German poem
Seelenbündnis
by Josef Willomitzer (1849–1900)
Ich öffne zögernd ihren Brief. Der kleine Brief, was thut er kund? Vielleicht nimmt es Mathilde schief, Dass ich sie lieb’ aus Herzensgrund. Vielleicht hat sie mein Fleh’n erhört, Vielleicht ist all mein Glück zerstört? Ich seufzte tief, Bevor mein Blick das Blatt durchlief. –
Sie schreibt: »Wir wollen Freunde sein Wie Goethe und die Frau von Stein!« Da ruf’ ich jubelnd: Frisch voran! Dem Glück will ich entgegenzieh’n. Im Flug trägt mich die Pferdebahn Zu meiner Göttin Tempel hin. »Komm an mein Herz, du süsses Glück!« Ruf’ ich ihr zu. Sie weicht zurück Und staunt mich an: »Wie könnt Ihr mir so stürmisch nah’n? Wir wollen doch nur Freunde sein Wie Goethe und die Frau von Stein.«
Und nun erzählt sie mir genau, Was sie gelernt im Pensionat Vom Seelenbündnis jener Frau Mit Goethe, dem Geheimen Rat, Wie tadellos und einwandfrei Der zarte Bund gewesen sei. – »Mathilde, schau, Was Du da sagst, ist mir zu blau. So wird es nicht gewesen sein, Denn Goethe, der war nicht von Stein!« Da widersprach sie hochgemut, So ging die Rede hin und her. An Worten gab es eine Flut, Ein weites sturmbewegtes Meer. Es schwoll die Flut, es wuchs der Zank, Bis blutig flammend die Sonne sank … Und kurz und gut: Dann küssten wir uns in Liebesglut So ganz allein im Kämmerlein Wie Goethe und die Frau von Stein.