Versos German Otto Ernst Schmidt Quintus Sertorius

German poem

Quintus Sertorius

by (1862–1926)

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Th. Mommsen. Röm. Gesch. Bd. III.

In hellem Glanze über Spanien stand Sertorius' Stern. So leuchtete die Freiheit! Das war ein Kämpfer für des Volkes Recht, Das frecher Adel in den Staub getreten: Der blut'ge Sulla hielt in Rom das Szepter, Und Weihrauch streuten ihm die Oligarchen.

Sertorius? War's der Tapfre nicht, der Große, Der in drei Kriegen sich bedeckt mit Narben, Der in der Brust ein Herz voll Güte trug, An Heldenmut und Edelsinn ein Ritter? Derselbe war's—und ins Exil trieb ihn Des Tigers Machtgebot. Nach Afrika Trug ihn sein flieh'nder Fuß; vor Tingis trieb Er in die Flucht die römischen Kohorten; Durch Cottas Kriegsgeschwader schlug er sich Mit eines Löwen Kühnheit, und als Gast Empfing ihn jubelnd Lusitanien. Alsbald gehorchte seinem Wink ein Heer Von Söhnen jenes Lands und von Verbannten. Ein winzig Heer! Zu einem großen schuf's Der Haß der Emigranten gegen Rom, Der Lusitanier freiheitglühnder Sinn Und seines Feldherrn wunderbare Größe. Den „neuen Hannibal“! so nannten ihn Die Krieger, und er war's, nicht darum nur, Weil er dem Krieg ein Auge schon geopfert. Jedweder Sieg ward ihm zu größerm Sieg, Und Siege schuf er sich aus Niederlagen. Das Hochland Tarracons war ihm bekannt Wie Baetica's ergrünende Gelände— Bekannt war ihm des Unglücks bittrer Kelch Wie des Triumphes süßer Taumelbecher— Und groß erfand ihn jeder neue Tag.

Wie bald verstummte Romas blöder Spott, Mit dem beworfen sie den Demokraten Samt seinem Heer! Metellus war entsandt, Den Aufruhr zu ersticken; aber schnöde Verließ der Ruhm die römischen Standarten. Im blutigen Guerillakrieg zermürbte Sertorius seinen Feind, ihn oft umstellend, Aus einem Netz ihn in das andre lockend, Bis Überdruß und knirschende Verzweiflung Die Krieger Roms ergriff, und bis der Mangel Die Reihen lichtete mehr als das Schwert. Indessen schlug des Aufruhrs Flamme wild Von einer Stadt zur andern. Immer drohnder Erschwoll die Brandung. Die Gemeinden Spaniens Zujubelten begeistert dem Befreier, Zu dem Diana selbst, des Krieges Göttin, In jeder Nacht die weiße Hindin sandte, Um ihm ein Siegsorakel zu verkünden.

Mit Blitzesschnelle durch das Römerreich Die Kunde flog von Sullas Tod! Der Asche Entglommen neue Brände. In Italien Zog gegen Rom das Heer der Demokraten; Doch ihre Kraft zerschellte an den Mauern Der Stadt. Mit des geschlagnen Heeres Kerne Erschien, um sich Sertorius zu verbünden, Auf Spaniens heißem Boden jetzt—Perpenna.

Zwei Führern folgte dann das Doppelheer, Zwei Männern, gleich an Rang, doch nicht an Ruhm, Gleich an Gewalt—in Worten, nicht im Geist. So, als am Fuß der Pyrenäen nun Der glückliche Pompejus stand, ein neuer Und drohenderer Feind der Insurgenten, Erscholl es aus Perpenna's eignem Heer Mit lautem Ruf: „Nur einer soll fortan Uns Führer sein! In einem Geiste ruht Die sichre Kraft des zielbewußten Tuns! Drum—weil nur einem Stern wir folgen können, So führe uns der glänzendste fortan Den Weg: Sertorius!“

Da mit glühender Schneide Fuhr durch Perpennas Herz der Dolch des Neides— Und schweigend wich er seinem Nebenbuhler.

Pompejus zog heran. Ihm stellt' entgegen Perpenna sich am untern Lauf des Ebro, Den Übergang den römischen Kohorten Zu wehren. Doch mit stürmischer Gewalt Erzwang das Römerheer sich seinen Weg, Und machtlos wich Perpenna. Auch geschlagen Ward bei Valentia ein zweites Heer Der Insurgenten, das Herennius führte. Zeit war's, daß wieder mit des Blitzes Strahl Des Helden Geist die Macht des Feinds zerschlage. Vom obern Lauf des Ebro kam Sertorius, Und sieh, um Lauro rollten auf dem Plan Des Kampfes Würfel, bis Pompejus' Heer, Vom schlimmen Feind umstellt, mit Mühe nur Dem Untergang entrann, und bis der Römer Ohnmächtgen Arms zum Himmel lodern sah Die blutgen Flammen, die die Stadt verzehrten, Ein grauser Opferbrand des Überwinders!

Und wieder dann am Sucro unterlag Der Sendling Roms dem Gegner.

Da vom Süden, Sich dem Genossen zu verbünden, rückte Heran mit starker Macht Metellus. Nieder Rannt' er mit wildem Ungestüm die Streitmacht Des neidischen Perpenna; nahe schon War er dem Freund—allein Pompejus kargte Mit seinem künftgen Ruhm; mit keinem Zweiten Wollt' er des Sieges goldnen Lorbeer teilen! Allein, in blinder Eile bot die Schlacht er Dem Gegner an, und dieser ließ frohlockend Den Gimpel in die goldne Falle gehen, Die selbstgestellte, seiner Eitelkeit. Am Turiafluß gab jener Eitelkeit Das siegende Genie die blut'ge Lehre; Denn fast zerschlagen ward das Römerheer.

So häufte Sieg auf Sieg der Einzige, Indes Perpenna schmachvoll wiederum Geschlagen worden durch Metellus' Schwert, Indes im Süden auch vernichtet ward Ein Heer der Insurgenten und sein Führer, Der tapfre Hirtulejus, sterbend fiel. Gefunden hatten sich Metellus und Pompejus, um vereint fortan zu kämpfen. Da faßte feiges, klägliches Verzagen Die Emigranten, und in alle Winde Zerstreute sich Sertorius' Heer. Verlassen Nun stand er da; von wenigen Getreuen Begleitet nur, entwich er dem Verderben Und warf sich, ungebrochen, unbezwungen, In Clunias mauerndunkle Felsenveste.

Der Winter kam. Durch seine düstern Wolken Rang sich des Feldherrn mächt'ger Sonnengeist Mit neuem Licht hindurch. In wilder Sturmnacht Entwich er Clunias sicherm Schutz, das wachsam Der Feind besetzt hielt, und als wieder dann In ihrem Laufe sich die Sonne wandte, Stand er an eines neuen Heeres Spitze, Zum Kampf bereit, zum Sieg—zum Untergange.

Rom sandte neue Legionen. Wieder Verfolgte der verschlagne Feind die Römer Mit den verhaßten, widerwärt'gen Schrecken Des kleinen Kriegs. Und als, gezwungen dann Zur großen, offnen Schlacht, am Calagurris Sertorius der gedoppelten Gewalt Der beiden Heere gegenüberstand— Warf er Pompejus und Metellus nieder.

Da klang ein Schrei der Wut und der Verzweiflung Durch Rom. Acht Jahre währte schon der Krieg, Der schmachtvoll-blut'ge, und kein Ende war Noch zu ersehn. Die Blüte seiner Jugend Gab Rom dahin; in jedem Jahr verschlang Das Schlachtfeld einen heil'gen Lenz. Versiegt War selbst des Goldes Quell dem reichen Rom. Verödet war schon längst das blühnde Spanien Durch Schwert und Feuer. Nur voll Mißmut folgte, Mit trotzig-düsterm Widerwillen nur Das Römerheer noch den entehrten Fahnen. Ganz Rom erscholl von Angst- und Klagerufen Ob tausendfachen Unglücks. „Unsre Meere“, So hieß es, „tragen nur noch der Flibustier Verwegne Räuberscharen, und seit langem Wagt schon kein friedlich Fahrzeug mehr, den Weg Vom sichern Port ins offne Meer zu nehmen. Italiens Sklaven rotten sich zusammen Mit finstrer Wut, und an der untern Donau Erhebt sich drohend Makedoniens Volk. Loht nur der Westen auf in hellen Flammen? Reicht nicht Sertorius schon die Freundeshand Dem ränkevollen Mithridat nach Osten, Dem Punier gleich, der in Philippos einst Im Osten uns den zweiten Feind erweckte? Weh uns, wenn solch ein Bund das Römerreich Umklammert hält! Die Pyrenäen bald, Die Alpen wird Sertorius überschreiten Und rütteln an den Pforten dieser Stadt— Ein neuer Hannibal steht vor den Toren!“

Ein neuer Hannibal! Ein treffender Vergleich von vorbedeutungsvoller Tiefe! Dem großen Sohn Karthagos glich der Edle Nur allzu sehr! Darum auch sah er längst Mit unbeirrtem Blick der Dinge Ziel: Vor seiner Seele stand sein Untergang. Vor diesem Geiste hielt kein Schmeichelwahn, Kein eitles Hoffen stand, und diesen Augen Verbarg die Zukunft kein umdüstert Bild.

Wer hemmte noch den feigen Unbestand Ausreißender Soldaten, die berechnend Zur rechten Zeit der Übermacht sich beugten Und die wie Lämmer in die sichre Hürde Sich flüchteten, bevor das Wetter kam! Wer durfte Treue fordern und Gefolgschaft Von den Gemeinden, die sich fromm ergaben, Da Rom mit Mutterarmen sie empfing Als reuevolle Kinder und hingegen Dieselbe Mutter doch ob den Verstockten Im Rachezorn die blutge Geißel schwang? Die besten Kämpfer mit den besten Führern, Sie waren längst dahin—und wer vermochte Der Überlebenden erhabne Weisheit Samt ihrer eitlen Hoffart zu ermessen? Jetzt war die Zeit gekommen für den Neid, Die giftge Lästerzunge frech zu rühren, Sich groß—in der Erbärmlichkeit zu zeigen; Denn untreu ward dem Genius—der Erfolg. Mit ersten Schlägen kam das Unglück. Endlich Ergab sich's nun, was man zuvor schon lange Sich still gesagt: das Große dieses „Helden“ War nicht sein Geist, es war sein plumpes Glück! Und da es von ihm wich, ergab er sich Fluchwürd'gem Müßiggang, bei Festgelagen Vergeudend Zeit und Geld. War's noch verlockend, Mit diesem dumm und blind sich ins Verderben Zu stürzen?—oder winkte jenseits nicht Mit schmeichelnderem Glanz das hohe Blutgeld, Das Rom auf des Verhaßten Kopf gesetzt?— Da atmeten die Schurken auf! Genommen War ja von ihrer Brust der Bann der Größe, Die zwingend-allgewaltig sich bezeugte Und Stillesein gebot!—Perpenna's Auge Hielt lauernd unter den Genossen Umschau Mit giftig-argem Späherblick— im Dunkeln Wob sich das Netz umgarnender Verschwörung.—

Im Lager lag Sertorius' Heer zu Osca. Gekommen war Perpenna's Tag. Mit tückisch Erlogner Botschaft eines frohen Siegs, Den jüngst ein Teil des Insurgentenheeres Erstritten habe, trat er zu dem Feldherrn Ins Zelt. Und dann zum fröhlichen Gelag, Das er zur Feier solch erlesnen Tages Zu geben denke, lud er freundlich ihn. Der Abend kam. In Strömen floß der Wein Beim Gastmahl. Von berauschenden Aromen Erzitterte die Luft im hohen Zelt. Hesperiens Blumen, seine goldnen Früchte Bekränzten leuchtend-schön das Fest. Wie Flammen Erglomm der Rebe Blut in goldnen Schalen. Doch—wie die Becher—überfloß die Lippe Der Gäste bald von schamlos-wüster Rede— Wann litt Sertorius je so niedern Brauch? Ein wilder Geist durchfuhr geheim die Seelen Und zuckte in den Mienen. Sieh, vom Polster Sich halb aufrichtend, griff nach seiner Schale Der freche Mark Anton, und so zum Feldherrn Gewendet, rief er laut: „Ein Sieg! Nun wahrlich, Ein kostbar-seltnes Ding für unser einen! Wer hörte wohl dies Wort seit langen Monden? Ein Sieg! Ich wußt' es wohl, daß dich, o Feldherr, Die weiße Hirschkuh nicht verlassen werde. Zwar hat ein andrer jetzt das Schwert geführt Als du und den willkommnen Sieg errungen. Gleichviel! Du bist am Ende doch der Sieger; Diana hilft dir durch den Arm der Freunde— Sieh, diesen Becher bring' ich deinem Glück! —Du schweigst? Durchfröstelt denn auch dich der Zweifel An dieses Glücks Bestand? Mir freilich schien es Seit langem schon, als hört ich Raben krächzen Ob unserm Haupt; ein Richtbeil sah ich blinken; Und abgeschnittne Demokratenköpfe Auf hohen Stangen winkten mir im Traume. Was tut's? Wir machen noch ein lustig Ende! Und wenn's dem Glück nicht gelten soll, so fließe Den Unterird'schen dieser volle Becher! ...“

Erriet Sertorius nicht des Frechen Absicht, Den Streit zu wecken? Wohl erriet er sie! Voll bittern Unmuts warf er schweigend sich Zurück ins Polster.

Klirrend da zu Boden Fällt eine Schale. Von Perpennas Händen Ward sie geschleudert zum verruchten Zeichen. Sieh! jählings schnellt von seinem Ruhebett Der schnöde Mark Anton empor, und wütend Bohrt er in seines Feldherrn edlen Leib Mit wildem Stoß den mörderischen Stahl. Aufspringt der schwer Getroffne. Doch bezwungen Von ihren Armen, bricht er stumm zusammen, Und ganz den unbeschützten Leib durchlöchert Von seiner Feinde gottverfluchten Dolchen, Verröchelt er am Boden ...

Banges Grausen Durchschauerte das Heer am frühen Morgen, Als es des Helden Tod vernahm, und wandeln Durch seine Reihen sah es seinen Schatten Mit Rächermienen. „In die Schlacht mit uns Zieht nun sein Geist nicht mehr!“ so flog es bebend Von Mund zu Mund, und auch des Kühnsten Wange Erblich vorm Hauch geheimer Todesahnung.—

Den Feldherrnstab mit blutbefleckten Händen Ergriff Perpenna. Planlos zum Gefechte Führt' er Pompejus alsobald entgegen Die zuchtentwöhnten, mutverlassnen Haufen. In wildem Schrecken vor dem Römerschwerte Zerstob der Aufruhrscharen letzter Rest. Gefangen ward Perpenna.—Da ein Kästchen Mit allen Briefen des Gemordeten, Die angesehne Römer insgeheim An ihn gerichtet, legte unterwürfig In seines Siegers Hände der Gefangne. Den Flammen übergab Pompejus schweigend Die Blätter—und dem Henker den Verräter. Ein Wink!—und vor des Mörders Füße rollte Sein blutig Haupt.——

Am Boden kriechend, zuckend Erstorben war des Aufruhrs letzte Flamme; Gesunken war der goldne Stern im Westen, Und Spanien lag zu seines Siegers Füßen.