Versos German Kurd Laßwitz Unverwüstlich

German poem

Unverwüstlich

by (1848–1910)

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Was marterst du das arme Hirn Mit Fragen und mit Schlüssen? Komm her und laß dir von der Stirn Die finstern Falten küssen! Mit Sorgen hast du nachgedacht Dem Laufe dieser Dinge Und zweifelst, ob der Liebe Macht Den Weltprozeß bezwinge?

Wenn ich dir in die Augen schau’, Die lieben, klaren Augen, Dann wissen wir ja ganz genau, Warum wir für uns taugen. Wir waren stets uns zugesellt, Willst du dich recht entsinnen, Seitdem im Raum sich dehnt die Welt Und seit die Zeiten rinnen.

Ich glaube, daß du neben mir Zum Centrum dich gerichtet Zuerst, da als Atome wir Zur Sonne uns verdichtet. Wir flogen dort schon Arm in Arm Beim ersten Gravitieren, Und wurden so gemeinsam warm Und konnten oscillieren. Und als der Nebelring in Glut Geschleudert ward ins Weite, Nicht sank uns der Atomen-Mut, Du flogst mir zum Geleite. Und als die Erde sich geballt, Da hielt es uns nicht länger, Uns band der Liebe Vollgewalt Im Molekül noch enger.

Doch ach, entsetzlich war die Zeit! Kaum mag ich mich erinnern; Wir wurden grausam bald entzweit, Mich trieb es nach dem Innern, Dann sucht’ ich, ach, von Ort zu Ort Umsonst, die ich erkoren, — Ich glaubte schon, es riß dich fort, Als wir den Mond verloren.

So lebten fern wir und allein Millionen wohl von Jahren; Mein Herz, mein Herz war ewig dein — Erst spät hast du’s erfahren. Als das Geschick von dir und mir Sich endlich ließ erbitten: In der Grauwacke krebsten wir Als kleine Trilobiten.

Als in der Kohlenformation Wir dann uns wiederfanden, Warst du ein Labyrinthodon, Ich lag in deinen Banden. Auf deinen holden Wickelzahn Sang ich ein Lied alsbalde, Sah ich dich mir von ferne nah’n Im Sigillarienwalde. Im Trias und im Jura auch Und im System der Kreide Warst du nach treuer Liebe Brauch Mir Trost und Augenweide. Wir wurden endlich miocän Und Säugetier-gestaltet; Und selber in der Eiszeit Weh’n Sind wir uns nicht erkaltet.

Und immer klüger wurden wir, Als Jahr’ auf Jahre gingen; Ich bin gewiß, nur neben dir Konnt’ ich’s zum Menschen bringen. Denkst du daran, wie um und um Vor uns die Tiere zagten, Als wir noch im Diluvium Den Höhlenbären jagten?

Mit meiner Axt von Feuerstein Hab’ ich in jenen Tagen Rhinocerosse kurz und klein Zur Freude dir geschlagen. In unsrer Höhle saßen wir Aus Knochen Mark zu saugen, Und schon wie heute sah ich dir In die geliebten Augen.

Und wo wir auch im Lauf der Zeit Noch später uns getroffen, Du warst allein in Lust und Leid Mein Sehnen und mein Hoffen, Ob wir am heil’gen Nilusstrand Zum Isissterne blickten, Und ob wir im gelobten Land Vom Stock die Traube pflückten; In Aphroditens heil’gem Hain In stillen Mondesnächten, Wie in des Cirkus dichten Reih’n Beim grimmen Todesfechten; Nach blutiger Barbarenschlacht Im Flammenschein der Städte, In deutscher Kirchen dumpfer Nacht Bei Weihrauch und Gebete.

Und heute wieder ganz modern Lieb’ ich dich ohne Maßen. Ich grüße höflich dich von fern, Treff’ ich dich auf den Straßen. Dein Bild, gemalt vom Sonnenstrahl, In meiner Tasche trag’ ich, In Versen meine Liebesqual Dir durch die Reichspost sag’ ich.

Es zischt der Dampf, es saust das Rad, Es regt sich ohne Endnis. Es ringt die Welt mit Wort und That Nach freier Selbsterkenntnis. Und wenn zu neuem Leben wir Hier wiederum erwachen, Dann fahr’ ich durch die Luft mit dir, Sturmgleich, im Flügelnachen!