Versos German Paul Heyse Frauenemancipation

German poem

Frauenemancipation

by (1830–1914)

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Im Winter war’s. Wir saßen eingeschneit, Doch warm und wohlgemuth, am runden Tische, Ein Häuflein guter Leute, buntgereiht, Auch Frauenschönheit glänzt’ in Jugendfrische, Und doch, obwohl es nicht an Witz gebrach, Flog auch einmal ein Engel durchs Gemach.

Ich, als der Wirth, der ungebetnen Gästen Höflich die Thüre weis’t, that meine Pflicht Und brach sogleich vom Zaun, dem ersten besten, Ein Thema, das man nie zu Ende spricht, Den Engeln dieser Erde stets ein Grauen: Das Thema der emancipirten Frauen.

Noch, dacht’ ich, darfst du diese Possen treiben, Bis deine Töchter erst erwachsen sind Und jedes Wörtchen hinters Ohr sich schreiben, Das der Papa hinplaudert in den Wind. Heut, da sie noch in Kinderschuhen stecken, Ist’s wohl erlaubt, die edlen Frau’n zu necken.

Doch ich bereut’ es bald. Thessaliens Damen, Die Orpheus, wie die Sage geht, zerfleischt, Löwinnen, die um ihre Jungen kamen, Bruthennen, wenn im Blau der Habicht kreischt Umsonst versuchen wir in schwachen Bildern Den Sturm empörter Weiblichkeit zu schildern!

Denn, wie ein Wort das andre giebt, geschah’s Auch dieses Mal, daß Ernst und Scherz sich mischten, Daß jenem Sprühgewölk von Spott und Spaß Auch Hagelkörner wohlgezielt entwischten. Ein ernst Capitel ist die Pädagogik, Und unversehns bedient man sich der Logik.

Nun ist die Logik wie ein Schwert; sie spaltet Harnisch und Helm im ernsten Männerstreit, Doch wo der Schönheit mächt’ger Zauber waltet, Stumpft ihre Schärfe schon ein flornes Kleid, Geschweig’ ein weißer Hals. Ich focht mit Ehren, Doch hatt’ ich Noth mich meiner Haut zu wehren.

Umsonst parirt’ ich. Meinen Gegnerinnen Galt für bewiesen: unsrer Mütter Ruhm, Am stillen Heerd sich thätig einzuspinnen, Mir dünk’ er nur ein weißes Sclaventhum; Sie sollten keck ihr Menschenrecht gebrauchen, Lateinisch lernen und Cigarren rauchen.

Rauchen? Und warum nicht? In der Türkei Raucht man im Harem statt der Handarbeiten. – „Hört! Er empfiehlt noch gar Vielweiberei!“ – Je nun, auch sie hat ihre guten Seiten. (So im Gedränge zwischen Ernst und Lachen Entschlüpfen einem sehr gewagte Sachen!)

Dies nur beiseit. Doch da, wo unbestritten Von je geblüht die schönste Frauenflora, Berühmt durch monogamisch reine Sitten, Am grünen Tajostrand, raucht die Sennora Sammt ihrer Magd puros und cigarritos, Und wie man sagt, nicht blos für die Mosquitos.

Ein Beispiel ist’s, ich werf’ es nur so hin Und will euch diese Uebung gern erlassen. Zum Frauenmund – so weit ich Kenner bin – Scheint mir der Duft Havanna’s nicht zu passen. Doch wie verrathen Lippen, die wir küssen, Ob sie Horaz zu buchstabiren wissen?

Latein – nun freilich wohl, es ist entbehrlich, Doch lerntet ihr’s, es würd’ euch nicht entweiben. Noch keiner Tugend ward es je gefährlich, Und statt die Zeit leichtsinnig zu vertreiben Mit Dumas fils und ähnlichem Gelichter, Les’t lieber noch Roms übermüth’ge Dichter.

Ja nur zum Hausgebrauch. Denn wär’ es Usus, Käm’ euch so manches Wort nicht spanisch vor, Als: tempora mutantur, und: abusus Non tollit usum, und: excelsior! – Da sprach die Jüngste rasch: „Doch heißt es ja: Mulier taceat in ecclesia!“ –

Kein Hieb und Stich trifft uns mit solcher Schwere, Als wenn der Feind von uns sich Waffen stahl. Ja, warf ich hitzig ein, das ist die Lehre. Der „guten alten Zeit!“ Doch wagt’s einmal, Statt Aeltermutter-Weisheit nachzubeten, Den steilen Pfad zur Freiheit zu betreten.

Wagt, frei zu sein! – Und Eine sprach: „Du weißt, Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.“ – Und ich: Die Sitte folgt, wohin der Geist Sie herrschend lenkt, gern seinem Führertritte. Unsittlich ist nur Eins: sein tiefstes Leben Hinopfern, um am dumpfen Brauch zu kleben.

Zwar Jene, die sich strebend losgerungen Vom Schlendrian, dem längst der Geist entwich, Nur selten haben sie den Sieg errungen Und fielen tragisch oder lächerlich. Der Enkel erst zeigt staunend ihre Spuren Und ehrt das Schicksal höherer Naturen.

Denn kommen wird ein lichteres Jahrhundert, Das über Sitten, die ihr heute preis’t, Mit Achselzucken lächelnd sich verwundert, Wie man die Zeiten heut barbarisch heißt, Wo noch die Kunst, zu schreiben und zu lesen, Geheimniß wen’ger Sterblichen gewesen.

Wie? spotten dann die Enkel, jenen Frau’n War’s eine Wohlthat, sich beschränkt zu wissen? Die je entsprang dem engen Breterzaun Der Vorurtheile, ward vom Wolf gebissen? Sie weideten gleich einer frommen Heerde Unschuld’ger Lämmer auf umpferchter Erde?

War anders Fleisch und Blut? Wog ihr Gehirn Nicht dem der Männer gleich? Warum die Schranken Um ihre reingewölbte Menschenstirn? Warum entfernt vom Kampfe der Gedanken Im öden Dienst alltäglicher Geschäfte Vergeudeten sie ihres Geistes Kräfte?

Rechtlos, gedankenlos – – und weiß der Himmel, Was ich noch sonst gehöhnt, verleumderisch; Da in des Kampfes heftigstem Getümmel Erscholl der Segensruf: Zu Tisch, zu Tisch! – Beim Essen hab’ ich stets den Streit gemieden; So ward denn Frieden – doch ein fauler Frieden

Erfahren sollt’ ich’s, daß ich einen Gegner Gereizt, der unversöhnt auf Rache sann Und nur zu bald mit dreifach überlegner Mannschaft und List die Fehde neu begann. Die klugen Frau’n! sie warben rasch entschlossen Die schwachen Männer selbst zu Bundsgenossen.

In eines Freundes Haus werd’ ich geladen, Wo sich die muntre Jugend oft ergötzt Im Carneval an Schwänken und Charaden. Ich, da ich kaum mich arglos hingesetzt, Seh’, wie der Hausherr lächelt, winkt und blinzt, Wie wenn man sagt: Heut ist’s auf dich gemünzt!

Die Klingel tönt, auf thun sich die Gardinen, Und ein Gemach erscheint, ganz übersät Mit Büchern, Globen, chemischen Maschinen, Auch ein Skelet als schmuckes Hausgeräth; Ein Mann tritt auf, zerrissen und zerzaus’t – Halt! denk ich, heut vergreift man sich am Faust. Doch weit gefehlt. Gleich in den ersten Sätzen Macht er dem werthen Publicum bekannt, Er wisse diesen Trödel nicht zu schätzen, Doch seine Frauen hätten mehr Verstand. Im zwanzigsten Jahrhundert, wie man sehe, Sei ihre Bildung auf der wahren Höhe.

Er habe zwar, Gott sei’s gedankt, nur drei, Und doch in diesen drei der Facultäten, Da seine Fanny Doctor juris sei, Nanny entdecke Sonnen und Planeten, Die liebe Betty sei Prosectorin Und just Magnificenz und Rectorin.

Die Theologin fehle noch. Inzwischen Ueb’ er sich selbst in christlicher Geduld Und pfleg’ auch in die Wirthschaft sich zu mischen, Denn, sehr natürlich, hinterm Schreibepult Sei keine Zeit für niedre Interessen, Für einen Mann und für das Mittagessen.

Nun wiss’ er wohl, das sei des Fortschritts Segen, Doch Maß zu halten ziem’ in allen Stücken. Sein Doctor juris müßte – von Rechtswegen – Ihm endlich doch den alten Schlafrock flicken, Die Anatomin an den Braten denken, Nanny den Himmel ihm auf Erden schenken.

Fürwahr, nicht länger lass’ er mit sich spaßen, Nachgrade geh’ es gar zu kunterbunt. Ein Mann sei auch ein Mensch gewissermaßen, Und müss’ er länger leben wie ein Hund, So hol’ der Henker – aber horch, sie kommen! Muth jetzt! Kein Blatt mehr vor den Mund genommen!

Und sieh, es treten ein drei junge Frauen, Die Feder hinterm Ohr, sonst ganz charmant, Die den Gemahl so obenhin beschauen, Als wär’ er ihnen nur von fern bekannt. Sie nehmen Platz am Tisch, und eine Jede Hält eine zierliche Kathederrede.

Der gute Mann scheint selbst davon erbaut, Doch endlich mahnt Natur an ihre Rechte. Ihr Theuren, fleht er mit gedämpftem Laut, Wie wär’ es, wenn man jetzt die Suppe brächte? Ich hungre wie ein Wolf und möcht’, indessen Ihr weise Reden führt, zu Mittag essen.

Dich hungert? spricht die Eine vorwurfsvoll: Wann lernst du nur, dich von Idee’n zu nähren? Nimm dir ein Vorbild, wie man leben soll, Ein leuchtendes, an jenen Himmelssphären, Die ruhelos um ihre Achse kreisen Und Aether nur und Sonnenstrahlen speisen.

Ich selbst, obwohl ich Nachts im Sterngefild Die ganze Bahn des Uranus durchschritten, Ich habe meinen Hunger nur gestillt Mit ein’gen aufgewärmten Kegelschnitten Und zog mir heute früh zum Morgenschmaus Zwei kleine Wurzeln dritten Grades aus.

Vergieb ihm, Schwester, redet sanft die Zweite; Der Hunger auch gehorcht Naturgesetzen. Der Chylus sehnt sich, daß er Blut bereite, Dynamisch will er Nahrungsstoff zersetzen, Erneu’n den Trieb der feinen Lebenssäfte Mit Hülfe der molecularen Kräfte.

Doch die vulgäre Sitte, sich zu mästen Mit Fisch und Fleisch – wie roh und abgeschmackt! Ich geb’ euch heute einen Stoff zum Besten, Den ich benannt „Vegetations-Extract“. Seht hier, nur erbsengroß, leicht zu verdauen, Woran wir sonst zwei volle Stunden kauen.

Ein Drittel Stickstoff, Kohlenstoff ein Drittel, Das dritte Drittel Hydropyrozon. Komm, lieber Gatte, koste dieses Mittel! – Und er: Nein, großen Dank! Vom Namen schon, Vom bloßen Anblick fühl’ ich neue Kraft. Da seht, welch ein Triumph der Wissenschaft!

Rasch meinen Hut! Ich will ins Kaffeehaus. Hier aber fehlt an meinem Rock ein Knopf. Christel!! – Und Fanny sprach: Die Magd ging aus. Wir kennen leider ihren harten Kopf; Sie bleibt dabei, ich dürfe sie nicht strafen Nach des gemeinen Hausrechts Paragraphen.

Sie will sich nun ein Corpus juris leih’n; Dort, faselt sie, sei allen Domestiken Das Recht verbürgt, impertinent zu sein. Drum kann sie den verlornen Knopf nicht flicken, Und magst du nicht die kleine Lücke leiden, Rath’ ich, die andern auch vom Rock zu schneiden. –

Ein weiser Rath! Doch wenn du selber, Fanny – – – Ich muß in’s Schwurgericht, um zu plaidiren! – Du aber bleibst zu Hause, theure Nanny? – – Ich muß die Sonnenflecken observiren. – Und du, Bettina, vielgeliebtes Wesen? – – Verzeih’, ich habe jetzt Colleg zu lesen.

Und feierlich mit strengen Amtsgesichtern Rauscht das gelahrte Kleeblatt aus der Thür. Der Gatte sieht sie scheiden, stumm und schüchtern, Dann ruft er: Rache dieser Ungebühr! Nicht länger will ich hungern, dürsten, frieren, Auch ich – auch ich will mich emancipiren.

Noch heute rück’ ich ein in’s Tageblatt: Ein Mann von Bildung und von angenehmen Manieren, der bereits drei Frauen hat, Wünscht eiligst eine vierte Frau zu nehmen. Die strengste Discretion ist Ehrenpflicht, Auf Schönheit und Vermögen sieht er nicht.

Ja, würd’ ein Kobold selbst ihm angetraut, Doch wie die Engel lebten sie zusammen. Auf Einem nur besteh’ er fest: die Braut Müss’ aus dem vorigen Jahrhundert stammen Und durch Atteste, die es klar bescheinigen, Sich vom Verdacht moderner Bildung reinigen.

Doch nähen soll sie, kochen, waschen, flicken, Und in ein Buch – das Kochbuch nehm’ er aus Und das Gesangbuch – nie und nimmer blicken, Und Notabene: käm’ es je heraus, Daß sie die Schriften von P. H. gelesen, Sei sie die längste Zeit sein Weib gewesen.

Mit dieser Nutzanwendung schloß das Spiel. Applaus erscholl, Hervorruf wie gebührlich; Ich, aller schadenfrohen Blicke Ziel, Rief, klatschte, lacht’ am hitzigsten natürlich. Was sollt’ ich thun, gefangen in der Falle, Meuchlings gefoppt, ich Einer gegen Alle?

Kein Spielverderber sein und Spaß verstehn! Und so bedankt’ ich mich für „gnäd’ge Straf’“. Doch Eine sprach: Es wird uns schlimm ergehn. Er schnellt den Pfeil zurück, der heut ihn traf, Bringt unsre Schwächen in den Mund der Leute Und schreibt ein Stück: „Die guten Frau’n von heute“.

Nein, meine Theuren, nichts von Aug’ um Auge Und Zahn um Zahn! Ich bin mir wohl bewußt, Daß ich zum Molière dieser Zeit nicht tauge, Und euch zu lästern spür’ ich keine Lust. Auch lernt’ ich: blancas manos non offenden, Die Wunden schmerzen nicht von schönen Händen.

„So giebst du dich besiegt?“ – Für heute gern! Den Kürzern zög’ ich doch in diesem Streite. Im Carneval hält man den Ernst sich fern, Die Lacher sind einmal auf eurer Seite. Ich tisch’ ein andermal, als Fastengabe, In Versen auf, was ich zu sagen habe.

„Die Hand darauf?“ – O, warum schlug’ ich ein! Nun wär’ ich des Gelübdes gern entledigt, Denn wenig Gunst erwirbt sich insgemein, Wär’ sie gereimt auch, eine Fastenpredigt, Dazu ein Text, von allen controversen Der controverseste, und das in Versen!

Indeß, die Verse, wenn man’s recht bedenkt, Sind noch ein Trost. Entschlüpft mir wider Willen Ein Wort, das zarte Leserinnen kränkt, Versüßen Vers und Reim die innern Pillen. Narkotisch wirkt die Poesie und lullt sie In holden Traum ein. Utile cum dulci!

„Nur kein Latein mehr, Herr Poet. Du weißt, Wir sind nur schlecht und recht fürs Haus erzogen.“ – Halt, meine Damen! Zwar, euch fehlt zumeist Die Textkritik der echten Philologen, Doch daß es an Gelehrsamkeit euch fehle, Verleumdung ist’s, bei meiner armen Seele!

Euch drückt das Gegentheil: ihr lernt zu viel! Bedenkt, vier Sprachen plaudern oder lesen, Geographie vom Nordpol bis zum Nil, Geschichte von Aegyptern und Chinesen Bis auf den letzten Mohikaner, jenen, Um den ihr weintet süße Backfischthränen;

Ein Abriß dann der Literargeschichte Von Ulfilas bis Heine (exclusive), Poetik auch (das Fräulein macht Gedichte), Dogmatik (freilich nicht die apokryphe) – Mich dünkt, ihr könnt bei so immensem Wissen Das bischen Griechisch und Latein wohl missen. Und strömt ihr nicht, wenn ihr mit sechzehn Jahren Der Schule, der Pension entwachsen seid, Um euren Schatz vorm Rosten zu bewahren, Dem Hörsaal zu und lauschet dichtgereiht, Wenn große Männer edlen Trieb verspüren, „Die Wissenschaft in’s Leben einzuführen“?

Von Allem nur die Blume, nur den Saft! Heut Humboldt’s Kosmos, morgen Kant und Fichte. Ein heitrer Vortrag über Stoff und Kraft, Ein Blick in römische Culturgeschichte, Zoologie, Geologie, Botanik, Akustik, Ethik, himmlische Mechanik.

Dann tritt ein hochberühmter Forscher auf Und spricht zwei Stündlein über Karl den Kahlen, Auch der Statistik läßt man freien Lauf, Nur schenkt man euch die leidig trocknen Zahlen; Der Chemiker spielt vollends den Galanten Und macht ein Feuerwerk von Diamanten.

Nicht wahr, das blitzt, das funkelt? Und zu Haus Arbeitet dann das Fräulein Nachts verstohlen Wie ein Student ein saubres Heft sich aus Und schreibt: „Demanten brennen wie die Kohlen.“ Dann legt sie sehr gebildet sich zu Bette Und träumt – vom letzten Ball, was gilt die Wette?

Und wär’s zu tadeln? Jugend will ihr Recht. Ich bin der Letzte, der es ihr mißgönnte, Vielmehr bedünkt es mich, daß eu’r Geschlecht Viel Bücherkram sich billig sparen könnte, Der, wär’ er sonst auch noch so wissenswerth, Das Eine doch, was Noth, euch nimmer lehrt.

„Und dieses Eine?“ – Ja, gesteh’ ich’s ehrlich, Mir fehlt der Muth, es unverblümt zu sagen. – „Der Muth? warum?“ – Im Zorn seid ihr gefährlich, Und nur zwei Augen hab’ ich dran zu wagen! – – „Wir woll’n im Voraus dir die Strafe schenken. Nur dreist heraus! dies Eine ist –?“ – Das Denken.

– „Das Denken? Ei, wir dächten doch, wir denken Zum Nothbedarf.“ – Gewiß; wie Frauenzimmer! – – „Mag sein; doch unsre kleine Welt zu lenken Und euch am Narrenseil, genügt es immer. Wie, oder willst du gar – es ist zum Lachen! – Uns, ohne Bart, zu Philosophen machen?“ –

Euch? Wie ihr fragt! Ist denn von euch die Rede? Anwesende sind immer ausgenommen. Von euch, ihr Liebenswürdigsten, ist Jede, So wie sie geht und steht, durchaus vollkommen. Ich spreche nur – wie könnt’ ich’s anders meinen! – Vom weiblichen Geschlecht im Allgemeinen.

Denn jene Einzlen, die wie höh’re Wesen Sich nur verirrt in diese niedre Welt, An Adel, Reiz und Huld so auserlesen, Daß Ehrfurcht, wenn sie nah’n, die Seele schwellt, Sie, denen willig wir zu Füßen sänken, – Wem fällt es ein zu fragen, ob sie denken?

Schooßkinder der Natur, aus ihrer Fülle Begabt mit Allem, was uns Armen fehlt; Siegreiche Kraft in zartgewobner Hülle, Die holde Form vom reinsten Hauch beseelt; Und wandeln sie im Schooß der Mitternächte, Mit blindem Griff erwählen sie das Rechte!

Sie mögen nur dem Gott im Busen lauschen, Und immer ohne Fehl beräth er sie. Mit keinem Weisen brauchen sie zu tauschen, Denn ihr Geschlecht allein ist ihr Genie. Sie – – doch ich merke, daß ich Hymnen schreibe, Ein Liebeslied, ein hohes Lied vom Weibe.

Und doch, aus andrem Tone wollt’ ich singen. Kommt, laßt uns offen reden, meine Guten. Die Sach’ ist wichtig; drum vor allen Dingen Die Höflichkeit beiseit auf fünf Minuten! Gesteht, im Allgemeinen habt ihr Mängel; Viel Evastöchter sind – und wenig Engel.

Nun denn, und diese Mehrzahl, schwach genug, Wie stößt man sie hinaus ins rauhe Leben? Wer sorgt, euch gegen Trug und Selbstbetrug Den Schild, den Schirm, die Leuchte mitzugeben, Will sagen: die Vernunft, die klare, wache? Vernunft? Behüte! Die ist Männersache.

So hätten sich der Schöpfung stolze Herrn Den Löwenantheil listig vorbehalten? O diese Selbstischen! sie möchten gern Im Puppenstand euch lebenslang erhalten, Vielleicht aus Furcht, die Zügel zu verlieren, An denen sie euch doch nur schlecht regieren.

Sagt selbst, wenn ihr die Augen aufgeschlagen Und euch erblickt in dieser fremden Welt, Bestürmen nicht auch euch die Räthselfragen, Die uns die alte Sphinx, das Leben, stellt? Woher? wohin? was ist die letzte Meinung Mit diesem All buntwechselnder Erscheinung?

Der Ursprung dunkel, tiefverhüllt das Ziel, Die Nähe sorgenvoll und bang die Ferne, Und rings um euch ein hastig Schattenspiel, Erzeugt vom Strahl der magischen Laterne – Wie soll die schöne junge Menschenseele Erkennen, wen sie sich zum Führer wähle?

Wie lockend spiegelt ihr ein Jeder vor: Komm, folge mir! Ich helle dir die Pfade! Da winkt ein Irrlicht, hier ein Meteor, Dort ein Komet und drüben die Plejade. Das arme Kind mit zweifelndem Gewissen Geht zum Papa; der wird doch Hülfe wissen.

Ja Der! Der küßt sein Mädchen auf die Stirn Und spricht: Mein Püppchen, das sind heikle Dinge, Noch viel zu schwierig für ein junges Hirn. Strick’ lieber deinen Strumpf und tanz’ und singe, Doch dir den Kopf zerbrechen? – ei, das wäre! Zu Ostern kommst du in die Christenlehre.

Nun soll der Gottesmann die Zweifel schlichten, Und welch’ ein hoffend Herz bringt sie ihm zu! Den aber plagt Metaphysik mit nichten; Nur Eins ist Noth, daß Jeder Buße thu’, Den Teufel als den Erzsophisten hasse, Den Herrgott einen guten Mann sein lasse.

Du grübelst, Kind? Das ist der Seele schädlich. Hinweg damit! Glauben ist mehr denn Wissen. – Die junge Sünderin zerknirscht sich redlich, Küßt ihm die Hand, stickt ihm ein Sophakissen, Die alten Scrupel melden sich nur selten; Froh ist sie, endlich auch für voll zu gelten.

Concert, Theater, Bälle, Badereisen, Man hat Talente, dichtet, malt und singt Und spielt Komödie in Familienkreisen, Und wenn die erste Liebe Leiden bringt, Die werden bald verschmerzt im Arm des Gatten. Bei so viel hellem Licht – wo bleibt der Schatten?

Er bleibt nicht aus. Dich überrascht die Stunde, Wo es wie Schuppen dir vom Auge fällt: Wie reich du dich bedünkst, du bist im Grunde In schwerer Prüfung auf dich selbst gestellt. Das Leben schien dir ohne Pfand zu leih’n Und kommt zuletzt und steht auf seinem Schein.

Wohl dir, wenn dann ein frommer Kinderglaube Dir nie versagt, wenn, wie der Sturm auch weht, Stets dir ein Oelblatt bringt die heil’ge Taube. Doch Vieles ist, was nicht geschrieben steht, Was räthselhaft den tiefverstörten Geist Mit strenger Mahnung in sein Innres weis’t.

Und hast du dann im Innern ein Asyl, Ein heimliches, wohin die Seele flüchte, Daß sie mit still gesammeltem Gefühl Den Widerstreit von Pflicht und Neigung schlichte? Verlorst du nicht im Taumel eitler Lust Das Heimathsrecht in deiner eignen Brust?

Und wenn du glücklich bist, wenn Schuld und Schmerz Nie feindlich drohten deinem Seelenheile, Hast du auch Waffen, unerfahrnes Herz, Für deinen treusten Feind, die Langeweile? Ich höre schon, die Antwort ist bereit: Die Mutterpflichten kürzen uns die Zeit.

Gut denn! Ein Dutzend Kinder, nehm’ ich an, Sind Tag für Tag zu waschen und zu wiegen. Doch auch die Feierstunde rückt heran, Wo alle friedlich in den Betten liegen. Dann – – „Glaub’ es nur, dann ist man viel zu müde, Als daß man noch mit Denken sich belüde.“ –

Wohl! Doch die Jahre flieh’n; die Kinderschaar Entwächst einmal der Mutterzucht und -Pflege. Das Haus wird leer, das voll Gewimmel war, Im Schooße ruht die Hand, die einst so rege. Dann, dünkt mich, wär’ es zu bedenken Zeit, Daß ihr vernunftbegabte Wesen seid.

Was dann? – „Nun dann – da sind die Zeitungsblätter, Der neueste Roman und der ‚Bazar‘, Kaffeebesuche, ein Gespräch vom Wetter, Von langer Weile wird man nichts gewahr.“ – Nichts? wirklich Nichts? Habt ihr die langen Stunden Des kurzen Lebens niemals leer gefunden? Doch ihr verleumdet euch. Ihr sprecht, ich weiß, Zu eurem Mann von mancherlei Problemen. Der aber meint, sehr überflüssig sei’s, Zu spintisiren. Aller unbequemen Idee’n hab’ er sich selber längst entschlagen. Er hat ja Geld. Soll er mit Geist sich plagen?

Zu denken geb’ ihm sein Geschäft genug, Er hasse gründlich die gelehrten Weiber. Philosophie sei eitel Lug und Trug, Geschichte? ein Gespenst der Zeitungsschreiber! Er lobe sich, was jetzt an ihre Stelle Getreten, das Solide und Reelle.

Komm, küsse mich; kauf’ dir ein neues Kleid! Heut Abend sollst du den ‚Propheten‘ hören. – Spricht er nicht so? Und lernt ihr mit der Zeit Nicht auch, den Trieb zum Ew’gen abzuschwören, Als unfruchtbar? Nur einer tiefern Seele Bleibt das Gefühl, daß es am Besten fehle.

Vielleicht ist sie nicht schön mehr, nicht mehr jung, Nicht eitel mehr, dafern sie’s je gewesen (Auch weiße Raben giebt’s); Erinnerung Ist kein Roman, um sich in Schlaf zu lesen. Vielleicht wollt’ ihr der Himmel nie bescheren Das Glück, ein Kind an ihrer Brust zu nähren.

Vielleicht, so freundlich sie sie aufgeschmückt, Stehn manche Kammern ihres Herzens leer. Mit Blumen, wie man sie auf Gräbern pflückt, Bekränzt man keine Freudenfeste mehr. Der Tag, der Flügel hat, so lang wir lieben, Trägt Bleigewichte, wenn wir einsam blieben.

Die Hoffnung schwand, das Leben zu genießen, Der Drang erwacht, das Leben zu verstehn. Nun, Freudenlose, willst du dich entschließen Und bei den Weisen in die Lehre gehn? Wie hart die Schulbank sei, du wirst’s erfahren, Nach Sexta wandernd in ‚gewissen Jahren‘.

Zwar bleibt ein andrer Weg. Versuch es dreist, Was Schritt für Schritt zu steil ist, zu erfliegen. Die Feder, wie bekannt, beschwingt den Geist Und lehrt ihn, sich im luft’gen Nebel wiegen, Daß Frauen schreiben, ist ein guter Brauch: ’s ist eine Handarbeit wie andre auch.

Verzeiht den Scherz; schon widerruf’ ich ihn. Verpönt sei das beliebte Naserümpfen, Wenn ihr das Pfund benutzt, das euch verlieh’n, Und Niemand rede mehr von blauen Strümpfen. Laßt lieber euch an jenen Wahlspruch mahnen: Wir öffnen dem Talent die höchsten Bahnen.

Doch nur der Schweiß kann euch zu Meistern weih’n. Kein Denker fällt vom Himmel, kein Poet; Wollt ihr euch ernstlich in die Kette reih’n, Sorgt, daß ihr zeitig in die Schule geht, In eine Schule, wo von allem Wissen Nicht nur genascht wird, sondern angebissen.

Und nun, andächt’ge Hörerinnen, merkt, Mein Credo ist: so wie man’s heute treibt, Wird nur die Schwäche des Geschlechts bestärkt; Wir schmeicheln euch, daß ihr die Schwächern bleibt; Und während wir euch knechten und verwöhnen, Sollt ihr uns Männer ziehn aus unsern Söhnen!

Wie? lehrte man euch jemals, Ernst zu machen, Zu waffnen euren Geist zu Schutz und Trutz? War’s nicht ein Spiel mit bunten Siebensachen, Ein Trödelkram, ein loser Flitterputz, Nur brauchbar, im Salon damit zu glänzen? Hinweg mit diesen leichtverwelkten Kränzen!

Was ihr auch lernt, schärf’ eures Geists Organe, Und Plato’s hohem Fluge folgt ihr noch. Erwacht aus jenem tausendjähr’gen Wahne, Was ihr nicht spielend faßt, sei euch zu hoch. Der Schaum des Lebens nur ist Lust und Lachen, Die Neige bittrer Ernst: lernt Ernst zu machen!

Und wär’ Gefahr, daß ihr im Wissensdrange Vergeßt, wozu Natur das Weib erschuf? Davor, ihr Zärtlichen, sei euch nicht bange; Denkt jener Philosophin von Beruf, Die nie verlernt hat, Abälard zu lieben, Obwohl sie sich latein’sche Briefe schrieben!

Nein, jene Ströme, die so labend fließen, Drin sich Jahrtausende gespiegelt sehn, Man soll sie nicht dem ‚schwächern Theil‘ verschließen, Weil ihre Wogen tief und reißend gehn. Ich sage: Kommt! Ihr Alle seid geladen, Vom Staub des Tagewerks euch rein zu baden.

Zwar dieser Ladung, Dank dem hochwohlweisen Urväterzopf, folgt ihr für’s Erste schwerlich, Und ein Professor wird vielleicht beweisen, Das Denken sei der Muttermilch gefährlich, Es mache taub und blind und unfruchtbar Und bringe gar die Kochkunst in Gefahr.

Dies Alles laß ich gern dahingestellt Und bin so frei, mein Theil davon zu denken. Ich weiß, ’s ist etwas faul in dieser Welt; Wohl mir, daß ich nicht kam, sie einzurenken. Dies ist vielmehr die Pflicht des Herrn Professors; Ich pred’ge hier und sage nur: Gott besser’s!

Und nun zum Schluß, andächtige Gemeinde: Friede sei zwischen uns! Was ihr auch denkt Vom Denkenlernen, meine schönen Feinde, Denkt nur nicht schlimm von mir; vielmehr bedenkt, Ich bin vielleicht kein Seelenhirt für Damen, Doch euer Freund, und Gott versteht mich. Amen!