German poem
Goldfischleins Roman, oder: Die Zeit der wilden Rosen
by Moritz Gottlieb Saphir (1795–1858)
Die Zeit der wilden Rosen.
Es steht die Nacht hindurch der Baum, Befangen in dem wachen Traum Von Wolken, Nebeln und Gewittern; Er murmelt wie im Schlafe fast Von Sturmwind und von Regen-Last, Und alle seine Blätter zittern.
Es hat der Baum die lange Nacht Voll Finsterniß und Sturm durchwacht, Voll Angst, voll Schauern und voll Bangen; In seinem Innern, schwarz umhüllt, Da tobt der Sturmwind schmerzlich wild, Und Tropfen an den Blättern hangen.
Doch unten hin, am Stammes Rand, In Schlummers Haft die Rose stand, Geschützt von seinem Blätterdache; Es hält den Regen von ihr ab, Es läßt den Blitzstrahl nicht herab, Auf daß die Holde nicht erwache.
Wenn Sturm und Nacht ist all’ zu End’, Wenn Frührothblum’ im Blau entbrennt, Vom Schlaf erwachen alle Rosen; Wenn aus des Aethers klarem Blau Herniederfließt der Silberthau, Der Blumen himmlisches Almosen,
Dann neigt der Baum sein Sorgenhaupt, Weil er erwacht die Rose glaubt, Und eilt sie freundlich zu begrüßen; Und alle Tropfen, die am Blatt Die Sturmesnacht geschenkt ihm hat, Als Thränen in den Kelch ihr fließen.
Der Regen, der den Baum zerwühlt, Als Perlenthau die Rose kühlt, Er funkelt hell in ihrem Kleide, Der Tropfen, den der Schmerz gemischt, Als reine Thrän’ die Ros’ erfrischt, Und wird ihr herzlichstes Geschmeide.
Der Baum bin ich, und mein Geschick die Nacht, Gewölk ringsum, kein einzig Sternlein lacht; Die Ros’ bist du, es strömen meine Lieder Als Schmerzensthränen vor dem Blatt dir nieder; Der Schmerz hat sie gemischt, erpreßt hat sie das Leid, Doch sie verklären dich, d’rum sind sie meine Freud’!