German poem
Den Fall eines Schulfreundes beweinete deszen Bruder
by Johann Christian Günther (1695–1723)
Mein Bruder Jonathan, dein höchstbetrübter Freund, Dein David, weiht dir hier die Pflicht der lezten Ehre. Verzeihe, wo ich dich durch mein Betrübnüß störe, Weil doch die Redligkeit mit meinem Auge weint.
Der Spiegel deines Bluts, aus dem die Unschuld scheint, Fliest nur darum so klar, daß er mein Leid vermehre, Und dein geschwinder Fall giebt aller Welt die Lehre, Wie falsch des Glückes Gunst es mit der Tugend meint.
Ach wunderbarer Schluß! Hat denn dein Vaterland Kein Grab vor deinen Leib? Und muß ein fremder Sand Dein unbeflecktes Herz mit einer Gruft versorgen?
Gedult! Der Kühne Stoß, der dich aus Sodom stößt, Hat durch das Sterben dich der Sterbligkeit erlöst, Und auf dein Abendroth folgt nun ein schöner Morgen.
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