Versos German Otokar Březina Totenwache

German poem

Totenwache

by (1868–1929)

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Nachdem sich gelegt unzählige Feuersbrünste, Als die Dämmerung, wie Asche voll Funken, in Verwehungen Sich bereitete zwischen den kämpfenden Lagern, Unsere süßen Brüder suchen gingen wir Im Waffenstillstand. Und nach dem erbleichenden Schimmer der Aureolen Erkannten wir ihre schönen Häupter, Gestützt auf steinerne Pfühle, Wie im Traume.

Doch die Dünste des neuen Morgens verdichteten sich Auf ihren Stirnen im Tau des Todes, Und an jenem Abend, der seine Dämmerung Über tausende unserer Tage gebreitet, Unter allen unseren Küssen fühlten wir ihre fragenden Mienen Und ihr erzwungenes rätselhaftes Lächeln –

Wachen werden wir über den Zelten der schlafenden Brüder, in Gebeten, Und Bäume, Wässer, die Erde werden unsere Bangigkeit teilen Und befreundete Städte. Inmitten schwarzer Meere der Vernichtung Werden unsere Träume schweigsame Inseln sein Und die Flotten der Toten, segelnd nach heißen Zonen, Werden wir am Horizonte grauer Lichter erkennen.

Brennen nicht alle deine Blüten mit allen Gestirnen Über unzähligen Gräbern, wie Grabeslampen Am Abend, während der geheimnisvollen Octave deiner Sieger? Uns schufst du nicht Millionen von Zungen Vom bittern Seufzen der Gräser, demütiger Moose, Bis zur Beredsamkeit der Flammen und weißer Sonnen Verzweiflung, Daß sie klagend vernehmen lassen in Jahrtausenden die Schwere deines Fluches, Den Schmerz der vergänglichen Dinge? Und weint nicht aus allen Küsten des Kosmos Der Wahnsinn der Hände, die vergeblich sich recken, Der Puls der Herzen getrennt durch Unendlichkeiten? Überall donnern deine verzehrenden, abgründigen Ströme, Sie kochen in Stein, im Blut, im Gedanken, Die Wolken der Dinge gießt der ewige Wind in unzählige Formen Und eine Stelle hat niemand berührt mit der Hand oder mit dem Gedanken Zweimal.

Und unser eignes rätselhaftes Wesen! Am Scheiterhaufen seine Psalmen singend Im scharlach’nen Mantel der Flammen! Mit leichtem Sinn, wie das Bild der Unendlichkeit im Auge, Die Bürde geheimnisvoller Schuld tragend, Den tragischen Traum dieses Weltalls! In feurigen Strähnen, im schillernden Wechsel des Faltenwurfs, Die ihm ins Antlitz peitschen, von deinem Wind gebläht, Und das Weltall ihm weisen durch Flammen wie durch einen Schleier, Im verhohlenen Zittern steht es aufgerichtet. Und freudetrunken, wie in Wahnsinnslust, Dem Tode tausendfach blickt es ins ironische Gesicht, Aus allen schwarzen Händen nimmt den Becher der Haluzinationen Und zutrinkend extatisch jedem Lebenstrieb, Der Sonne, Harmonie und Hoffnungen, Bis an den Grund in düst’rer Wollust trinkt Und gierig streckt die Hand, nach neuem, immer neuem, Von Äonen zu Äonen, ungesättigt, Die Lippen von des Durstes Glut in eins mit dem Becher geschweißt, Bei jedem Wegreißen des eisigen Metalls Blutend!

Unsere Tage sind getrennt durch Nächte, Doch unsere Nächte berühren wie die Wellen Alle Nächte des Kosmos; Unser Begegnen ist ein Fernsein Und Fernsein ist unsere Begegnung. Ob nah, ob fern, ein gleicher Schmerz uns quält, Deß höchster Aufschrei heißt Schweigen. – Doch am Morgen, wenn in Reih und Glied wir stehen, Der Kreis der Sonne glühend, gekehrt zur Erde ist, Die kupferne Drommett’ in geheimnisvoller Hand, vom Schimmer verhüllt, Im donnernden Geschmetter des Krieg’s erbeben wird.

Und des Todes Botschaft, Der Klang im Fluge vibrierender Pfeile geheimnisvollsten Lichtes, Der Bienen mystischer Sang summend über den Saaten der Geister, Der melancholische Klang deines Stimmens für die Höhe des Tones für Hymnen des Sieges, Äonen durchziehend - erklingt über unsern Häuptern: Signale von glühendsten Brennpunkten deines Kampfplatzes, Rufend Auserwählte auf unsichtbare Flügel, Zu decken den Angriff deiner Schwerbewaffneten, die kämpfen auf Erden, Werden durch alle Tiefen der Seelen schmetternd klingen auf einmal Und tausendfach sich zersplittern durch deine gewaltige Schöpfung, Durch die unzähligen Gänge deiner schweigenden Labyrinthe, Durch Gefängnisse niederer Erden und Gärten der Lenze Und Galerien deiner Lilienlichter voll Zauber. Was gilt unser Schmerz in dieser Gewißheit und taumelnder Ohnmacht Und Ergebenheit, deren Gesten gleichen der Verzweiflung?

In schimmerndes Lächeln, wie hinter blendendem Visier Werden wir unserer Wangen Todesblässe verhüllen Und zu den Brüdern kehren die freudigen Blicke Wie Quellen, wo sich gespiegelt die Sonne am Morgen. Ein Gleichnis sind sie dann des heiligen Urquells, Wo, wie Sandkörner zur Höhe gehoben Von aller Wässer geheimnisvollem Gleichgewicht, Die Sternbilder weggefegt von ätherischen Wellen, Im Azur des Schmerzes und der Gerechtigkeit Lächeln im gold’nen Wirbeltanz.