German poem
Kunst die Spröden zu fangen
Ich seh's du kennst sie nicht die Liebe, dacht ich, Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht. Wie leicht wird's seyn, dich zu entzünden, Da du so unerfahren bist? Die Liebe sollst du bald empfinden, Und sollst nicht wissen, daß sie's ist.
Dem Mädgen ward nebst andern Gaben Viel feuriges Gefühl geschenkt, Da meynt's, es denke gleich erhaben, Da es doch nichts als feurig denkt.
Was bey des Jünglings Blikken Ein jedes Mädgen fühlt, War das, was mit Entzükken Sie nur für Freundschaft hielt.
Einst saß sie meinen Lehren Aufmerksam zu zuhören; Da sprach ich: Du must wissen, Daß auch die Freunde küssen, Die Freunde so wie ich und du - Ich wagt' es - und sie ließ es zu.
Nie schmekt ein Mädgen einen Kuß, Die sich nicht nach dem zweeten sehnte. Oft wiederhohlt' ich meinen Kuß, Daß sie sich bald daran gewöhnte. Wenn ich sie sah, und sie nicht küßte, Sprach gleich ihr Blikk, daß sie etwas vermißte.
So schwer ist's nicht, wie ich geglaubt, Dem Mädgen eine Gunst zu rauben; Hat sie uns nur erst eins erlaubt, Das andre wird sie schon erlauben.
Da wagt's mein Arm sie zu umschliesen. Sie ließ es zu. Da wagt's mein Mund die weisse Brust zu küssen. Sie ließ es zu. Doch eilends sprang sie auf. Dich werd ich fliehen müssen, Gefährlicher! rief sie, und ließ nichts weiter zu, Und floh. So weit gelang mir mein Bemühen. Ich folg' ihr langsam, da sie flieht; Denn eher wird sie bey dem Fliehen, Als ich bey dem Verfolgen müd.