German poem
Der freche Sekt
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
In meinem Stübchen an der Wand Hängt ein Goethe von Meisterhand. Sein großer Blick durchsonnt das Zimmer Wie Erdenlust und olympischer Schimmer. Nun war mal ein rechter Jubeltag; Ich und mein Schatz wir hielten Gelag, Schenkten den schäumenden Wirbelwein Eins dem andern mit Singen ein, Kehrten oberst zu unterst die Stuben— Führten uns auf wie närrische Buben. Kam die dritte Flasche dran— Plautz! den Stöpsel halte, wer kann, Und ein dicker Strahl Champagnerwein Dem Goethe—pscht!—ins Gesicht hinein!— Wir schwiegen beide und fühlten beklommen: Hat er uns das wohl übelgenommen?—
Da lacht er mit seinen zwei Sonnen darein: Und ihr wollt Goethekenner sein?!