German poem
Arco naturale
by Marie Eugenie Delle Grazie (1864–1931)
Von trotz’gen Titanenhänden In die Felswand gerissen, ringsum Wie von versteinten Ungeheuern Bewacht von phantastischen Klippen, öffnest O Bogen, du mir deine Wunderschau, Die herzberückend-augenblendend-schöne!
Wie kreisender Schwindel Erfaßt’s mein Hirn: Denn über mir wölbt flirrend Der Äther sich, und unter mir strahlt Sein Abbild herauf: das Meer, Zusammenfließend in eine Unendlichkeit Mit ihm, der welt-umspannenden Götterheimat!
Dionysischer Rausch Durchtobt dir die Seele – Lockt die Höhe? Verführt die Tiefe? Du weißt es nicht – doch herniederzieht’s Den Willen dir in trunk’nem Selbstvergessen Und Tod wär’ hier – Genuß!
Die Himmlischen aber, Die mit Sonnenfesseln des Aug’s Den Menschen geknüpft an’s Dasein, Und ihm das Leben begrenzt Durch Schranken der Schönheit, damit Erhabenheit ihm nicht Die Seele verwirre und In’s Bodenlose reiße den Schwindelnden, Sie zauberten mitleidig Ihm vor die Augen hier Den Reichthum seines Stern’s Und goldne Punkte, darauf Sein Blick ruh’n mag und aufathmen Der trunk’nen Sinne bacchische Raserei. Sie zeigen ihm, Tief in die Wasser tauchend, Und fein umrissen vom Licht, Das winkende Kap der Minerva, Darüberhin Amalfi’s schimmernde Küstenberge, Die höh’numgrünte Bucht von Salerno, Und vor ihm, zierlichen Flug’s Mit seid’nem Fittich die Wasser streifend, und Geschäftig aufkreischend, ein fröhlich Bild Des Lebens, die schlanke, beutesuchende Möve....