German poem
Abendphantasie
by Karl Philipp Conz (1762–1827)
Die Phantasie, des Himmels schönstes Kind, Kommt auf Gewölk von Rosen hergezogen; Der Abendsonne Zauberdüfte sind Schon vor ihr her den Bergen angeflogen:
Romantisch liegt vor mir das kleine Thal, Vom nahen Wall der Hügel still begränzet, Um die ersterbend schon der letzte Strahl Der Sonn’ im Kampfe mit den Schatten glänzet;
Die fallen jetzt hernieder in das Land; Das Schauspiel dort der Ferne tritt zurücke; Die Welt verengt an dichter Nebelwand Allmählich sich des Spähers irrem Blicke.
Ein Schweigen, wie der Ruhe Schweigen, zieht Sich rings umher durchs dämmernde Gefilde, Auf das herab schon Hespers Fackel glüht: Verschwunden sind vor mir des Tags Gebilde.
Die Nebel fliehn; der Sterne Welt geht auf; Sie blinken Aug an Auge schon am Himmel: Frey wandeln sie jetzt den gewohnten Lauf, Den festlichen, in seligem Gewimmel.
Mein innres Licht wird durch ihr Licht erhellt: Es tagt in mir; ich wähne, neue Augen Gehn in mir auf, die Wunder jener Welt Voll Pracht und hoher Schönheit einzusaugen.
Der Gottheit Strahl berühret mich und reißt Mich hoch empor, weit über niedre Zonen Hin wo der Quell der ewgen Wahrheit fleußt, Und die Gestalten alles Guten thronen.