Versos German Karl Stieler Im Dialekt

German poem

Im Dialekt

by (1842–1885)

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Es ist um Sonnwendzeit; auf allen Wiesen Steht noch der erste hohe Blumenflor; Die Glocken lugen aus dem Gras hervor, Die Heckenrosen überm Wege spriessen, Und fröhlich zieht die Herde mit Geläut Zur Alm in blaue, stumme Einsamkeit. Das ist die Wanderzeit in Bergeshöh’, Und tagelang zog ich dahin im Walde Durchs Felsgestein und durch die duft’ge Halde Und lagerte am klaren Alpensee. Am Berghang aber, unterm Felsenkahr, Da lagen traut die braunen, kleinen Hütten, Und wenn ich abends müd’ vom Wandern war, Bin ich so gern durch ihre Thür’ geschritten. Es sass am Herd die blonde Sennerin; Ich aber setzte mich daneben hin; Auf ihre Wangen fiel der Feuerschein, Das knisterte so leis; hell klang darein Und Silberlachen, wenn ich dann sie neckte Und Almenrosen ihr ans Mieder steckte. Bald schien von allen Bergen in der Rund’ Mir der der schönste, wo ihr Hüttlein stund. So schien zur Forschung keiner sich zu eignen; Ich mass den Weg und prüfte das Gestein, Und schliesslich trat ich in die Hütte ein … Ich war verliebt – das war nicht mehr zu leugnen. Und was Poeten, die verliebt sind, thun, Das weiss man. Ach, es liess mich nimmer ruh’n! Fast jeden Tag bracht’ ich ihr ein Gedicht Und las es vor, voll Pathos das Gesicht, Wo ich »Elisabeth« mein Lisel nannte Und Tropen brauchte, die sie nie erkannte. Im Anfang sass sie ganz verdutzt zur Stelle, Dann warf sie ihren Goldzopf ins Genick Und lachte schallend – niemals klang Kritik So überzeugend mir und silberhelle.

Stumm ging ich weg – dann kam’s mir, wie ein Licht – (Man sagt ja, dass die Liebe findig macht) Drum dacht’ ich: Fort mit dieser Tropenpracht! Sprich doch zu ihr, so wie sie selber spricht! Da stellt’ ich in den Stall den Pegasus, Noch angeschirrt à la Virgilius, Und fing mir flugs in meinem Herzeleide Ein schmuckes Bauernrösslein von der Weide. Mit einem Juhschrei hab’ ich’s angetrieben Und ’s erste Lied – im Dialekt geschrieben. – Als ich zur Alm kam und vom steilen Grat Ins Felskahr stieg, den alten kühnen Pfad, Da stand die Sennerin im Wiesengrunde Und jauchzt’ empor, die Hand am roten Munde. Und wieder trat ich in die Hütte ein; Mir war zu Sinn, als wär’ sie doppelt mein; Dies russ’ge Dach und dies Gerät, das blanke, Dazu das Mägdlein, das gelockte, schlanke, Der Hausaltar mit den geweihten Zweigen … Als wär’ dies Leben nun erst ganz mein eigen. Durch du Gebälk floss feines Sonnenlicht, Am Herde lehnend horcht auf mein Gedicht Die blonde Sennin – mir erschien es schlecht, Sie aber jauchzte: »Jetzt, ja jetzt ist’s recht!« Das wir die Mundart, die ihr Herz gewohnt, Und in der Mundart ward ich auch belohnt. Um meine Schulter schlang sie ihren Arm – Das war ein Kuss, so herzig und so warm, Wie Walderdbeeren hat der Kuss geschmeckt: Ich spür ihn noch. – So lernt man Dialekt!