German poem
Die Propheten
by Otokar Březina (1868–1929)
In die Städte, deren Türme und Paläste einmal ein Erdbeben zerrütteln wird, bis die seltsam gestalteten Wolken aufstöhnen vor Zorn, von den Blitzen der eigenen Tiefen verwundet, und das Feuer, das in tausend verborgenen Höhlen vom Ruhme geträumt hat, sich rührt, zu rächen den ewig Eingekerkerten, und mit all seinen Stimmen aufschreit deinen Namen, und die Sonne ihr Antlitz, wie's den Zeiten vertraut war, verändert: kommen sie, unbemerkt, deine Gesandten, die deines Königreichs Eroberer sind.
Umringt von Musik und tanzenden Mädchen und Liedern lauschen sie deinem heiligen Odem, der den Sterblichen auslöscht die Lichter, doch die Brände der Welten zu Weißglut entfachet; in welchem die Blumen regungslos bleiben, wenn er dahinbraust in ihren Tiefen, aber der uralte Felsen zerschmettert wie Brocken duftenden Brotes, für die zarten Lippen des harrenden Lebens. Ihre Stimme, vom Sturmwind der Zeiten entbunden, weht ihnen nach, süß wie der Duft hinter Einem mit Rosen, bitter wie Fackelrauch; und die eigenen heimlichsten Gedanken, von Allwissenheit erschreckt, hören sie über sich mit den Sternen hoch singen, unter sich schweigen mit Feuer und Geheimnis in den Tiefen der Erde, der Lichter und Nächte wechselnder Chor!
Sie reden von dir und von deinem Ruhme, vom Fluch, der auf der Seelen Bruderschaft liegt und die Sprache der Bauenden gespaltet hat; und es irrt ihre Liebe über den Ländern von Jahrhundert zu Jahrhundert wie der Sommer aus Siedlungen, wohin Sonne ewig steil fällt. Neues Obst gedeiht auf den Bäumen der Erde, Ableger aus ihren geheimnisvollen Gärten; doch ihre Hoffnungen, fähig so hoher Flüge und Lieder, baun ihre Nester ganz tief nah der Erde wie Nachtigallen!
Und nahet die ihnen bestimmte Stunde, dann verdunkelt die Sonne ihnen die tote Welt; und wie aus des Liebenden Herzen die Wunde sich gießet, verwandelt das Licht sich ihnen in Blut; und vor ihrem Blicke breitet es Landschaften künftiger Zeiten, strahlend in neuen Konstellationen. Dein Hauch treibt Millionen vor ihnen her wie Wellen des ewigen Meers, das in breiten Buchten die Erde umspület und durch Jahrtausende ihr Festland verwandelt. Durch den Schnee, mit dem der Zeiten Geheimnis die von dir gesäete Wintersaat decket, barfuß, wie Vertriebene, gehn sie einher und ihrer Gedanken zahllose Schar blutet in tausenden Fußstapfen bei jeglichem Schritte! Stürmen werden sie über die brennenden Städte künftiger Zeiten, wie auf feurigem Teppich, gedeckt auf den Stufen deiner heiligen Hoheit! Und ihr jeder Gedanke, der sich in Mitleid wendet zurück, wird im Erkennen zu Steine erstarren!—
Und immer neue hundertjährige Wolken erdonnern vor ihnen: Blitze, totfahl bestreichend das Antlitz der Schnitter! Schwerer Zusammenprall kühner Schiffe im Nebel! Heulen der Menge auf düsteren Bauten, von Blute starrend ihr schwarzes Gerüste, Hinrichtungsstätten! O Lieder der Leidenschaft, entsteigend den Flammen! Blicke künftig Leidender, Magie ihrer Berührung! Küsse, neue Ewigkeit Lichts und der Trauer erschließend! Wahnsinn einer Seele, auf deren lodernden Wogen die Erde schaukelt! Leidende Zeiten, Jahrhunderte schwindend, unsterbliche, tragend die Schwere jedwedes Sternbilds, erkennend den eigenen Ruhm!
Und wenn sie endlich in festlicher Stille die Spitzen der Flotten künftiger Geschicke, welche aussegelten, als entstand diese Welt, herannahen sehen von trübfernen Küsten, die Ruder verdeckt noch von der Höhlung der Fläche:
Da schreit ihre Freude stark auf und von Gluten und Ungeduld voll! Und sie, die die Wollust noch nicht erkannten, erwachen zur Wollust aus dem was sie sehen, und Schmerz, einzig wert ihrer Kraft, verschließt ihre Seelen: der Schmerz der saumseligen Zeit. Zu langsam kreist ihnen die Erde, zu langsam kommen die Morgen, und allzu lang weilen die Mittage in den Schatten der Bäume, unter den Schnittern. Sie wünschen sich durch die Jahrtausende mit des Windes Schnelle zu fliegen, tausend Herzen zu haben, um mit ihrem Blut ihre Ekstasen zu stillen und mit einer Röte wie der Aufgang der Sonne und mit Polarlicht und dem Brande der Welten das Antlitz ihrer Liebe! Alle Seelen mit Wein aufzuheitern, der ihnen so festlichen Schmerz bot und Räusche und der aus einer verborgenen Quelle emporschießt, durchduftend das Weltall aus der glücklichen Erde, nur ihren Kindern noch für Jahrhunderte vergebens!