German poem
Ora pro nobis
by Peter Rosegger (1843–1918)
Gedanken in der Kirche zu Zell.
Sie weinen, daß Trän' um Träne perlet über die Wangen—der Perlenschnüre schönste, die sie der himmlischen Frau mögen weihen. Sie weinen und beten mit hochgefalteten Händen, wie so brünstig auf keiner Stätte im irdischen Tale sonst sie können beten. Eherner Bildsäule gleich knien sie da, oder wandeln, das flackernde Licht in der Hand, wohl leichenblaß in langen Reigen den Kreuzgang dahin, oder wallen kniend im Bußgewand um den Altar, oder liegen auf kaltem Stein hingestreckt wie leblos, die Arme zum Kreuze gebreitet. Unter solchen Gebärden bangend und hoffend, schreit das zitternde Herz: »Maria! Zuflucht der Sünder, Heil der Kranken, Trost der Betrübten, Licht der Sterbenden, bitte für uns: Ora pro nobis!«
Und siehe! Vom stillen, uralten Bildnis nieder träufelt die Gnade, der Beter Gemüt ist erleichtert, wie Berghauch frisch weht Hoffnung und Zuversicht durch das schwüle Herz. Aufrecht wieder steht der irdische Leib, im Aug' die Träne der Freude: Erhört! Erhört zu Zell von Maria!
Mit starkem Mute gehen die Pilger dem Heim zu, sei es zu ferneren Widerwärtigkeiten des Lebens, sei es zur Bahre—sie gehen getrost, Maria geht ihnen zur Seite und führt sie durch Jammer und Grab als treue Mutter zum ewigen Leben.
Auch dort dem Fremdling pocht schon der Tod ans liebehaschende Weltherz. Sein Wesen schauert im Anblick der Grauen des ewigen Grabes. Einen Ruf nach Rettung erpreßt der Verzweiflung Gewalt ihm, der Schrei gellt hohl in den Hallen des Tempels, daß flattert erschreckt aus dem Nest die Schwalbe. Das uralte Holz in der Zelle ist taub.
O armes, geliebtes, von allen Himmeln verlassenes Weltkind! Das uralte Holz in der Zelle hilft niemand. Maria, des Heilands süße, barmherzige Mutter, die jene wallenden Beter lebendig im Herzen tragen, des Glaubens innere Wirklichkeit—sie wirket Wunder. Es ist keine Mär, Maria wirkt jeden Tag Wunder im Menschengemüte und übt eine göttliche Kraft, die irdischer Macht nicht vergleichbar.