Versos German Otto Ernst Schmidt Der Grenzlauf

German poem

Der Grenzlauf

by (1862–1926)

Listen in the reader

Es hatten die von Uri und die von Glarus Streit. Sie taten der Grenze willen einander Schmach und Leid. Eins mähte des andern Wiese, eins haschte des andern Kuh. Es schauten die Guten im Lande dem Hader mit Unmut zu.

Sie sprachen: „Es laufe von Altdorf, es laufe von Glarus ein Mann; Wo sie einander begegnen, da sei die Grenze fortan. Wenn Tag und Nacht sich gleichen, beim ersten Hahnenschrei, Da sollen die beiden laufen, daß Recht und Friede sei.“

Nun hielten heimlich die Urner den magersten Gockel bereit, Sie ließen ihn fasten und darben und dachten: Wer hungert, der schreit. Es haben derweilen die Glarner den üppigsten Hahn sich erspäht, Sie mästeten ihn und meinten: Wem's allzuwohl ist, der kräht.

Die Urner waren die Schlauen: Im Traum schon krähte der Hahn; Ihr Bote sprang wie die Gemse dahin die steigende Bahn. Schon glühten breiter die Gipfel in flammender Morgenfrüh', Da gähnte der Glarner Gockel ein faules „Kükerüküh“.

Mit Lachen rief der Sieger: „Es werde, wie du sagst, Wenn du mich auf den Schultern hinübertragen magst!“ Da lud der wackre Glarner sich auf den starken Mann Und schritt mit bebenden Knien den grünen Hang hinan.

Er klimmt hinan mit Zittern, ihm schwindelt und ihm graust; Er krallt in Gras und Felsen sich fest mit blutender Faust, Er beißt die Lippen blutig, daß er nicht ächzen will, Dann bricht er stumm zusammen und ist auf ewig still.—