German poem
Wo schon vernahm ich?
by Otokar Březina (1868–1929)
Du erschlossest die Fenster der Nacht, o Erschließender! Da weht' es herein voll Geheimnis und riß die Flügel meines stärksten Gedankens mir aus dem Bereich meiner Blicke. Im Taumel, als würde das ewige Kreisen der Erde in den Wolken der Welten in der Seele bewußt mir, kam Gefühl des anderen Daseins in mich.
Von Erde zu Erde, von Sonne zu Sonne fiel Stille herab mit schwereren Schlägen und neue Stille als Echo entstieg meinen Tiefen, andere Stille als die Stille der Erde: Sie brauste vom Atemzug Tausender, von hundertjährigen Küssen, vom schwindligen Schweigen längst nicht mehr pochender Herzen, vom Flug aller toten und künftigen Flügel, von den ewigen Symphonien der Strahlen, vom melancholischen Läuten der Regen, die, fruchtbar, in hundertjähriges Reifen sich stürzen, vom Aufschrei in Träumen, die das Morgenlicht fürchten, und von der Düfte mystischem Flüstern. Sie bebte vom Sturme einstiger Meere in der künftigen Blitze Riesenorchester, die letzten Kadenzen verklungener Lieder verschmolz sie dem Anfang unbeendeter Lieder. Stumme Fragen von nimmermehr fragenden Lippen! In den Ekstasen des Todes voll Durst in die Ferne geheftete Blicke! Dumpfe Stille geheimer Suggestion von Leidenschaften, die schmerzlich reisen zu künftigem Aufblühn, die Völker führend durch die Mittnacht der Zeiten, in dem blutigen Abglanz der nördlichen Lichter: Worte gekuppelt aus dem Flackern der Lichter, die fahl in den irdischen Gedanken verlöschen, und innere Stimmen, die in den Tiefen der Seelen, ungehört, den Jubel der Seelen aller Welten und eines neuen Lenzes Lächeln erwidern! Rausch aller künftigen Träume, die mit flammenden Regenbogen als neue Sonnen am Himmel deines unsterblichen Hauches erblühen! Ewiger Wirbel der stummen Blitze, in dem deines heiligen Willens Gebote fliegen vom Geheimnis der unsichtbaren Welt hinüber ins Reich der ersterbenden Farben.
O Ewiger! Jetzt, da machtlos, von Liebe geschwächt die Hände mir sanken, erschaut' ich mein Leben, von unbekanntem Lichte verwandelt: das blasse Flimmern der Farben, von meiner Fenster eisigen Blumen aufspritzend, zerschmolz, von deinem feurigen Hauche verwaschen und in der Pracht deiner Gärten tobt' ich mit Blicken. Und doch, o mein Vater! wo schon vernahm ich die Stimme deiner Stille, die mich so bekannt dünkt? Wo schon gewahrt' ich die Pracht deiner Länder, daß ich ihrer Düfte Geschmack wohl erkenne? Und den Glanz deines Blicks, der meine Seele in Schlummer versenkte und sie erweckte zu diesem Träumen? Auf meinen Lippen brennt die Süße deiner Trauben und die Küsse verbrüderter Seelen. Die Feier deiner Glocken fällt in meine Träume und läßt mich träumen von der Musik und die Morgenzeichen deiner Boten, mir im Traume begegnen sie der Ahnung des Todes. Dein süßes Erinnern blieb mir in der Seele, wie duftiges Dunkel nach löschendem Lichte, durchströmt meine Blutwärme, als hielte geliebt eine Hand, nächtens im Schlummer, gefaßt meine Hände und ließe im langen innigen Drucke mich träumen von Liebe. Deines mystischen Mondes Mitternacht reizt meinen Sang, im Traume sich durch Gefahren zu tummeln, und wie aus nächtlich leuchtenden Steinen atmet mir Schönheit aus deiner täglichen Lichter Geheimnis, und vor Liebe verstummt spricht meine Seele mit ihrer Stimme von einstmals.
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Die ewige Nacht entschlief in den reifenden Feldern. Von oben erglänzten vertraut mir die Sterne. Vom Morgen anhuben zu flüstern die Düfte, die Stimme der Stille tönte bekannt, von der Sonne träumten die Apfelbäume, von der reinen Begegnung der Seelen die Knospen der Rosen, meine Seele, glücklich und bang, von der Heimat.