Versos German Karl Philipp Conz Die Seele

German poem

Die Seele

by (1762–1827)

Listen in the reader

Empfindung, ewigreiche Quelle Der an die Sinnlichkeit geknüpften Lust und Pein, Du wirfst in treuer Spiegelhelle Zurück der Dinge Wesen oder Schein, Bist der Gedanken Born, worin die Embryonen Der Tugenden und Laster wohnen: Wer mißt dich aus? Weß Aug ergründet ganz Die magischen geheimen Spiele In dir, die Zauberwelt der wechselnden Gefühle, Jetzt ihren Harmonieentanz Und jetzt ihr regellos Gewühle. Hier sprosset Freundschaft, keimet Liebe Und Hochgefühl mit jeder edlen That Bewunderung: Hier sproßt die schöne Saat Der reinen unverfälschten Triebe, Die, wuchernd durch Vernunft, der Menschheit sich allein, Fremd niederm Eigennutze, weihn.

Du Angeld auf ein beßer Land, Sey, hohe Freundschaft, mir gesegnet, Wo, durch des Adels gleichen Ton verwandt, Durch gleichen Sinn geweckt, der Geist dem Geist begegnet! O süsser Tausch, in Wesen seiner Art, Wenn Seel’ und Seele sich zum hohen Bunde paart, Sich mit den leisesten Gefühlen wieder finden, Sein Selbst in fremder Lust, in fremdem Schmerz empfinden. Wo du mit deinem Götterblick, O Freundschaft, weilst, da weilt des Himmels Friede, Da weilt mit allen Segnungen das Glück, Und manche That, die in der Nachwelt Liede Noch lebet, keimt: du leihst dem Geiste Schwingen, Und hebst ihn über sich empor, Lehrst niedere Begier ihn unter sich bezwingen, Und öffnest ihm der Ehre Thor: Das junge Leben wird durch deinen Reiz erhöhet, Und ferne Hoffnungen, erwärmt von deiner Hand, Gehn schöner auf; von deinem Hauch umwehet, Lacht himmlischer vor ihm der Zukunft Zauberland.

Der Vorwelt herrliche Heroen, Die Theseus und die Pirithoen, Beschwuren einst am festlichen Altar, Auf welchen Blut und Wein die ernste Weihe war, Den Todesbund durch dich für drohende Gefahr, Für Noth und Tod: dann stürzten sie die frohen Verschlungnen Seelen in die kühne Schlacht, Und niedersank des Drängers tolle Macht; Es schwang der Sieg den goldnen Flügel Ob ihrem Bund, es ehrte selbst das Glück Die Tugend hier mit der Belohnung Blick: Da scholl’s die Thal’ hinab, da rauscht’ es durch die Hügel: Triumph! Triumph dem Vaterland! Triumph dem neuen Brüderband!

Herab aus des Olympusland, O Wonne! stieg einst zu der Erde Söhnen Die Liebe an der Freundschaft Hand, Mit jeder Freude Blüthe sie zu krönen, Und hell in nie bemerkten Tönen Erklang die Luft und jedes Herz umher, Und alle Seelen fühlten himmlischer.

Wo Liebe, von den jungen Horen Begleitet, kommt, wo leise, gleich Auroren, Sie ihren Morgenstrahl, den Tag der Seeligkeit Herab in junge Herzen streut, Hat seine Macht das Glück und selbst der Tod verloren. Des Lebens neue Schöpfung hebet an, Es füllt die Brust ein ungenanntes Sehnen, Ein süsser nie gefühlter Wahn, Der mehr als Wahrheit gilt, reißt uns jetzt himmelan, Und scheint der Seele Fittiche zu dehnen, Und an der wachsenden Begier, Mit Wesen um dich her dich zu vereinerleyen, Siehst du die Schöpfung sich in jungem Reiz erneuen: Ein Paphos wird die Erde dir, Es strahlt in schönem Wiederscheine, In mildern Lichte die Natur, Es duften würziger die Haine, Und, neu und magisch, bannt dein Auge dir die Flur; Der Bäume Grün scheint dir zu leben, Melodischer entzückt dein Ohr das Waldgetön, Den Himmel hat ein luftig Gold umgeben, Die Erde sahst du nie so schön. So ists dem Wanderer, der lang Durch Nacht und Ungewisheit irrte, Wo, unterbrochen nur von heischerem Gesang, Das Graun der Einsamkeit, der Nebel ihn umflirrte, Wenn jetzt mit Eins das neu geborne Licht In jugendlicher Kraft den dunkeln Hain durchbricht, Und Tag und Himmel liegt neu vor ihm aufgeschlossen: In jedem Zauberreiz hold, wie ein Feenland, Das goldner Schimmer übergossen, Staunt er die Gegend an, und weilt wie hingebannt: Hat eine zauberische Hand Den Schleyer ihm vorm Auge weggezogen? Vom süssen Sinnenspiele süß betrogen, Ists ihm, als hätt’ er dieses Land, In Träumen längst, und jetzt in Wahrheit erst erkannt.

Die ihr an reine Liebe nimmer glaubet, Die ihr, versenkt in thierisch-niedre Lust, Hinweggerissen von der Wahrheit Brust, Der Güter köstlichstes euch selber früh geraubet, Ihr Sinnensklaven sagt, und, wär’ es auch ein Wahn, Was konnte je den Geist zu solchem Thatenleben Beflügeln und zum Göttlichsten erheben, Wie es der Gott in uns, der Liebe Geist gethan? Du trauriger! der nur sich selber lieben kann, Im weiten All wie einsam und verloren Stehst du! Wie gähnet dich die schöne Erde an, Und der Natur Konzert ist Mißlaut deinen Ohren!

Diotime! wie spricht an meine Seele Dein holder Name süß, wie Klang der Philomele! Du hast den goldnen Zweig im Myrthenhain gebrochen; Durch heilige Symbole hat Die Göttin einst in Wort und That Uranie zu dir gesprochen: Dir hat sie ihrer Liebe Rath Und ihren Geist und Reiz, der nimmermehr veraltet, Und ihre himmlischen Mysterien entfaltet: Was du im Heiligthume dort gehört, Hast du, mit deiner Pytho Feuer, In lichter Bilder schöne Schleyer Gehüllt, die Sokrate’s und Platon’s einst gelehrt. Neigt Herz und Ohr dem Liede her! Ich sing’ euch ihre schönen Kunden, Die sie in hohen Weihestunden Vernahm durch die Olympier.

Die Töchter der Nothwendigkeit Beherrschten noch die Welt, es schlangen noch die Bande Des Friedens und der Einigkeit Nicht um die Menschen sich, es raste noch der Neid, Es schwärmte wild umher die zügellose Schande, Selbst beym Ambrosia, beym Nektar tobte Streit: Die Selig-müssigen, die Götter selber lagen, Versucht von manchen harten Plagen, Mit sich und mit den Riesen oft im Kampf: Wer hörte nicht der Vorwelt grause Sagen, Und zeugt den Sagen nicht noch Aetnas Feuerdampf? Aus Mangel und aus Wesen schuf die Zeit Den Gott der Liebe dann, und zur Geselligkeit Ward Erd’ und Himmel jetzt neu durch den Gott geweiht: Der Friede schüttelte sein duftendes Gefieder; Mit weicherem Gefühl stieg frohe Einigkeit Zur neugebornen Menschheit nieder.

In Garten Jupiters war einst, von Nektar trunken, Des Ueberflusses Gott in süssen Schlaf gesunken: Schwühl war die Luft, ein naher Lorberhain Schloß unsren Schlummerer in süsse Schatten ein: Krystallen unter ihm floß eine Murmelquelle Der Grotte Dämmergrün verwehrte mild das Licht, Und linder West umfächelte die Welle, Umfächelte des Gottes Angesicht, Der hier, an Ueppigkeit, an Kraft und Schönheit reich, Dem jugendlichen Bacchus gleich, Die Adern sanft geschwellt vom weinerhitzten Blute, Vom sel’gen Nichtsthun ruhte.

Von Schlummer leicht entstrickt die Glieder, Lag er, es wallt’ um Nacken und um Brust, Wie Eppich, sein Gelock in losen Ringeln nieder; Sein Athem wehete die Hauche süsser Luft. Wars Absicht oder Ungefähr? Die Mangelgöttin kam hierher, Sie sah den Gott und blieb wie angewurzelt stehen, Und konnte sich nicht satt am schönen Schauspiel sehen; Durch ihre Adern zückt der Wollust süsse Pein, Zum seelenwechselnden zum innigsten Verein Pocht an die volle Brust ihr höher das Verlangen.

Sie will und kann nicht fliehn: Auf einmal, wie der Wind Die Rose fächelt, wehet lind Ihr Kuß auf Poros Rosenwangen: Schon ist der Gott erwacht und hält sie froh umfangen, Und drückt mit ungestümmer Lust, Zu welcher Wonn’ erwacht! sie feurig an die Brust, Und in Entzückungen sind beyde jetzt verlohren: – Die süsse Stunde hat der Liebe Gott gebohren.

Dich soll ich jetzt besingen, Unausgesungne wunderbare Kraft! Ins Land des Lichts hat oft auf schönen Schwingen Dein Genius mich fortgerafft. Dich Mutter hoher Ideale, O Phantasie, an deinem Sonnenstrahle Verklärt in reinerm Lichte sich die Welt Und herrlicher im Morgenschmuck erheben, Wenn deine Fackel sie erhellt, Sich ihre Bilder all in jugendlichem Leben. Preis ihr der Freudenschöpferin! Die Lieder die sie schenkt sind Opfer ihrer Ehre: Nein! Nur Vernunft, die Geisterkönigin, Verdient noch mehr wie sie der Sterblichen Altäre.

Was in den Gegenden des Möglichen von Schöne, Von Größe liegt, erobern wir durch sie; Durch sie vernehmen wir die Töne Der hohen Weltenharmonie: Wenn ihre Säusel wehn, wenn ihre Zauberhalle Das Ohr berühren, faßt ein Göttliches uns an; Der Erde niedrige Metalle Sind Gold vor ihrem Talisman: Sie sprengt der Zukunft ehrne Riegel Das unsichtbare Reich erobert ihre Macht, Beschwört Vergangenes herauf, und schöner lacht, Umstrahlet von der Göttin Flügel, Die Gegenwart, es tagt vor ihr die alte Nacht, Die Welt umher glänzt wie ein Sonnentempel, Und das Alltägliche trägt ihrer Gottheit Stempel, Zeugt es, Dämonen eurer Zeit! Miltone, Shakespears und Homere! – Sie künden, Herrliche, den Menschen deine Ehre: Sie zwangen die Vergessenheit; Es strahlet, ewig jung, durch jedes Leben weit Ihr Tag umher, wie eine Sonnensphäre, Und ihre Namen hat Mnemosyne geweiht.

Mnemosyne! Mein Saitenspiel Soll ohne Preis dich nicht vorübergehen: Zevs hat der holden Töchter viel, Die sich mit weiser Lust und Harmonie und Tanz Vor seinem goldnen Thron ergehen, Es soll in meiner Lieder Kranz Auch eine Blume dir, du süsse Göttin, wehen. Wie traurig ohne dich und eng wär’ unser Leben! Dir hat er die Vergangenheit, Entschwundne That und Lust, das Jahrbuch alter Zeit Zu sicherer Bewahrung übergeben. Was wir gedacht, gelernt, hältst du mit treuer Hand In deiner milden Segenskammer, Und giebst dem fordernden Verstand Zu wirthlichem Gebrauch zurück das edle Pfand. Die Freude, wann sie flieht, ist ewig nicht verbannt: Am Aschenkruge lehnt mit dir der stumme Jammer: Nach altem Schmerze zieht wehmüthig-süsser Schwung Den Geist, und seine Trauerbilder Sind ihm geheiliget durch dich, o Göttin! Milder Wird Freud und Leid durch die Erinnerung!

Ja, himmlische Empfindung, meinen Segen Und meines Herzens vollen Dank Bringt mein durch dich begeisterter Gesang Dir zum gerechten Zoll entgegen. Wem, bey dem Eintritt in das Leben, Der Charitinnen Weihekuß Die Stirn berührt, und wem Natur zum Mitgenuß Ein fühlend Herz und zarten Sinn gegeben: Nur der kann über Pöbellust Und niedre Freuden sich, der Glückliche, erheben: Oft werden Schauer seine Brust Im Mondenschein, im Sternenlicht durchbeben: Er wird die Stimmen der Natur, Der Mutter hohen Geist und großes Herz verstehen, Den Frühling herrlicher durch die erwachte Flur, Die Sonne segnender am Himmel wandeln sehen; Im Wettersturm und in der Weste Wehen Erkennen seiner Göttin Spur: Ihm träuft Begeisterung von steiler Felsen Höhen, Ihn schrökt zerrißner Himmel Aufruhr nicht; In blizversengten Eichenwipfeln Und in verbrannter Berge Gipfeln Kennt er ihr liebend Angesicht.

Im Blumenthal, im bunten Schmelz der Aue, Vom jungen Bienenvolk umschwirrt, Durch das mäandrisch dort das stille Bächlein irrt, Verweilt sein Auge gern, es schmelzt im Morgenthaue Sein Herz, die Gegend um ihn her, Von leichtem Silberflore übersponnen, Gleicht einem Tempe jetzt, von hellen Tropfen schwer Blinkt ihm der Buchenhain in tausend jungen Sonnen. In ungefärbtem Glanz wird er die Schönheit sehn, Sie, tausendfach geschmückt, von hohem Reiz umflossen, Und ihr Gewand in Wellenlinien Zu ihren Füßen leicht herabgegossen, Verändert und doch Eins, die Göttin ohne Tadel, Und ihren Schmuck und ihren Geistesadel In ihren äusseren Erscheinungen verstehn

An das Unendliche wird sich sein Fittich wagen, Mit schröckenden Gebürgen hoch empor Gen Himmel seine Seele ragen, Begeisterung bis zu der Gottheit Thor Ihn mit verwegnem Fluge tragen, Am gränzenlosen Ozean Der Wasserwelt, am höhern uferleeren Der Sternenwelt sucht er sich neue Bahn, Der Wogen lauter Gang, der stille Lauf der Sphären Wird ihm des Ewigen Gefühl beredter lehren. Oft wandelt einsam er, beym goldnen Sternenschein; Betrachtung senkt sich zu ihm nieder, Ein süßer Schreck durchzittert seine Glieder: Wie fühlt er im Unendlichen sich klein, Und im Unendlichen wie groß sich selber wieder! Gewurzelt steht er da in dieser Wollust Schwühle, Verlohren in das Meer entzükender Gefühle.

Zur Sittenwelt hat ihm mit treuer Hand Die Sinnenwelt den Schlüssel übergeben, Die beyden knüpft ein heilig Band, Und in einander fließt der beyden zartes Leben: Hat jene ihre Größe nicht Und ihrer Milde Geist und ihrer Schönheit Licht In die mit großen Ziffern eingeschrieben? Wer die Natur nicht liebt, kann keinen Menschen lieben Wer sie nicht fühlt, der Stiefsohn der Natur, An ihr nicht hängt mit innigem Ergözen Verlohren hat er sich auf diese Erdenflur; Er sey verdammt zu schnöden Schäzen, Zu Geld und Gut, verdammt zu niedrer Wollust Lüsten, Verstossen ist er von der Mutter Brüsten. Der Menschheit himmlische Beglaubigung der Thränen Wie süsser Thau hat nie sein Auge noch erhellt,

Nie seinen Busen warmes Sehnen Nach schöner Hülfethat geschwellt. Das Mitleid kennt er nicht, bey seiner Brüder Schmerz Wird nie ihm eine weiche Zähre rinnen, Nie wird in süsser Sympathie sein Herz Mittheilend sich erfreun und fremdes ihn gewinnen:

Der reinen Freuden Zauberland Ist ewig ihm verwehrt; sie, die mit holder Hand Des Lebens Faden schöner spinnen, Die Töchter froher Harmonie, Die schmerzenlindernden, die süßen Pierinnen, Vernahm sein Ohr, ersah sein Auge nie: In ihrer Grotte wird ihm nie ein Lied gelingen: Er darf den Thyrsus der Begeisterung nicht schwingen.