. Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug, Schönere Tag' uns blüh'n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.« Sagt' es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie's: nimmer Werde sie ihn mehr seh'n; doch scholl kein freundliches »Leb' wohl!« Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf's Roß, von den Reitern Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen.

Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar, Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau'ns Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag! Stöhnend streckt' er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt. Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen, Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens, Wär' er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken Auf die Knie', zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung. Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen Auf zu dem Himmel, und sah durch leis'aufquellende Zähren, Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ' er Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend, Also begann: »O Herr, nicht geh' in's Gericht mit mir Armen! Ringsum drängt mich die Schuld, wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms, Und einstürzender Berge Geröll. Wo find' ich Errettung Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird? Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet, Ich nicht übt' an den Menschen—ein Mensch? Erhebe die Hand nur, Furchtbarer, straf' mich: denn ich hab' es verschuldet, auf immer! Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch, Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl' ich auf ihr. Im Bewußtseyn Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte, Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen, Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit, Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich, Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten! Ha, der Morgen graut! Ich stehe g'en über den Feinden: Jenem zumal, der mich verhöhnete—mir in dem Herzen Glühenden Haß und Rachsucht weckt'. Ich verzeih' ihm: du heischest Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur, Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker Heiliget, will ich ihm steh'n, und anheim dir stellen mein Schicksal. Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein—dein Wille geschehe!«

Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.