German poem
Es sangen die Wässer
by Otokar Březina (1868–1929)
Zwischen zwei Feuern, der Sonne und Erde, verwunschen irren wir ewig. Aus des Lebens durstigen Wurzeln stiegen wir auf zu ätherischen Halmen, Zu prangenden Blüten, gepackt vom Krampfe schmerzlicher Sehnsucht, Durch Ströme von Nummilitenmeeren, durch diluvialer Urwälder Dunkel, Durch Königreiche gigantischer Schöpfung der Urzeit, Durch Höhlen, wo der Mensch, des Tieres mystischer Bruder, künft’ger Befreier der Erde, Beschwichtigt die Glut seines Blutes, vom Fluche beladen, Sengend ewig, unauslöschlich.
In Sternen des Morgentaues zitterten wir über Schlachtfeldern, In Strömen von Tränen flossen wir stumm über Richtstätten, Zu des Lebens beschleunigten Rhythmen sangen wir in marmornen Städten Unter Triumphbrücken und im Wogenschlag unserer Meere Im ironischen Pathos donnerten wir die Heldengeschichte der Erden, Begraben in Jahrtausenden. In glühenden Fermenten des Feuers Gingen wir auf in ätherischen Gletschern der himmelragenden Berge, Über dem heimlichen Lager der goldenen Sonne beim Untergeh’n, Wie luftige Trugbilder, reflektiert durch die Fernen des Kosmos Aus der gigantischen Welt höheren Glanzes.
Den Regenbogen verwünschten wir ins Weinen der Wasserfälle und unter der Meere azurnen Spiegeln Verhüllten wir den ewigen Kampf unserer unzähligen Wesen, Der stummen und harten, welche in Blitzen die schwarzen Tiefen beleuchten. Wie der Schlangen faszinierende Augen glänzten wir über verräterischen Strudeln Auf schuppigen Flüssen, aber ähnlich den Friedhöfen unzähliger Gräber In melancholischen Buchten ergossen wir uns wie das Vergessen Und des Gebetes Segenssprüche lispelten wir innig Über den magischen Sprudel der Heilquellen, in tausend Gestalten. Vor des Verzweifelten Blicken öffnen sich unsere zärtlichen Wellen Wie unzählige Lippen, die im Wahnsinn sich ewig bewegen, Plötzlich verstummt beim schrecklichen Schlag des Erkennens. Aber die Sieger lesen unsere heimliche Weisheit aus ihren Höhen, Aus der silbernen Landkarte, die aus den Tiefen zu ihnen emporloht, wie die Linien auf der flachen Hand der Nacht Und wie auf der Münze die funkelnde Prägung der Schrift, die den Wert uns verkündet; Freudig Geheimnis des Lebens, spricht aus unseren tausenden Wegen zu ihnen, Die von allen Gipfeln der Berge wir zischend uns bahnen zu einem Meere, Aus der Polyphonie unserer Quellen, der Ströme und Meere Hören sie singen die einzige liebreiche Urkraft Die in zahllosen Wandlungen sucht das wahre Antlitz der Erde.
Und siehe! Vor ihren Blicken das zersplitterte Ringen Millionen von Händen Erstarrt zu einer geistigen, riesigen Hand, die die Erde umklammert, Die mit der erhabenen tragischen Geste des Bildners, Welcher modelt den Klumpen seines gehorsamen Lehms, Das Geheimnis der Dinge verändert. Nach der Herrlichkeit seines Hellseh’ns Im qualvollen Krampfe des Schaffens, Immer unzufrieden.