German poem
Licht und Wärme
by Karl Gustav Brinckmann (1764–1847)
An Alexander v. H. bey Übersendung eines Lukrez. Du, dessen Genius so früh des Himmels Strahlenfackel raubte, als die Natur ihm Flügel lieh, damit er dankbar einst an Sie und keine fremde Gottheit glaubte; der mit entfesseltem Genie und kühner Schnellkraft der Gedanken das Räderwerk der Weltenuhr umspannt, die mystische Natur enthüllt, und ihre Zauberschranken verfolgt auf ahndungsreicher Spur, die dunkeln Räthsel aufzuhellen, um welche noch ein Schauer schwebt, vor dem der Denker selbst erbebt, bis er, berauscht aus Lethes Quellen, die Täuschung der Theosophie auf ihres Heiligthumes Schwellen des Weltalls ewige Magie als Wahrheits-Göttin aufzustellen; –
Du, dessen nie erschöpfter Geist die feinste Blume des Genusses der Kentniß Felsenhöh’n entreißt, und dann am Strand des Lebensflusses mit frischem Reitz sie blühen heißt; für dessen Blick in allen Räumen der unermeßlichen Natur kaum leichte Wölkchen den Azur des freien Horizonts umsäumen, indeß mit Ahndungen und Träumen kein Dämon je sein Herz beschwur; der am bestürmten Ozeane der grenzenlosen Ewigkeit nicht glüht und stampft im trunknen Wahne, nicht auf der Hofnung morschem Kahne den eitlen Trotz zu spät bereut; der mit dem zarten Nervenspiele vertraut, wie mit dem Schwung der Welt, der Menschheit kränkelnde Gefühle für keine Götterfunken hält; der in der Blüte Nahrungssäften das nähmliche Gesetz entdeckt, das mit verborgnen Zauberkräften in Neutons Stirn Ideen weckt –
O Freund ! seitdem so mancher Schleier des Aberglaubens niedersank; so mancher Weise, von dem Feuer der Sehnsucht hingerissen, freier am Quell der Wahrheit, Wollust trank, komm, lehre Du, in hellern Zeiten des Wahns, ein beßrer Epikur, mich würdig auf Lukrezens Saiten der nimmer älternden Natur ein heilig Loblied zu bereiten.