German poem
Prolog
by Kurd Laßwitz (1848–1910)
Wenn Frauen jedes Vorwort überschlagen Und Männer alles, was an Verse streift, So darf man, hoff’ ich, von dem unsern sagen, Daß es zum höchsten Ziel der Kunst gereift. Denn rein als Selbstzweck wird es vorgetragen, Weil jeder gleich zu Text und Prosa greift; Der Autor liest es ganz allein von allen — So wird es sicher „allgemein“ gefallen.
Doch ein Programm, auch wenn es niemand hört, Soll im Prolog ästhetisch uns verpflichten. Das schickt sich so! Und wer nicht willig schwört Zu unsrer Fahne — nun, der mag verzichten. Er gilt uns selbstverständlich als bethört, Begreift uns nicht und braucht uns nicht zu richten — Vorausgesetzt, daß er zu tadeln fand, Denn loben darf auch, wer uns nicht verstand.
Wir werden also erstlich deduzieren, Warum die Seife wohlgefallen muß; Wir werden dann die Kugel demonstrieren Als Form für den berechtigten Genuß. Und sollten wir trotzdem nicht reüssieren, So bleibt uns keine Rettung zum Beschluß Als aus den Grenzen wachsamer Doktrin Ins Reich der Dichtung ohne Paß zu flieh’n. Wollt ihr die Zeit gewissenhaft verwenden, Studiert zuvor ein Lehrbuch der Chemie; Denn Seifenblasen kann man erst entsenden, Wenn Fett gebunden sich an Alkali. Und weil sich Kunst wird anders nie vollenden Als durch Natur und wahre Empirie, So übt nur brav die Seifensiederei — Dann will ich lehren, was das Schöne sei.
Ihr denkt vielleicht, schön sei der lichte Thau Im Morgenschein am grünen Bergeshange? Schön sei das Auge der geliebten Frau, Die sanfte Glut, gehaucht auf ihre Wange? Verzeiht! Was schön ist, wissen wir genau Und wir behaupten’s mit der Wahrheit Zwange: Schön ist, was von Interesse frei sich hält, Nicht als Begriff, doch allgemein gefällt.
Und durftet ihr so leicht, was schön ist, lernen, (Ich hoffe doch, daß jeder es kapiert,) Gebt acht, ob wir auch nirgend uns entfernen Von der Erklärung, die wir acceptiert. Der gilt uns wenig unter den Modernen, Der nicht als Künstler theoretisiert Und schnell für sein ästhetisches Interesse Sich ein Organ begründet in der Presse.
Nun denn — Wer zweifelte, daß Seifenwasser Das Wohlgefallen allgemein erregt? Brummt dort vielleicht ein dunkler Menschenhasser, Wenn man das Haus durchscheuert, kehrt und fegt? Mit Unrecht schilt der zürnende Verfasser, Wird ihm dabei ein Manuskript verlegt, — Denn hin und wieder eingeseift zu werden Ist schließlich doch der Dinge Los auf Erden. Doch halt! Ist nicht Begriff die Seife nur, Wenn zum Objekt des Denkens wir sie machten, Statistisch als den Maßstab der Kultur Und nicht von Interesse fern sie dachten? Um frei zu wandeln auf der Schönheit Spur Gilt’s ohne Zweck die Seife zu betrachten, Nicht weil sie reinigt, sondern in der Reinheit Der bloßen Form zwecklos bezweckter Einheit!
Als Seife zwecklos, doch als Form bezweckt? Wer wagt es, dieses Dunkel aufzuhellen? Wohlan! Die Lösung haben wir entdeckt, Seit uns gelungen, das Problem zu stellen. Es wird der Stoff geläutert und gestreckt, Und wenn sich dann die feinsten Schaumlamellen Geschlossen zur vollkomm’nen Spannung runden, Hat Formenzweck den Stoffzweck überwunden!
So sei als Seifen-Idealgestaltung Die Form der Kugeln einzig uns gepriesen! In ihr kommt alles Leben zur Entfaltung Und alle Einheit rundet sich in diesen. Und da wir so mit philosoph’scher Haltung Das Recht der Seifenblasenkunst erwiesen, Laßt endlich der Ästhetik uns entsagen Und in der eignen Traumwelt frei behagen!
Um heut’gen Tags phantastisch uns zu zeigen Verschmähen wir den unmodernen Tand, Das Flügelroß der Musen zu besteigen Zum Ritt in der Romantik altes Land. Ganz andre Mittel sind der Neuzeit eigen Bei der Aëronautik hohem Stand: Ein Wink, und auf der Schaum-Montgolfière Frei schwimmen wir im Glanz der Atmosphäre. Ein Strohhalm und ein wenig Luft genügt — Und Stroh und Luft gehören zu den Dingen, Worüber stets des Dichters Kopf verfügt — Das trübe Naß zur lichten Form zu zwingen. Ein leichter Ball, der tausend Farben lügt, Hebt aus der Körper schwerem Stoff die Schwingen Und bannt die Welt in seinen bunten Spiegel — Ein Spiel und doch ein Rätsel voller Siegel.
Im Spiele darf das Wunder sich begeben, Denn nur die Wirklichkeit ist rauh und scharf. So spielen wir! Und was im ernsten Leben Mit Recht der kritische Verstand verwarf, Die freie Laune wagt’s emporzuheben, Weil sie der eignen Thaten spotten darf. Ein Kind der Stunde, lächelnd aufgestiegen, Läßt sie die Seifenbälle sorglos fliegen.
Schwebt hin und schillert! — Ob das Spiel euch tauge? Ein rauher Griff, die Farbenhülle bricht Und in der Hand bleibt nur ein Tröpfchen Lauge — Vielleicht geriet die ganze Mischung nicht. Doch grüßt euch liebevoll ein Freundesauge, Vor dem ihr schimmern dürft im Sonnenlicht, Und bleibt es nur ein Weilchen euch gewogen, So seid ihr nicht umsonst hinausgeflogen.