Versos German Otto Ernst Schmidt Pestalozzi

German poem

Pestalozzi

by (1862–1926)

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Ein fremder Klang fürwahr in unsrer Zeit: Der Name Pestalozzi! Zwar gehört Hat man ihn oft genug in diesen Tagen; Herab von tausend Rednerbühnen klang er Und hallte nach von Millionen Lippen; Doch der herabbeschworne Genius findet Ein anderes Geschlecht, als er ersehnt.

War er nicht schwach im Kleinen, stark im Großen? Und also ganz ein Gegenteil von uns? War er nicht ungeschickt und unbeholfen? So ratlos und so hilflos wie ein Kind? Besaß er Biegsamkeit und Witz genug Für jene vielgewandte Kunst des Rechts? Verstand er Zeit und Menschen zu gebrauchen? Verstand er zu regieren und zu herrschen? Ach, nicht einmal den eignen Vorteil kannt' er; Den andern konnt' er helfen, aber nicht Sich selber. Hat er jemals wohl verstanden, Zu einer „immer gleich gestellten Uhr“ Die Schule aufzubaun, zum Mechanismus, Erstaunlich, wunderbar, von einem Punkt aus Geregelt und bewegt und täglich, stündlich Abschnurrend in vortrefflich ödem Tiktak? In diesen Walzen, diesen Rädern freilich Bewegung gibt es viel und viel Geschnarre; Doch ist das Kunstwerk leider, leider tot. Was Pestalozzi schuf, war nur ein Garten, Von einem ewig frischen Quell genährt. Aus seinem Herzen stark und eben floß Der immer gleiche, reine Strom der Liebe, Und hundert welke Blumen hoben rings Die müden Köpfchen, von verschmachtetem Gezweig erglänzte junges Frühlingslächeln; Durch halb erstorbne Wesen ließ er strömen Des Lebens Atem und des Morgens Kraft— Und diese Kunst verstehn wir leider nicht.

Er, dessen Bild euch grüßt, war ein Genie, Das heißt, er ward verachtet und gemieden, Das heißt, er ward verspottet und gehaßt. Doch solcher Geister köstlichster Besitz Ist ein geheimes, felsenfestes Wissen. Und tief gelassen zog er sich zurück In seines Ringens still beglückten Frieden. Er brauchte Kinder nur zu seinem Werk; Denn alles andere besaß er selbst. Und alle sollten klug und glücklich werden, Die ärmsten und die schmutzigsten und kränksten— Und solcher Kinder fand er bald und viel. Sie zog er sanft in seinen Zauberkreis. Und herrlich klingt sein Wort: „Sie waren außer Der Welt; sie waren außer Stanz; sie waren Bei mir und ich bei Ihnen.“ Bebt darin nicht Der stille Jubel eines Siegergeistes?—

Die Neider kamen und verklagten ihn: Er weicht von den gewohnten Wegen ab! Er treibt es anders, als wir's Tag für Tag Und Jahr um Jahr zu treiben längst gewohnt; Er will ein Andrer, Bessrer sein als wir. Es kann nicht gut und echt sein, was er tut; Denn wir durchschauen's, wir begreifen's nicht! Und als das Werk des Sonderlings man prüfte: Sieh, da durch Wolken drang zum erstenmal Die Sonne Pestalozzis klar und groß, Da ward des Ruhmes grünster Lorbeer ihm, Als man gestand: Er weiß die Kraft zu wecken. Kein höherer Ruhm ist ihm zuteil geworden; Denn höheren gewährt die Erde nicht.

Der Großen edles Vorrecht war's von je, Im Morgensonnenlicht das Ziel zu zeigen Und neue Wanderfreude zu erwecken In müden selbst und staubbedeckten Seelen. Und ob er tausendfältig auch geirrt: Am fernen Morgenhimmel sah er deutlich Die lichten Berge unsrer Hoffnung glänzen; Mit einem Wink wies er die rechte Bahn, Und heut noch weckt in uns geheime Kraft Sein großer Blick aus großen Liebesaugen. Oh, wär er ganz lebendig noch in uns, Oh, trüg er uns aus aller dumpfen Kleinheit Zur Freiheit seiner Größe mit empor! Nun, da er längst gestorben, längst gekrönt, Nun ist es kein Verdienst, zu tausend Kränzen Noch einen neuen Lorbeer aufzuhängen. Doch bleibt uns andres, edleres Verdienst: Das Große zu erkennen und zu lieben Und aufzunehmen in das eigne Herz. Wohlan denn, Freunde, weitet euer Herz, Im Innersten den Helden zu empfangen. Groß sei euch groß, und klein sei wieder klein, Weckt aus geheimstem Seelengrund die Kraft. Wo Kraft ist, da ist Tat, und nur wo Tat ist, Ist Freiheit.