German poem
Die unterbrochene Predigt
by Otto Ernst Schmidt (1862–1926)
Beim Gottesdienst auf freiem Felde hielt Ein wütend Pfäfflein eine Donnerpredigt. Mit seines Herrgotts schärfsten Blitzen spielt Das Männlein ungeniert und unbeschädigt. Er spricht von einer fernen großen Stadt, Wo eine Seuche alt und jung verschlingt, Wo Tag und Nacht durch Werk- und Schlummerstatt Der Wimmerton der Sterbeglocke klingt. „Seht,“ ruft er, „seht allda den Finger Gottes! Seht, wie der Herr die Glaubenslosen schlägt! Gott ist gerecht! Wie auf die Stadt des Spottes Der Herr nun endlich seine Hand gelegt—“ Er hob den Blick. Da flog ein Vogel, und Der schloß durch ein Geschenk aus seinem Schoß— Ein seltner Glücksfall—ihm den losen Mund— Der Vogel, wie mir schien, war ziemlich groß.
Hier sah der Mann den Finger Gottes nicht, Und das mit Recht. Denn es bedünkt mich schier: So viel Gefühl, zu strafen diesen Wicht, So viel Vernunft besitzt wohl auch ein Tier.