Versos German Kurt Tucholsky Lamento

German poem

Lamento

by

Listen in the reader

Lamento Von Theobald Tiger

Wenn ich bei meiner Marmeladenstulle (tief liegt im Schrank die teure Silkapulle) – wenn ich als weiser und gereifter Mann mir so den Weltenlauf genau betrachte, und wer und was den großen Brand entfachte –: kömmt mich ein tiefes Weh im Bauche an. Und alle meine innern Sinne singen: Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Da stehn am Königsplatz vor Zivilisten die Herren, die, in strammer Uniform, verknackten damals alle Pazifisten. – Was war der U-Boot-Krieg? „Na, janz enorm!“ So lang enorm, bis alle Kräfte splittern. Und dennoch hörst du heut von diesen Rittern das alte Lied genau so laut erklingen … Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Die Kohle fehlt. Die Arbeit stockt. Die Züge sind auf der offnen Strecke eingeschneit. Und doch – in dieser jämmerlichen Zeit – steht auf der fixe Agitator mit der Lüge. Ideen? Und Geist? I, nicht doch diese Töne! Es geht durchaus und nur um höhre Löhne – Wofür die Väter auf die Barrikaden gingen … Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!

Und doch, wenn alle dicken Stricke reißen –: Der Kientopp spielt. Die bessern Stücke heißen zum Beispiel: Schicksalsstunde im Bordell. Und: Julchen in dem Lebemannshotel. Es staunt das Volk. Da kann man noch was lernen. – – – – – – – – – – – – – – – – Mein Sang steigt auf zu fühllos kalten Sternen: Du lieber Gott! sag ich. Und dann, vor allen Dingen: Du guter Götz! Du Götz von Berlichingen!