German poem
Mama
by Karl Siebel (1836–1868)
Durchs grün umrankte Fenster blickt Die Sonne ins Gemach. Grossmutter sitzt und nickt und strickt, Sie nickt den ganzen Tag. Ihr Haar ward weiss; es grub die Zeit Viel tiefe Furchen ein. Zu ihren Füssen tändelnd kniet Ihr jüngstes Enkelein.
„Was nickst du denn so immerzu?“ Die kleine Unschuld spricht; „Grossmutter! gar nicht schön bist du! Dein Haar gefällt mir nicht – Und überm Auge auf der Stirn Die grosse Falte da! Es ist Mama viel schöner doch! Wie schön ist doch Mama!“
Grossmutter sieht den Liebling an: „Schönheit vergehet bald! Das Alter hat’s mir angetan, Und auch Mama wird alt!“ „Mama!?“ – Des Kindes Aug’ umzieht Ein Hauch von Kümmernis – „O nein! Mama bleibt immer schön, Das weiss ich ganz gewiss!“